Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1875
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 94)
- Language
- German
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196 das dem der besten Scribent-en jener Zeit an die Seite gestellt werden darf, und das den Späteren den bestrickenden Reiz platonischer Rede zu erreichen schien. Die meisten anderen Hellenisten — alle, deren Fragmente Alexander gerettet hat — haben eine wahre Mutterspräche nicht gekannt und mit ihr des reinsten, ursprünglichsten, unentbehrlichsten Quelles aller dichterischen Begabung und Dar- Stellung entbehrt, den keine mühsam erlernte und keine Mischsprache zu ersetzen vermag. Der Muttersprache aber entbehrten sie, weil sie keine wahre Heimath besassen. Palästina, von Parteien und Sect-en zerwühlt, zertreten von ägyptischen, syrischen, römischen Heeren, ohne Stetigkeit der politischen Zustände und der litterärischen Ent- Wickelung, bewohnt von einem Gemisch verschiedenster einander feindlich gesinnter Völkerschaften, von Judäern, Samaritanern, Griechen, Phönikern, Idumäern und anderen semitischen Stämmen, und durch diese, wie durch die stets wechselnden Invasionen der Ausländer, bald fremden bald nationalen Strömungen zugetrieben, Palästina war auch den Hellenisten keine Heimath, die auf seinem Boden lebten, selbst einem Eupolemos nicht, der die glorreiche, aber bald gehemmte Thätigkeit Juda Makkabi’s wie die kurze Bahn eines leuchtenden Meteors hatte aufsteigen und niedergehen sehen. Unter den schmerzvollen Kämpfen der Gegenwart, im leidenschaftlichen Streite der Parteien vermochte auch er trotz aller Liebe zu seinem Volke und seiner Religion den Blick nicht abzuwenden von der fremden Gesittung und Litteratur. So war seine Heimath weder bei dem Volke, mit dem Hoffnung und Erinnerung und religiöse Ueberzeugung ihn verband, noch und gewiss viel weniger bei dem, dessen Schriftthum er studirte, und dessen Sprache er schrieb. Sein Geschichtswerk wollte griechisch und judäisch zugleich sein, und weil es beides sein wollte, ist es keines von beiden. — Doch die Ungunst der Zeiten entfremdete ihn und seine Genossen nicht bloss der Heimath, sie wirkte, wenn auch nur mittelbar, verderblich selbst auf Form und Inhalt der Geschichtschreibung. Es gab in dieser glanzlosen Zeit keine Dichtkunst mehr, die das Leben mit idealem Gehalt füllen, verklären und erheben konnte. Weil aber die Phantasie ihre Rechte verlangt, und die Lust an menschlich freier Gestaltung der harten Wirklichkeit unzerstörbar ist, so übernahm eine agadisch-phantastische Umgestaltung der Vorzeit die Rolle der Dichtkunst. Zu bald exegetisch deutenden, bald frei dichtenden, bald