Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1869
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2720904-2720927--006-2722216- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
5 liehen, fast dialogisch zugespitzten Ansprachen des letzten Propheten an das wieder aullebende Yolk ist es ja dieser Theil des hebräischen Schriftthums, der als das volksthümlichste zugleich und geschichtlich wirksamste Ferment auf Ueberzeugungen und Handlungen der Nation gewirkt hat. Wie aber, nachdem die gluthvolle Prophetenrede verstummt war, die ruhige Lehre der Weisen und Babbinen an ihre Stelle trat, wie Vorlesungen und Vorträge in den Synagogen und Lehrhäusem das heimathlose Volk auf seinen Wanderungen durch alle Länder der Erde begleiteten und eine Fülle lichter Gedanken in die Nacht der Verfolgung und der Unwissenheit warfen, die es umgab, das darzustellen hat mit allem Biistzeuge der ihm zu Gebote stehenden Gelehrsamkeit für ein begrenztes Gebiet schon Vitringa versucht; doch die würdigste Lösung fand die Aufgabe erst in Leopold Zunz’s ‘Gottesdienstlichen Vorträgen der Juden/ Aber wenn Griechen und Börner die heilige Beredsamkeit der Juden nicht kannten, so kennen, wie es scheint, die Juden die vollendeten Bedeformen der Griechen und Börner nicht. Weder Propheten noch Bahhinen haben des wohlgefugten Fachwerkes der griechischen Bedekünstler sich bedient. In der Prophetenrede durchbrach der volle Strom göttlicher Begeisterung die engenden Schranken, die das formenfrohe Talent der Griechen geschaffen hat; die Vorträge der jüdischen c WeisenJ aber liess das Elend der Zeit zu wahrer Kunstform sich nicht entwickeln. Es wird als unbestreitbar entweder laut beansprucht oder stillschweigend vorausgesetzt, dass erst die christliche Kanzelberedsamkeit die steifen Formen1) der rabbinisclien Bibelauslegung zur kunstmässig entwickelten Homilie, die zwar nicht kunstlose, aber doch nichts weniger als schulgerechte Prophetenrede zur formvollendeten Predigt umgestaltet habe2). Aber nicht bloss eine Menge J) Denn auch die Formen der Pesikta, Scheelthoth und Jelamdenu (Zunz GV. p. 343 ff.) wie die gleichmässig gearbeiteten Einleitungen der altern Auslegung (Zunz p. 351 ff.) können doch nicht anders aufgefasst werden. 2) Statt der Belege, die jede Geschichte der christlichen Kanzelberedsamkeit liefert, genüge es, die Worte Chateaubriand’s anzuführen, die dieser allgemein verbreiteten Anschauung den kürzesten und entschiedensten Ausdruck geben: genie du Christian. III. p. 51. Par. 1838. Les anciens n.ont connu qm f eloquence judiciaire et politiqm: Veloquence morale, c'est-d-dire Veloquence de tout temps, de tout gouvemement, de tout pays, na paru sur la terre, quavec l'Evangile. Nur in Bezug auf die Beden der Propheten und Babbinen ist dies Urtlieil von Anderen eingeschränkt worden.