Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1866
- Date
- 1866-01-01
- Page
- – (sequence 103)
- Language
- German
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101 sprochen ist. Man pflegt dergleichen universale Anschauungen als die Frucht viel späterer Entwicklung anzusehen und innerhalb der griechischen Philosophie höchstens die kosmopolitischen Ideale der Stoa als Ansätze zu einer Befreiung von dem engherzigen Hellenenthum gelten zu lassen. Aber dieses theophrastische Fragment zeigt einmal in einem deutlichen Beispiel, was wir, hätte ein günstigeres Geschick über den Schriften der älteren Schüler des Aristoteles gewaltet, wohl noch in vielen anderen Fällen erkennen würden: dass stoische und peripatetische Ethik in ihren Hauptsätzen nahe an einander rücken, und dass dem auf Verschmelzung der beiden Systeme gerichteten Unternehmen des Askaloniten Antiochos. Antiochos eine grössere innere Berechtigung als den gewöhnlichen eklektischen Compromissversuchen zukommt. Antiochos nun, von dessen Ethik sein Schüler Cicero*) einen Abriss giebt, lehrte, dass die kräftigste Wurzel des Sittlichschönen (honeslum, zo xaXovJ, zu suchen sei 'in der Verbindung zwischen Mensch und Mensch, in der Gemeinschaft der gesellschaftlichen Interessen, in dem liebec vollen Gefühl für das gesammte Menschengeschlecht {caritas gener is 'humanij- — ein Gefühl, welches, ausgehend von der natürlichen cLiebe der Eltern zu ihren Kindern und der Einheit des Hauses cin Ehe und Nachkommenschaft, allmählich sich weiter nach. Aussen cverzweigt, zunächst Bluts- und Seitenverwandte, dann Freunde, 'ferner Nachbaren, Mitbürger, Bundesgenossen, und endlich die cgesammte Menschenfamilie umfasst.* Den Erklärern der ciceronischen Schrift missglückte es, innerhalb der voh Antiochos vereinigten älteren philosophischen Richtungen genügende Anhaltspunkte aufzufinden für einen so bedeutsamen Versuch, die Sittenlehre auf die Menschenliebe, die Ethik auf die Caritas zu gründen; die kosmopolitischen Lehren der Stoiker wollen nicht recht spassen, weil sie weit mehr die Beherrschung des Weltstaats durch einheitliche und unerbittliche Gesetze als die Liebe der Weltbürger unter einander hervorheben, und weil sie nicht sowohl das Gefühl für die *) de ßnibus 5, 23, 65: In omni autem honesto, de quo loquimur, nihil est tarn illustre nec quod latius pateat quam coniunctio inier homines hominum et quasi quaedam societas et communicaiio utilitatum et ipsa Caritas generis humani, quae nata a primo satuj quo a procreatoribus nati diliguntur et tota domus coniugio et Stirpe coniungitur, serpit sensim foras, cognationibus primum, tum adfinitatibus, deinde amicitiis, post vicinitatibus, tum civibus et iis, qui publice, socii atque amici sunt, deinde totius complexu gentis humanae.