Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1869
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 61 (sequence 63)
- Language
- German
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61 oder nicht. Das πά&ος, die Störung des sittlichen Lehens, ist vorhanden und kann nicht weggeleugnet, wohl aber beherrscht und niedergehalten werden. Ganz anders steht es mit den Störungen des Denkvermögens. Diese sind entweder gar nicht vorhanden, oder sie hemmen dasselbe; von einer Herrschaft des λόγια μυς über eine wirklich vorhandene ‘"Vergessenheit3 oder 'Unwissenheit3 (λή&η και άγνοια) kann keine Bede sein. Nach stoischer Lehre fallen aber, wie schon erwähnt, alle τΐά&ΐ}, auch die rein ethischen in den Bereich des Denkvermögens. Sie sind nichts wie falsche Urtheile.1) Woher kommt daher, so fragt Ps. Josephus (270, 11. 274, 21) der Unterschied zwischen jenen Störungen des Geistes, Vergessenheit und Unwissenheit und diesen Störungen des Tugendlebens? Warum kann die Vernunft Lust und Begierde besiegen, die Vergessenheit und Unwissenheit nicht zu beherrschen vermag?2) Unser Verfasser lässt sich auf eine weitläufige Erörterung der Frage nicht ein, wie sie sich denn für eine Predigt aneh nicht schickt. Er antwortet ganz kurz, nur über die Störungen der Tugend, nicht über die eigenen könne die Vernunft herrschen. Das besagt denn nichts Anderes, als dass der Verfasser die Lehre der Stoiker von den Affecten entschieden bestreitet, dass er wie viele Spätere z. B. Posidonius3) und Cicero4) der Ansicht der älteren Psychologen zustimmte, wonach die πά&η in ein besonderes Seelen vermögen zu verlegen seien, eine Ansicht, die am kürzesten und klarsten vielleicht von Aristoteles 5) vorgetragen worden ist. Ist nun aber, wie es die voraufgehende Darstellung nicht bestritt, menschliche Weisheit der letzte Grund tugendhaften Lebens? Ist sie in ihrer selbständigen Kraft fähig, den Menschen zu leiten, die Gemüthsbewegungen zu beherrschen, das Leben tugendhaft zu gestalten?. b s. oben S. 47, 3. 2) Der EinWand des Verfassers scheint mir vollkommen treffend zu sein. Bei den griechischen und römischen Gegnern der Stoa habe ich ihn nicht gefunden. Grimm’s gewundene Erklärung (p. 301) wird ausführlicher Widerlegung nicht bedürfen. 3) s. Zeller IV2 515 f. 4) Tusc. H, 21, 47. IV, 5, 10. Vergl. auch Plut. de virt. mor. 3, der die stoische Lehre am ausführlichsten bestreitet. 5) E. IV. 1, 13.