Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1875
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 91)
- Language
- German
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193 Livius und Tacitus Fälscher nennen. Erst in alexandrinischer Zeit und nicht ohne griechischen Einfluss sind in hebräischer Sprache wahre Pseudepigraphen geschrieben worden: Kohelet und Daniel. Die ganze Ungeschicktheit der Anlage und der Einkleidung aber bezeugt noch mehr als die historische Entwickelung, dass dieser Zweig der jüdischen Litteratur aufgepfropft und nicht naturwüchsig ist. Auch gehören diese zwei Schriften zu der unschuldigsten Art der Pseudepigraphie. Sie sind litterärische Fictionen, wie die, welche sich Cervantes mit seinem Gide Hamete Benengeli, Bodenstedt mit seinem Mirza-Schaffy erlaubten; Niemand aber wird die herrlichen, originellen Kunstschöpfungen dieser Männer Trugschriften nennen wollen. — Bei den Griechen hingegen ist die Kunst litterärischer Falschmünzerei so alt, wie ihre Prosalitteratur. Der erste, der sie übte, war kein geringerer, als der edle Solon, der in patriotischem Interesse den Homer interpolirte (Plut. Sol. c. 10). Ihm folgt der berüchtigte Onomakritos, der nicht bloss, nach der Ueberlieferung des Alterthums, an Homer in ähnlicher Weise sich versündigt, sondern auch Orpheus und Musäos Hymnen, Weissagungen und Orakel untergeschoben hat, und als Betrüger entlarvt von Hipparchos verbannt wurde. Doch erst nach Onomakritos schoss diese Litteratur zu einer Fülle auf, die Herodot oft getäuscht, Aristophanes zu den heitersten Spässen, Platon zu bitteren Anklagen Anlass gegeben hat. Und was ist die Pseudepigraphie der Herodoteischen.undPlatonischen Zeit gegen die wild wuchernde, aus Rhetoreneitelkeit, Gewinnsucht und Parteieifer hervorgehende Truglitteratur des alexandrinischen Zeitalters? Es giebt kaum ein Gebiet der Litteratur, auf dem sie nicht zu Tage träte, das nicht durchzogen wäre von diesen giftigen Gewächsen. — Wie nach Rom (man denke an die Schriften Numa’s), so hat sich das Contagium auch über den jüdischen Hellenismus verbreitet. Es ist jener unbekannte Verfasser des Aristeasbriefes, der, in. der griechisehen Litteratur wohlbewandert, wahrscheinlich als der erste diese hybride Art der Schriftstellerei getrieben und unter den jüdischen Hellenisten eingebürgert hat. Von unseren Fragmenten gehen die Trugschrift des Arfcapanos und die Anlage zu den zwei ersten Briefen des Eupolemos auf ihn zurück. Und Pseudo-Aristeas steht nicht allein. Wenn auch Eupolemos sich damit begnügt hat, die vorgefundenen Briefe umgewandelt seiner Geschichte einzuverleiben, so finden sich doch in diesem und in den folgenden Jahrhunderten