Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1863
- Date
- 1863-01-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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XIII eigentlichen Bedeutung angewendet auf das, was im wachen Zustande, ohne dass äussere Gegenstände der sinnlichen Wahrnehmung gegeben sind, gesehen wird, wie immer und aus welcher Ursache immer es gesehen werden mag, und ohne Unterschied, ob der Sehende Bewusstlosigkeit oder gar Ohnmacht dabei erfährt oder nicht1). Eine solche Schau, fügt er dann hinzu, heisse eine „Schau in der Prophetie" (visio in prophetia). Denn das Wort „Prophetie" selbst besage in seiner eigentlichen Bedeutung ein Erleuchtetwerden in zukünftigen oder sonst verborgenen Dingen, auf die man durch methodische Untersuchung nicht kommen könne, und zwar ein Erleuchtetwerden dadurch, dass der Geist (intellectus) des Erleuchteten — im Gegensatze zur Phantasie — ergriffen werde -). Der Traum dagegen habe es nur mit Phantasiebildern zu thun und komme nur im Schlafe vor. Deshalb stehe auch die Prophetie höher (nobilior est) als der Traum. Die Unterschiede, die sich ihm ergeben, fasst er dann so zusammen. In der Prophetie ist es der intellectus, das höchste geistige Vermögen, welches eine Einwirkung erfährt. In der Vision ist es bisweilen die Phantasie und der Intellect, bisweilen auch blos die Phantasie. Im Traum ist es lediglich die Phantasie. Vision und Traum sind daher bisweilen bedeutungsvoll, bisweilen bedeutungslos. Wir halten hier einen Augenblick inne. Der Kundige weiss sofort, dass alles hier über Prophetie, Vision, Traum Gesagte nur in einem viel tiefer begründeten Zusammenhange und mit fruchtbarer Anwendung auf die Erläuterung des Schriftwortes von Maimonides gesagt ist: „Was die Vision (riNIÖ) (im Gegensatz zum Traume) anbetrifft," heisst es bei Maimonides3), „so ist das ein Zustand der Erregung und des Schreckens4), der über den Propheten kommt im wachen Zustande, wie das im Daniel (c. 10 V. 8 u. 9) deutlich gemacht ist. In einem solchen Zustande hört die Sinnenthätigkeit auf. Die Einwirkung richtet sich auf das geistige und von diesem auf das bildende Vermögen (Phantasie), so dass dieses sich vervollkommnet und seine Thätigkeit übt." Ebenso bildet das 36. Capitel des zweiten Theiles des More Nebuchim die leicht erkennbare Quelle für das über Prophetie und Traum von Albert Gesagte. Doch, um auch dem Bedenklichsten jeden Zweifel zu benehmen, dass wir es hier mit einer blossen Reproduction zu thun haben, citiren wir textgetreu die Worte Albert's, mit denen er seine Distinction der in Rede stehenden Begriffe abschliesst: „propter quod tradiderunt philosophi, quod somnium aliquod *) Dicamus igitur quod visio proprie dicatur, quod. aversis sensibilibus et introrsum retractis videtur in vigilia, quocunque modo videatur sive ex quacunque causa, sive patiatur aliquis alienationem sive non, sive etiam patiatur aliquis syncopim sive non patiatur. 2) Prophetia enim proprie dicatur, quando homo per raptum intellectus sui illustratur de scientia niturorum vel aliorum oecultorum ad quae deveniri non potest per inquisitionem et rationem. 3) More Nebuchim II, 41. 4) Offenbar sollen die in der kurzvorhergegangenen Note Charten Worte Albert's: sive patiatur aliquis alienationem sive non e. ct. die Erregung und den Schrecken, den Maimonides als mit der Vision nothwendig verbunden hinstellt, darum als nicht nothwendig bezeichnen, weil Albert von Maimonides glaubt, er habe diesen die Vision begleitenden Umstand nicht aus psychologischen Gründen, sondern von dem Bibelworte geleitet angegeben.