Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1866
- Date
- 1866-01-01
- Page
- – (sequence 104)
- Language
- German
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102 Familie zum Gefühl für die Menschheit sich erweitern*, als das erstere von dem letzteren ersticken lassen. Das theophrastische Fragment hingegen liefert eine Parallele, wie man treffender sie nicht wünschen kann, da es um den Mittelpunkt der Familie die weiteren und weitesten Kreise der Menschenliebe beschreibt und in olxsiöxrig (s. oben S. 81, Z. 293) das wohl auch von Antiochos gebrauchte griechische Aequivalent für die ciceronische Caritas generis humam darbietet. Ob Theophrastos selbst durch folgerichtige Entwickelung solcher Sätze die aristotelische Ethik, in welcher sich keine Anklänge daran finden, fortzubilden Muth genug besass, kann bei dem Untergang aller seiner ethischen Hauptschriften nicht mit Entschiedenheit verneint werden; die gelegentliche Anwendung in unseren Excerpten aus der Schrift Ueber Frömmigkeit scheint jedoch darauf zu führen, dass Theophrastos durch Niederreissen der Schranken zwischen Mensch und Thier die Kraft des nun alles Lebendige als verwandt umfassenden Princips der Liebe verflüchtigte, und erst in dem condilatorischen Systembau des Antiochos, welcher zweifelsohne mit den Stoikern (s. oben S. 6 und Anm. 13) in der Vernunft eine scharfe Grenze zwischen der Menschen- und Thierwelt erblickte, die ursprünglich peripatetische Caritas generis humani als Grundlage der Ethik brauchbar wurde. Die Gleichstellung alles Lebendigen führt nun den Theophrastos zunächst dahin, die Tödtung nur der wilden Thiere, und zwar aus demselben Grunde wie die Tödtung unverbesserlicher Verbrecher, zu gestatten-, aber eben aus diesem Zugeständniss, welches in der erlaubten Tödtung so vieler Thiere hinlängliches Opfermaterial zu gewähren scheint, entspinnt Theophrastos ein die gänzliche Verwerfung der Thieropfer bezweckendes Dilemma (Z. 305—314), abermals im Hinblick auf eine fast ausnahmslos in der gesammten Hellenenwelt geltende Opferregel. Denn, abgesehen von dem vereinzelten Tempelbrauch zu Amarynthos auf Euböa, wo der Artemis, um sie als Jägerin zu ehren, verstümmelte Thiere, 'schweiflose und einäugige,3 wie Kallimachos (fr. 76) sagt, dargebracht wurden, nahmen nur die Spartaner, welche früh dem Gebet eine vorzügliche Bedeutung beilegten, das erste beste Opferthier ohne sorgfältige Prüfung seiner körperlichen Beschaffenheit (Plat. Alcib. II, 149a); im ganzen übrigen Griechenland ward es als unerlässliche Vorbedingung zu regelrechtem Opfern angesehen, dass das