Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1861
- Date
- 1861-01-01
- Page
- – (sequence 69)
- Language
- German
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67 mit etwas Phantasie und etwas Sophistik auf jenem allegorischen Wege so leicht in den überlieferten Buchstaben hineingegaukelt werden konnten8S). Besonders das alte Testament mit der Fülle seiner Gestalten und der Mannigfaltigkeit seiner Begebenheiten bot dem allegorisch-typischen Schattenspiel eine bequeme Unterlage; und wenn man erfahrt dass z.B. die zwölf Söhne des Erzvaters Jacob nach priscillianistischer Lehre Typen von Seelenkräften sein sollen, so wird man durch diese Probe eine Vorstellung von dem Uebrigen gewinnen und nach weiteren Einzelheiten nicht begierig sein. Hierdurch war also dem Severus in seiner nächsten Umgebung die Verfanglichkeit der Typik und Allegorie auf die abschreckendste Weise vor Augen gestellt; er musste fühlen dass, wenn er von dieser Manier vor dem damaligen aquitanischen Publicum öffentlichen Gebrauch zu orthodoxem Zwecke mache, er gegen ihre priscillianistische Verwendung wehrlos werde; denn war einmal zugegeben, dass Allegorie den wahren Sinn der Bibel aufschliesse, so ward es Gegenstand einer misslichen Disputation, welche Art von Allegorie ein Schlüssel und welche ein Dietrich sei. Severus hat es daher vorgezogen, unter Aufopferung auch der rechtgläubigen Typen und Allegorien, denen er ohne Zweifel ergeben war, sich einer rein thatsächlichen Darstellung zu befleissigen. Mithin ergiebt es sich, dass in noch unmittelbarerer Beziehung als bisher zu erkennen war, die Verbreitung der priscillianistischen Sekte in Aquitanien maassgebend auf die eigenartige Beschaffenheit unserer Chronik eingewirkt hat. Oben (S. 42 und 45) durften wir den Anlass zu dem gesammten Plan des Severus in dem Bestreben finden, mit den Priscillianisten auf dem von ihnen beherrschten Gebiet klassisch-litterärischer Fertigkeit zu wetteifern und ihrem Einfluss auf die rhetorischen Kreise ein Gegengewicht dadurch zu schaffen dass die Bibel im Gewände einer anziehenden, von allem Solöken und Fremdartigen freien historischen Schrift den Verehrern des Sallustius und Tacitus dargeboten werde; und allerdings musste schon diese Absicht dem Severus den Vorsatz eingeben, auf den Boden der geschichtlichen Wirklichkeit sich zu stellen. Aber schwerlich würde er den allgemeinen Vorsatz mit solcher Strenge im Einzelnen durchgeführt haben, wären nicht alle typologischen und allegorischen Regungen erstickt worden durch die Furcht, sich auf derselben Fährte mit den Priscillianisten betreffen zu lassen, und durch die Notwendigkeit, ihrer schlauen Handhabung jener Auslegungsart zur Begründung einer heterodoxen Dogmatik nach Kräften entgegenzuarbeiten. Ob nun die nächste Wirkung der Chronik auf das Aquitanien des fünften Jahrhunderts diesen Absichten des Severus entsprochen, ob ihr durch klassische Sprache gewürzter biblischer Inhalt den Rhetoren gemundet, ihr geschichtlicher Ernst dem priscillianistischen Allegorienspiel gesteuert habe, muss bei unserer mangelhaften Kunde über die Zustände dieser Zeit dahingestellt bleiben. Um so deutlicher aber lässt es sich wahrnehmen, wie sehr in den folgenden Jahrhunderten 86) Zum Belege genügen folgende Stellen aus Augustinus, de Jiaeresibus c. 70: hoc versutiores (Priscillianistae') etiarn Manichaeis quod nihil scripturarum canonicarum repudiant, simul cum apocryphis legentes omnia et in autoritaie sumentes, sed in suos sensus allegorizando vertentes quicquid in sanctis libris est quod earum evertat errorem; und im Wesentlichen gleichlautend epist. 2H7 (= 253) ad Ceretium § 3: Priscillianistae vero accipiunt omnia et canonica et apocrypha simul, sed quaecunque quae contra eos sunt in suae perversitatis sensus aliquando callida et astuta aliquando ridicula et hebeti expositione pervertunt. Im Uebrigen gilt auch für diesen Punkt die obige (Anna. 7) allgemeine Verweisung auf Lübkert's Schrift. 9*