Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1869
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 104)
- Language
- German
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102 nachunsere Predigt in die'letzten Jahre vor der Tempelzerstörung fällt. Im Gegentheil bilden die Zustände, wie sie vor dem Ausbruche des Aufstandes in Palästina und den von Juden bewohnten Hellenenstädten herrschten, die Situation, die eine Predigt wie die unsrige voraussetzt. Gegensätze von unvereinbarer Feindseligkeit sind es, die in dieser Zeit das jüdische Volk aufregen. In den unteren und mittleren Schichten der Nation lodert eine leidenschaftliche Gluth der Vaterlandsliebe, eine unbegrenzte Verehrung für alles Hohe in Israels Sitte und Gesetz, ein inbrünstiger Eifer für Erforschung und Ausbildung der heiligen Lehre, ein glühender Hass gegen die Unsittlichkeit und Verkehrtheit der im Sinnestaumel zerfliessenden griechisch-römischen Welt. In den höchsten Kreisen des Fürsten- und Priesteradels ist ein ungestümes Jagen und Drängen nach der überlegenen Bildung des Griechentliums, aber auch nach allem Unflath, mit dem sie seit Langem befleckt war, aber auch nach ihrer Zügellosigkeit und Frivolität. Der Abfall von den altehrwürdigen Bräuchen und Sitten verbindet sich mit höfischer Buhlerei um die Gunst der Machthaber, um Einfluss und Ehrenstellen. Verachtung des Gesetzes geht Hand in Hand mit Lockerung der Ehe und Preisgebung von Zucht und Scham. Auf den Provinzen liegt unabwendbar wie eine Naturgewalt die schwere Hand der Körner, und kein Volk hat diese Hand schwerer empfunden, als das jüdisehe. Zwar hatte man in Kom oft ganz treffliche Intentionen und nicht geringen Kespect flösste die Nation ein, die, wie selbst der grimme Judenfeind Tacitus eingesteht, cdas 'Kriechen vor Königen nicht verstand und selbst vor der Gottheit der 'Cäsaren sich nicht beugte*; *) aber eine durch guten Willen nicht ausfüllbare Kluft trennte die Racen, trennte den römischen Legionär uud den römischen Banquier von dem jüdischen Ackerbauer und dem jüdischen Gesetzeslehrer und die immer gleiche, unbesiegbare Natur der Statthalter vereitelte auch die besten Absichten der Kaiser. So fügt sich nur in ohnmächtigem Grimme der Fremdherrschaft das von Parteien durchwühlte, in sich gespaltene Volk; ein finsterer Groll gegen das Aussaugungssystem der Machthaber frisst immer tiefer sich ein und einzelne gewaltsame Zuckungen zeigen, wessen man sich von J) Tac. hist. V, 5: non regibus haec adulatio, non Caesm'ibus honoi\