Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1861
- Date
- 1861-01-01
- Page
- – (sequence 68)
- Language
- German
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66 die umfassendsten Gelehrten des Jahrhunderts waren von dem Allegorientaumel befallen; alle seine Dialektik konnte den Augustinus, all sein philologisches Wissen konnte den Hieronymus nicht schützen; sollte Severus allein von der allgemeinen Ansteckung frei geblieben sein, so hätte er eine Selbständigkeit und Gesundheit des Sinnes besitzen müssen, die nach einem Blick auf seine Lebensbeschreibung des Martinus und auf seine Briefe Niemand ihm beilegen wird. Wenn er in diesen mit der Chronik fast gleichzeitigen Produkten 85) über die Offenbarung Gottes in der Natur liinausstrebt und mit unersättlicher Begierde nach grossen und kleinen Wundern hascht, so wird er schwerlich bei der Offenbarung Gottes in der Schrift stets sich an dem ungekünstelten Schriftsinn haben genügen lassen. Alles führt vielmehr darauf dass er für seinen eigenen Bedarf und in der Stille seiner Meditationen nicht blos bei Lamech und Abraham, sondern bei noch gar manchen anderen Personen und Ereignissen des alten Testaments in bunte Typik sich versenkt, an luftigen Allegorien sich erbaut habe-, und wenn die Chronik hiervon nur die angegebenen höchst schüchternen Spuren aufzeigt, so darf für eine solche Enthaltsamkeit, da sie dem damaligen Zeitalter fremd und dem Severus, nach allem sonst über ihn Bekannten, nicht natürlich ist, der erklärende Anlass nur in den besonderen, für die Chronik geltenden, schriftstellerischen Motiven gesucht werden. Dieselben geben auch befriedigenden Aufschluss, sobald man die Rücksichten erwägt, welche sein nächster Leserkreis, das von Priscillianisten wimmelnde Aquitanien, dem Severus auferlegte. Jene Sekte hatte nämlich zu der Bibel als Quelle der Dogmen eine eigentümliche Stellung sich gewählt. Während die älteren Sekten und auch noch die gleichzeitigen Manichäer, um ihre Lehrgebäude auf die biblischen Urkunden gründen zu können, vor der Verwerfung ganzer Reihen von kanonischen Büchern vorzüglich des alten, aber auch des neuen Testaments nicht zurückschreckten, enthielten sich die Priscillianisten, denen daran lag möglichst lange im Kirchenverbande zu bleiben, eines so gewaltsamen Verfahrens, durch welches das Schisma alsbald zu öffentlichem Ausbruch hätte kommen müssen-, sie bekannten sich vielmehr zu allen kanonischen Büchern ohne Ausnahme. Aber trotz dieser Gemeinschaft der Urkunden wahrten sie ihren Sonderglauben mittels schrankenloser Anwendung der Interpretationsweise, in welcher Kirchenlehrer wie Origenes ihnen vorangegangen waren. Zur Zeit als der Priscillianismus in Spanien und Aquitanien aufkam, d. h. in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts, war die Bewunderung für jenen alexandrinischen Meister allegorischer Bibelauslegung noch eine ungetheilte; die wirksamen Bewegungen gegen sein System beginnen erst zu Anfang des fünften Jahrhunderts gleichzeitig mit der Abfassung der Severischen Chronik. Die Führer der Priscillianisten durften, also, wenn sie die Bibel allegorisch deuteten, auf eine allgemein anerkannte und allgemein nachgeahmte Autorität sich berufen; und da es im Wesen der allegorischen Manier liegt, dass sie unmethodisch ist und die Grenzen ihrer Anwendung sich nicht bestimmen lassen, so war die Sekte trotz ihres Festhaltens an den alten kanonischen Büchern doch unbehindert in ihren dogmatischen Neubildungen, welche 85) Wer sich zur Lektüre derselben nicht entschliessen kann — und leicht wird der Entschluss wohl nur sehr Wenigen werden —, mag den in ihnen herrschenden Geist aus Gibbon's kurzen und strengen , aber gerechten Worten ch. 27 n. 60 kennen lernen.