Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1876
- Date
- 1876-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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3 lehre ergriffen und wissenschaftliche Darstellungen veranlassten, welche dasselbe in neuer Gestalt und Beleuchtung, der jedesmaligen Bildung und Anschauung angepasst, vorführten, so gaben sie auch den Antrieb und erweckten das Bedürfniss nach neuen Bearbeitungen der jüdischen Ethik, um dieselbe nach den gangbaren Mustern in ihr volles Licht zu setzen. Mit diesem Bestreben verband sich zugleich eine Entlehnung der leitenden Gesichtspunkte and der Gruppirung des Stoffes. In den Quellen selbst schien dafür ein Anhalt zu fehlen. Es hinderte hierbei nicht allein jenes anscheinend regellose Durcheinander von Glaubenslehren, Rechtsbestimmungen und ethischen Mahnungen, wovon wir oben gesprochen haben, sondern es schienen auch die beherrsehenden Anschauungen für die ethische Lebenseinrichtung zu fehlen. Bekanntlich sind solche umfassende Sätze in den älteren wie in den jüngeren Quellen allerdings vorhanden; nur sind sie nicht als solche aus der Reihe der ihnen untergeordneten und aus ihnen sich ergebenden herausgehoben, sind nicht an die Spitze als leitende Ausgangspunkte gestellt worden, sondern müssen erst erkannt und in das richtige Verhältniss zu den anderen gesetzt werden. So ist das Gebot der Nächstenliebe in seiner allgemeinen Fassung1) wie in seiner besondern Beziehung auf den Fremdling2) derartig zwischen Einzelgesetze gestellt, dass seine überragende Bedeutung leicht übersehen wird — ganz wie die höchste Religionswahrheit des Judenthums von der Einheit Gottes3) und das oberste Religionsgesetz von der unbegrenzten Liebe zu Gott4) nur durch ihren Gehalt sich aus ihrer Umgebung herausheben. — Hiermit hängt es denn zusammen, dass auch eine systematische An- Ordnung der einzelnen Gesetze in den jüdischen Quellen weder gefunden wurde, noch in der That zu finden ist. Es mag den an eine systematische Gruppirung anderweitig gewöhnten Denkern, wenn sie das Ganze der jüdischen Ethik aus den Quellen darzustellen hatten, wohl so zu Muthe gewesen sein, wie dem Künstler, der eine bunte Menge köstlicher Juwelen vor sich hat und nur die angemessene Auswähl und Anordnung unter ihnen zu treffen, sowie die richtige Fassung seinerseits hinzuzufügen hat, um ein herrliches Geschmeide nach Wunsch und Bedürfniss herzustellen. 3 ר. Mos. 19, 18. 2) Das. Y. 34. 3) 5. Mos. flf, 4. 4) Das. Y. 5. 1*