Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1873
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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9 Ewald deutet eine andere Analogie für die Erscheinung an, dass zwei verschiedene Partien, ein klagendes Gebet und eine tröstende Antwort, in einem und demselben Stöcke, sogar ohne Andeutung eines verbindenden Mittelgliedes in der hebräischen poetischen Literatur vorkämen. Er verweist nämlich auf Psalm 85. In demselben werden, nach seiner Auffassung, zwei Stimmen vernommen, etwa die der flehenden Gemeinde und die der tröstenden Priester, und diese beiden Partien sind neben einander gereiht, als bildeten sie ein einheitliches Ganze. Derselbe Fall wiederhole sich im Buche Joel in der Verbindung zweier nach einander gehaltenen Reden scheinbar zu einer Einheit. Allein Ewalds Auslegung dieses Psalms ist entschieden falsch und ist mit Recht von Hupfeid abgewiesen worden; sie beruht auf Verkennung dieses fein zugespitzten, poetisch abgerundeten Psalmes. Nicht eine Doppelstimme lässt dieser Psalm vernehmen, sondern nur eine einzige, die der Rüge über Thorheit und Sünde, welche die verdiente Strafe nach sich gezogen hat, stellt aber zugleich einen glücklichen Zustand bei Gesinnungsbesserung in Aussicht.J) Es giebt demnach keine Analogie, J) Der Gedankengang dieses schönen, entschieden nachexilischen Psalmes ist desswegen verkannt ־worden, weil der Kernpunkt desselben nicht beachtet wurde. Er liegt in der zweiten Hälfte VV. 9—14 und enthält eine feine Rüge in Form des beruhigenden Trostes. V. 9 leitet ein: ״Ich möchte hören, was Gott — auf die Klage der Verlassenheit in der ersten Hälfte — antworten wird, wenn Er — wie vorauszusetzen — Frieden (Glück) seinem Volke und (besonders) seinen Frommen verkünden wird, insofern sie nicht in Thorheit (Sünde) zurückfallen werden.“ V. 10 enthält die Begründung der Zuversicht ״In Wahrheit (אך gleich אכן) seine Hilfe ist nah seinen Verehrern“ etc. ln V. 11—12 ist die Antithese nicht zu verkennen, wenn man sie hypothetisch fasst. Man braucht nicht einmal auf die Regel zu verweisen, dass in der feineren hebräischen Diktion die Conditional-Partikel □א und sogar ■h fehlen dürfen; das Hypothetische liegt in der Sentenzform