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Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung · 1861-01-01 · 1861 · page 70

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Journal
Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
Volume
1861
Date
1861-01-01
Page
– (sequence 70)
Language
German
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6S der nach jenen zwei Seiten des klassischen Styls und der historischen Haltung ausgeprägte Charakter des Werks entscheidend geworden ist für seine zwischen völliger Vernachlässigung und günstigster Aufnahme wechselnden Schicksale. Die litterärische Blüte Aquitaniens, auf welche die Chronik in Form und Inhalt berechnet gewesen, ward noch bei Lebzeiten des Severus für immer geknickt durch den Einfall der Völkerhorden, welche mit Radagaisus nach Italien aufgebrochen waren, dort vor Florenz von Stilicho unter Verlust ihres Führers zersprengt wurden und nun (i. J. 406) Gallien überfluteten, das Land nicht blos durch Streifzüge verwüsteten sondern zu dauerndem Besitz einnahmen und in unaufhaltsamer Folge andere Völkerschwärme nach sich zogen. Von diesem Zeitpunkt an zeigen alle litterärischen Erzeugnisse Galliens eine merkliche Entartung des Geschmacks; vielleicht die einzige Ausnahme bildet das trefflich stylisirte Gedenkbuch (Commonüqrium) des Vincentius Lirinensis, dessen Erziehung jedoch wahrscheinlich noch in die Zeit vor der Barbarenflut fällt. Aber schon der gegen die Mitte des fünften Jahrhunderts schreibende Salvianus (s. Anm. 2) und vollends der dem Ablauf desselben nahe Sidonius haben gerade das eingebüsst was die frühere Epoche und den unter ihrem Einflüsse stehenden Severus auszeichnet, die Reinheit nämlich und Angemessenheit des Ausdrucks, welche, wie sie späte Früchte der vollständigen Romanisirung Südgalliens gewesen waren, nun auch nach dem Eindringen der barbarischen Elemente am ehesten verschwinden mussten. Man könnte die damalige Lage wohl in etwas weniger barocken aber schwerlich in anschaulicheren Bildern malen als es der eben erwähnte Sidonius thut, indem er einen ihn um %in Hochzeitscarmen bittenden Freund fragt, woher ihm denn die Dichterstimmung kommen solle, ihm, der den Gesang eines burgundischen, Buttergeruch statt Salbendufts aus seinen Haaren ausströmenden Nimmersatt als ergebener Unterthan zu loben gezwungen sei; wie die Muse sich noch um die sechs Füsse des Hexameters kümmern solle, seitdem sie vor sieben Fuss hohen Barbarengestalten sich bücken müsse87). Je unwiederbringlicher in der Noth dieser Zeiten das Gefühl für gewählte Einfachheit der Sprache den Wenigen, die zum Bücherlesen Lust und Müsse fanden, abhanden kam, und je unrettbarer die noch wenigeren Bücherschreiber der geckenhaften Ziererei verfielen, in welcher schon das unverächtliche Talent eben jenes Sidonius gänzlich zu Grunde ging, desto mehr musste die schmucklose Correctheit der Severischen Chronik ihr die Beachtung entziehen. Und als nun gar die Schatten des eigentlichen Mittelalters sich verlängerten, als in der Nacht, welche über die europäischen Länder sich lagerte, das Licht der Menschheit — der geschichtliche Sinn — völlig erlosch, und mit dem Erlöschen des geschichtlichen Sinnes das Studium der Bibel von dem Nebel der phantastischsten Allegorien immer dichter umhüllt, von dem Gewebe der scholastischen Dogmatik immer künstlicher umsponnen wurde, da musste eine Behandlung der Bibel, welche, wie die Severische, das alte Testament einerseits mit der 'heidnischen1 Geschichte verknüpft, andererseits durch ihr Verzichten auf Typik und Allegorie die Brücke zwischen altem und neuem Testament abzubrechen Sidonius. 87) Carm. XII Quid me, etsi valeam, parare Carmen \ Fescenninicolae iubcs Diones \ inier crinigeras situm catervas] et Germanica verba sustinentem, | laudantem tetrico subinde vultu | quod Burgundio cantat esculentus \ infandens acido comam bu~ tyro? | vis dicam tibi quid poema frangat? | ex Jioc barbaricis abacta pledris | spernit senipedem stylum Thalia \ ex quo septipedes videt patronos.

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