Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1873
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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weder in der prophetischen, noch in der psalmistischen Literafcur, dass zwei verschiedene Partien ohne Andeutung eines Ueberganges aneinander gereiht wären. Und so würde Joels prophetische Schrift als vereinzelte Ausnahme dastehen; denn man täusche sich nicht, VV. 2, 18—19: ויקנא ה' לארצו . . ויק ל!׳ können unmöglich als verbindendes Glied angesehen werden. Zwischen denselben und dem Schlussgebet in dem vorhergehenden Verse gähnt ein Hiatus, welcher nicht durch eine Phrase überbrückt werden kann. Wenn man also eine Dichotomie der Verse. In V. 11 ist-חסד nicht ״Gnade“, sondern ״Menschenliebe“, wie öfter, und namentlich in Verbindung mit ״ אמתTreue“. ״Gnade Gottes“ ist durch צדק ausgedriickt, wie oft in der naehexilischen Sprachweise. הסד ואמת נפגשו צדק ושלום נשקו ist daher so zu verstehen: ״Treffen Liebe und Treue (unter den Menschen) zusammen, so küssen sich Gnade und Heil“ (von Seiten Gottes für die Menschen). Und eben so V. 12: ״Spriesst Treue aus der Erde, so wartet Gnade vom Himmel. V. 13 ist verständlich. In V. 14 beziehen sich die Suffixa in לפניו und פעמיו auf das Volk. Die Vokalisation von וישם ist nicht zu übersehen; es ist die Conjunctiv-Form. ״Geht ihm (dem Volke) Gnade voran, dann mag es auf den Weg seine Schritte setzen.“ So würde die Lage des Volkes und Landes sein, wenn die Menschen Liebe und Treue hegten und nicht in Thorheit zurüekfielen. So ist aber die Lage nicht, weil Liebe und Treue vermisst würden (ותהי האמת נעדרת) und das Volk zur Thorheit (der vorexilischen Zeit) zurückgekehrt. Es ist eine feine Antwort auf die Klage über Verlassenheit und auf das Gebet um Hilfe. Diese Klage und dieses Gebet in der ersten Hälfte des Psalmes (V. 2—8) legt der Psalmist dem Volke in den Mund, um dann die Rüge anzudeuten, dass die Verlassenheit des Volkes nicht unverdient ist. Psalm 85 ist ein ethisch-tadelnder Psalm in feinen Wendungen, ebenso wie Ps. 81 und andere. Der Stimmenwechsel in diesem Psalm ist nur scheinbar. Die Klage in Verbindung mit der Rückerinnerung ist nicht faktisch ausgestossen, sondern fingirt. Entschiedene Analogie damit hat die Klage und das Gebet in Jesaia Kap. 63, 7 — Kap. 64, 11. Auch diese sind nur vom Propheten fingirt, um die rügende Antwort Kap. 65 darauf zu ertheilen. Vergl. weiter unten.