Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1876
- Date
- 1876-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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4 Dass in der That die׳ systematische Form in den Quellen der jüdischen Ethik nicht vorhanden ist, steht fest, ist aber im Charakter und in der Aufgabe derselben so sehr begründet, dass das Gegentheil ein entschiedener Mangel wäre. Die Bibel, als die älteste, ist darin massgebend auch für die späteren Quellen gewesen. Sowohl die Gesetzesgruppen der Torah wie die Spruchsammlungen in den Hagio־ graphen gehen in erster Linie auf einen praktischen Erfolg ihrer Weisungen bei sämmtlichen Mitgliedern der verschiedenartigen Gesammtheit aus; sie wollen die Gesinnung bestimmen und die Handlungsweise regeln durch unmittelbare Einwirkung auf Gemüth und Willen, nicht auf dem Umwege theoretischer Belehrung. Es liegt ihnen daher der Gedanke fern, einem wissenschaftlichen Bedürfnisse genügen zu wollen; der grössere Theil ihrer Bekenner empfindet ein solches nicht, hat dafür kein Verständniss und würde bei solcher Darstellung fast leer ausgehen. Gerade die wechselvolle Mannigfaltigkeit eindringlicher Mahnungen oder kerniger Sprüche prägt sich schneller und tiefer in die Seele der Zuhörer oder Leser. Nicht die symmetrische Gliederung des Systems, sondern die zusammenhängende Reihenfolge innerlich oder äusserlich verwandter Lehren und Weisungen, bildet für die Aneignung und das Behalten, sowie für die in der Bibel unverkennbare erziehende Tendenz die geeigneteste Darstellungsform. Es muss den höher Gebildeten Vorbehalten bleiben, die auf das Seelenleben und die praktische Einwirkung berechnete Form in eine dem wissenschaftlichen Bedürfniss entsprechende Gestalt umzusetzen. Und eben dieses Bestreben ist es, aus welchem die verschiedenen Yersuche hervorgegangen sind, die jüdische und die philosophische Ethik behufs einer geordneten und übersichtlichen Darlegung zu verbinden. Das Bedeutendste an Tiefe und Gehalt hat in dieser Beziehung Moseli b. Maimim (1135—1204) geleistet. Seine Ethik näher zu untersuchen, soll im Folgenden unsere Aufgabe sein. Jedoch müssen wir vorher 1. seine Quellen, 2. seine jüdischen Vorgänger in der^ ethischen Literatur, 3. die vorwiegende Aufgabe der jüdischen Ethik in seinem Zeitalter und seine Stellung dazu, 4. seine Schriften zur Ethik einleitend durchgehen.