Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1875
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 89)
- Language
- German
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191 kritiklosen Compilationen auf den Markt brachten. Schlimmer wirkten Männer, die, wie ein Onesikritos und Kleitarchos, lügenhafte Märchen als Wahrheit ausgaben, oder in frecher Klatschsucht an den Besten der Nation sich vergriffen. Selbst Polybios hat, ohne es zu wollen, von Gehässigkeit und Parteileidenschaft sich nicht frei gehalten, und manches ungerechte und unwahre Wort verunziert das Meisterwerk des Mannes, der nach geschichtlicher Wahrheit strebte, wie keiner seiner Zeitgenossen. Wie schlimm es in dieser und der nachfolgenden Zeit mit der Geschichtschreibung bestellt war, zeigt am besten Quintilian, der Geschichte und Dichtung gar nicht mehr zu unterscheiden weiss (Inst. or. X 1, 81)• beweist Cicero, der den erbaulichen Satz aufstellt, dass es cden Rhetoren erlaubt sei, in geschichtlichen Dingen zu lügen3 (concessum est rhetoribus ementiri in historiis Brutus 11, 42). — Es ist kein Wunder, dass die Geschichtschreibung der jüdischen Hellenisten, unselbständig wie sie war, durchaus der herrschenden Strömung folgte. Wie hätten auch diese Griechlinge die Verkehrtheit einer Richtung erkennen sollen, welche die Nachfahren eines Thukydides beherrschte? Wie hätten sie aus ihren kümmerlichen Verhältnissen heraus Geschichte im grossen Stil schreiben können, da selbst das weltbeherrschende Rom in dieser Zeit nur Ein Werk wie die *"Ursprünge* Cato’s, aber eine Legion kleinlich geschwätziger und lügenhafter Geschichtswerke wie die des Postumiüs Albinus, Valerius Anfcias, Licinius Macer und Anderer zu schaffen vermochte? Es ist eine Erscheinung, die sich oft wiederholt hat, dass eine von der Fremde abhängige Litteratur nicht die besten Muster sich wählt, sondern entweder dem eben herrschenden Zuge folgt oder wohl gar absichtlich bei Männern niederen Ranges anknüpft. Nicht Aeschylos und Aristophanes, sondern Euripides und Meiiander sind die Muster des älteren römischen Dramas. Im augusteischen Zeitalter verehrt man Homer undPindar; aber man ahmt Kallimachos und Aratos öder wohl gar dem Rhodier Apollonios und Nikander nach. Und um ein näher liegendes Beispiel zu nennen, nicht an Lessing, Goethe und Schiller schliesst sich die neuere scandinavische Litteratur an, sondern an ihre Epigonen, die Romantiker. Auch für die jüdischen Hellenisten wurden nicht Herodot und nicht Thukydides die Vorbilder der Geschichtschreibung; Fabulanten wie Ktesias, Schönredner wie Theopomp werden von Eupolemos und Pseudo-Aristeas benutzt und nachgeahmt. In dieser Schule