Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1866
- Date
- 1866-01-01
- Page
- – (sequence 120)
- Language
- German
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118 genauer chronologischen Feststellung freilich die Mittel fehlen, später fiele als die Criminalklage auf Unfrömmigkeit (aasßtiaj, welche der durch seine Anklage des Phokion berüchtigte Hagnonides unmittelbar gegen Theophrastos gerichtet hatte (Diog. Laert. 5, 37); sie endete zwar mit des Philosophen Freisprechung; nachdem ihm jedoch der Schierlingsbecher einmal so nahe gekommen war, musste er für alle Folgezeit gegen unnöthige stilistische Kühnheiten in Behandlung attischer Ritualien sich gewarnt fühlen. Ursprung Aber nicht blos die statt des Menschenlebens wenigstens Men- Thferopfer. schenblut fordernden Satzungen bekunden die frühere Verbreitung der Menschenschlachtung; auch die Thieropfer im Ganzen sind nach Theophrastos' deutlich ausgesprochener (Z. 391), von den meisten neueren Forschern getheilter Ansicht, nur ein Surrogat, also ein Zeugniss für jene einst übliche Art heiligen Mordes. Hiernach, und. weil er überall für die Erörterung des Opfers den Begriff einer Weihgabe von Erstlingen zu Grunde legt, denkt sich Theophrastos bei den Thieropfern das Verhältniss von Darbringung zu Genuss demjenigen entgegengesetzt, welches er für die Menschenopfer angenommen hatte. Denn das Menschenopfer liess er in Zeiten äusserster Noth sich aus dem Kannibalismus entwickeln, nach der einmal festgewurzelten Sitte, von der menschlichen Nahrung den Göttern einen Theil zu weihen (Z. 382); dort war also die menschliche Nahrung das Frühere und zog das Opfer erst nach sich. Nachdem jedoch auf solchen Anlass die blutigen Opfer sich im Cultus festgesetzt hatten, konnte man, auch als die Noth geschwunden war, nicht mehr das Blut aus dem Gottesdienst gänzlich verbannen, sondern musste sich begnügen, Schonung der Menschen durch Tödtung der Thiere zu erreichen; und da nach dem Grundbegriff des Opfers es zugleich Götter- und Menschenspeise sein musste (Z. 398), so ward trotz des jetzt wieder reichlich vorhandenen Getreides der Genuss des Thierfleisches zunächst beim Opfern und dann auch unabhängig von demselben eingeführt; hier war also das Essen nicht mehr der Grund, sondern die Folge des Opferns. Der bestrickenden Gewalt dieses religions- und culturgeschichtlichen Cirkels sind nun zwar die meisten Völker und Culte unterlegen; aber dennoch, fährt Theophrastos fort (Z. 411 bis 421), hat das Gewissen der Menschheit nicht gänzlich betäubt, die ursprüngliche unschuldige und unblutige Opfersitte nicht überall