Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1869
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 117)
- Language
- German
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115 mehr begreifen, wie jenes alte Publikum, das Scbreckensscenen wie die geschilderten nicht für Unmöglichkeiten halten konnte. Unsere Predigt ist der Mahnruf eines patriotischen Mannes, aus der politischen und sittlichen Verkommenheit der Gegenwart zu gläubiger Betrachtung der Vergangenheit sich zu erheben; an dem aller Leiden spottenden Heldenmuthe der Vorfahren selbst zu erstarken; in kräftiger Selbstbeherrschung, in religiöser Erkenntniss und in treuer Verehrung des alten Glaubenshortes Kettung und Glück zu suchen, nicht aber in stumpfer Apathie oder in schwärmerischer Askese ein heuchlerisches oder selbstmörderisches Dasein zu verträumen. Dem Prediger ist es gelungen, Gegensätze in sich zu versöhnen, die er vielleicht selbst noch in entsetzlichem Zusammenstosse einander verzehren sah. Er ist ein Jude voll Stolz und Glauben, aber zugleich ein Grieche voll Schönheitssinn und Formtalent; er ist der treueste Anhänger der jüdischen Religion und zugleich ein gelehriger Schüler griechischer Philosophie und griechischer Rhetorik. Freilich ist es nicht die höchste Stufe rednerischer Kunst, auf der er steht. Wohl mussten wir die Gewandtheit und Zierlichkeit des Ausdrucks, die verhältnissmässige Correctheit der Sprache und die straffe Gedankenfolge loben, die ihn hoch über die meisten jüdischen Hellenisten stellen. Aber er lässt doch gar zu oft seiner überreizten Phantasie die Zügel schiessen, thut des Guten gar zu viel und so zerfliessen ihm die künstlichen Formen unter der Hand in eitelen Flitter; Erhabenheit wird Schwulst, sprachliche Anmuth wird hohle Ziererei. Doch wer vermöchte zu sagen, wie viele von diesen Fehlern den Verhältnissen, unter denen er lebte, wie »viele ihm selbst angerechnet werden müssen! Er predigte ja einer Zeit und einer Gesellschaft, deren Geschmack tief gesunken war, die jene einfache Grösse nicht begriff, welche dem klassischen Schriftthume der Hebräer und der Griechen seinen ewigen Werth verleiht. Doch wenn auch der philosophische und ästhetische Werth der Schrift noch viel geringer sein sollte, als er in Wirklichkeit ist, den Forscher zieht es nicht gerade immer zu den vollendeten Schöpfungen des Menschengeistes hin. Ihre reine Schönheit ist der Nachwelt Muster und Bewunderung; aber verständliche Antwort auf die schwierigsten Fragen der Geschichte ist oft genug in Schriften geringen Kunstwerthes zu finden, die, an die Endpunkte der Zeiten