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Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung · 1869-01-01 · 1869 · p. Seite 52

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Journal
Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
Volume
1869
Date
1869-01-01
Page
Seite 52 (sequence 54)
Language
German
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IRI
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52 vernünftiges Wollen, so umfasst σοφία zugleich Weisheit und Tugend in ihrem weitesten Umfange.1) Wir werden diese Verschmelzung zweier Begriffe, die uns so weit auseinanderliegen, keine Begriffsverwirrung nennen; denn sie hat zugleich in der biblischen Ethik und in der griechischen Philosophie ihre wohlbegründeten Voraussetzungen. Der Begriff der Weisheit, wie er den altjüdischen Gnomikern erscheint, vereinigt alle geistigen und sittlichen Vorzüge des Menschen, Frömmigkeit und Klugheit, Gerechtigkeit und Einsicht zu einem einzigen Bilde, das an dem Begriffe des zugleich unverständigen und unsittlichen, zugleich geist- und gottlosen Thoren seine Folie hat. Diese Anschauung, in den Proverben und Psalmen besonders klar ausgesprochen, wird in den apokiyphischen Schriften, zumal in Sirach und der Sapientia noch schärfer entwickelt; mit ihr verbindet sich in unserer Schrift die philosophische Lehre der Griechen über Weisheit und Tugend. Hier hatte schon Sokrates alle Tugend für ein Wissen erklärt und dieser Satz war, wenn auch in beschränktem Umfange, von Platon aufrecht erhalten worden.2) Aristoteles freilich hatte ihn mit seinem scharfen Sinne für die reelle Wahrheit der Dinge nicht gelten lassen können; aber auch ihm ist doch das Wissen die höchste Tugend und die höchste Tugend nicht ohne Wissen.3) In vollster, unerbittlicher Consequenz führen aber die Stoiker den alten sokratisehen Satz in ihrer Moral durch; ihnen ist die Tugend Wissen und das Wissen Tugend, das Laster Unwissenheit und Unwissenheit Laster; ihnen ist der Weise der Inbegriff aller Tugenden und nur der Tugendhafte der Weise. So war von zwei Seiten her die Lehre unseres Philosophen geschichtlich begründet, dass das Denken (λογισμός), zugleich der rechte Wille und dass die Weisheit zugleich die Quelle aller Tugenden sei.4) Wäre nun der Verfasser seinen stoischen Lehrern treu geblieben, *) Ausser den bei Zeller IV2 220 angeführten Stellen vergl. Sap. 8, 7. und sonst; Philo 56, 25 f. II, 377, 1 f. *) s. Zeller H2 564 f. 622 f. 3) s. Zeller IIP 473. 486 f. 505 f. 4) Die historische Begründung dieser Lehre mag genügen, um Gfrörer’s unvermeidliche Behauptung, auch hier'blicke die mystische Gnosis der Alexandriner stark durch’, zu widerlegen. A. a. 0. p. 194.

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