Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1869
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2720904-2720927--017-2722227- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
16 dergleichen Stoffe empfänglicher gewesen sein, als die philosophisch geschulten jüdischen Zeitgenossen eines Philo? Ein directer Beweis*) lässt sich freilich für meine Annahme nicht führen, und wer daher den Glauben an eine Fiction nicht aufgehen mag, dem kann das Gegentheil, da alle directen Nachrichten fehlen, nicht demonstrirt werden. Aber kaum denkbar scheint es, dass eine offenbar religiösen Zwecken dienende Schrift das Raffinement so weit getrieben habe, ein Publikum zu fingiren, das blos in der Einbildung bestand, und dass der fromme Verfasser den Namen Gottes und der Religion zu * einer blossen Declamirübung missbraucht habe. Im Uebrigen ist diese Frage zwar nicht für die Exegese der Schrift, wohl aber für die Geschichte der jüdischen Beredtsamkeit ohne besonderes Interesse. Denn man schreibt doch erst eine czum Lesen" bestimmte Predigt, nachdem lange Zeit wirklich gepredigt worden ist; und ist diese Predigt blos gelesen worden, so müssen viele andere vorher wirklich gehalten worden sein, ebenso gewiss als Isokrates, oder wenn man will, Gorgias nicht die ersten wären, welche Reden für die Leetüre verfassten, und so gewiss die Tragödie eine lange Entwickelung musste erlebt haben, ehe-die unter dem Namen des Seneca auf uns gekommenen Dramen können geschrieben sein. Dass unser Ps. Josephus mehr als Eine Predigt nach Art der unsrigen gehalten hat, geht in der That mit Nothwendigkeit aus den Worten 271, 15 hervor. Der Redner erklärt daselbst, dass er vor der Ausführung des geschichtlichen Stoffes erst das eigentliche, philosophische Thema erläutern wolle, cwie er dasja zu thungewohnt sei" (onsq sl'oo&a ποιεΐν)* 2). Das kann nichts Anderes heissen, als dass der Verf. häufig predigte, dass er gerade diese Form, die Verbindung eines biblischen Stoffes mit dem Erweise eines philosophischen Gedankens liebte und dass er die Erläuterung des letzteren dem ersteren vorauszuschicken pflegte. Doch unsere Schrift ist nicht blos eine Predigt, sondern auch eine höchst kunstvoll angelegte, und mit allem Schmucke griechischer *) Denn natürlich wird Grimm auch die Worte 275, 30: ηδη δε καί 6 καιρός ημάς καίει επί την απόδειξιν της Ιατορίας τον ΰώψρονος λογίΰμοϋ als blosse Fiction ansehen. Ueber die Worte της Ιατορίας s. Note 3. 2) So lese ich mit fast sämmtliehen Handschriften, ώσπερ είώ&αμεν ποιεΐν in cod. 1, * und rec. erweist sich als erleichternde Correctur.