Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1875
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 90)
- Language
- German
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192 lernte man die Kunst, die Geschichte in einen Roman zu verwandeln und den Roman zur Geschichte zu erheben. Von diesen Lehrern lernte man im Interesse seines Volkes die Wahrheit entstellen, die Fehler der Vorfahren bemänteln, die Lücken der Ueberlieferung durch grundlose Annahmen füllen, ja geradezu Unwahres erdichten. Von den Griechen empfing man selbst die Grundzüge der Fabeln, welche in die alte Geschichte eingestreut wurden. Wie viel ist nicht über die Eitelkeit, die Anmaassung der jüdischen Historiker gespöttelt worden, welche Abraham und Moses als Lehrer der Griechen dargestellt und griechische Philosophen für deren Schüler ausgegeben haben. Und doch haben jene bloss nachgesprochen, was Griechen zuerst erdichtet und ihnen mitgetheilt hatten. Denn lange Zeit bevor es jüdisch-hellenistische Geschichtschreiber gab, ja Decennien vor dem Beginn der griechischen Bibelübersetzung haben Klearchos und Theophrastos die Juden als eine philosophische Secte der Syrer gepriesen• hat Megasthenes erklärt, dass alle Weisheit der Griechen längst von den Juden gelehrt worden sei, und etwa fünfzig Jahre vor Eupolemos hat Hermippos den Pythagoras zu einem Schüler der Juden gemacht (oben S. 178). Das thaten die Griechen, wie schon die Logographen und Herodot die Ursprünge ihrer staatlichen und religiösen Einrichtungen im Orient gesucht hatten. Ist es ein Wunder, dass die jüdischen Hellenisten glaubten und gläubig nacherzählten, was zu ihrem Ruhme von den Griechen gefabelt worden war? Ebensowenig, als dass die leichtgläubige Historiographie der Römer die Aeneassage und andere zur Verherrlichung Roms von den Griechlingen ersonnene Märchen annahm und verewigte. — Aber man lernte von den Griechen Schlimmeres als die Verflüchtigung und Trübung der Geschichte*, auch die Trugschriftstellerei ist aus Griechenland in den jüdischen Hellenismus eingedrungen. Die althebräische Litteratur kennt keine Pseudepigraphen. Denn Niemand darf es Pseudepigraphie nennen, dass einzelne biblische Bücher Auf- Schriften tragen, welche ihnen nicht gebühren-, dass die meisten Psalmen David, das hohe Lied Salomo zugeschrieben wird, und dass in den Instorischen Büchern Reden eingeschoben sind, welche in der angegebenen Form niemals gehalten worden sind. Für das erstere sind nicht die alten Schriftsteller, sondern der Irrthum späterer Zeiten verantwortlich zu machen, und wer das letzte Trugschrift־ Stellerei nennen wollte, der müsste auch Herodot und Thukydides,