Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1875
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 93)
- Language
- German
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195 Kräfte und Fähigkeiten, die ja in jedes Volkes Innerem ruhen. Diese aber wurde gehemmt durch die Ungunst aller der Verhältnisse, die allein Kunst und Wissenschaft grosszuziehen vermögen. Alles geistige Leben geht von der Sprache eines Volkes aus. Sie ist nicht bloss das Werkzeug des Denkens, sondern auch seine Quelle. Wo diese trübe oder stockend fliesst, da kann eine freie, schöne geistige Bildung nicht gedeihen. Welches aber war die Sprache der jüdischen Hellenisten? Der grösste Theil von ihnen verstand von der alten Sprache des hebräischen Volkes Nichts und wahrscheinlich eben־ sowenig von der zu wissenschaftlichen Zwecken nicht verwendeten aramäischen Volkssprache. Man stammelte ein halbbarbarisches Griechisch, das zu schätzbaren Aufzeichnungen, wie die Manetho’s und Berossos’ sind, geeignet war, aber nie in die Form eines echten Kunstwerks eingehen konnte. Im dritten Jahrhundert, als Juden in hellenischer Sprache zu schreiben begannen, hatte man kein Auge für ihre wunderbare Schönheit. Noch einem Demetrios, der inmitten des hellenisirten Aegypten lebte, war sie fast eine fremde und erwies sich darum auch kalt und spröde gegen ihn. Als man im zweiten Jahrhundert griechische Muster studirte und für die glänzenden Formen Verständniss erhielt, da waren es bei dem gänzlichen Mangel an eigener Sprachfertigkeit Aeusserlichkeiten, die man entlehnte, schönklingende Worte, bunte Floskeln, einige rhetorische Kunststückchen, wie die Vermeidung des Hiatus; aber das Innere des Idioms, das eigentliche Wesen und Walten des Sprachgeistes, blieb diesen Männern verschlossen, weil man zwar griechisch schrieb, aber hebräisch dachte und fühlte. So sind denn die in Aegypten verfassten Schriften des falschen Aristeas Muster eines schlechten Geschmacks geworden, in denen Ziererei und hohles Pathos mit den gröbsten Sünden gegen Geist und Gehalt der griechischen Sprache sich paaren. In Palästina geborene Hellenisten haben den Mangel an Sprachgefühl wohl nie überwunden. Auch die beststilisirte aller palästinisch-hellenistischen Schriften, das IV. Sibyllenbuch, ist nicht frei von Incorreetheiten jeder Art, und Flavius Josephus war nach jahrelanger Abwesenheit von seinem Heimathlande und trotz stetem Verkehr mit Griechen nicht im Stande, ohne den Beirath sprachgewandter Freunde seine Werke zu schreiben. In Alexandrien konnte nicht früher als im ersten nachchristlichen Jahrhundert der aus einer vollständig hellenisirten Familie hervorgegangene Philon ein Griechisch schreiben,