Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1861
- Date
- 1861-01-01
- Page
- – (sequence 66)
- Language
- German
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64 sung angegeben, die selbst zu formuliren Severus sich nicht einmal die Mühe genommen sondern wörtlich, wie De Prato nachweist, aus Hilarius abgeschrieben hat. Dagegen der eigentliche Kern des Werks, die alttestamentliche Geschichte, bleibt von dogmatischen oder allegorischen Zwischenreden frei, ausser an drei Stellen, die jedoch Ausnahmen von derjenigen Art bilden, welche die Regel bestätigen. Die erste dieser Abnormitäten bezieht sich auf die vorsindflutliche Zeit. 'Von cLamech — sagt Severus I, 2, 4 — werde in der Bibel (Gen. 4, 23) berichtet, dass er einen Jüngcling erschlagen habe; der Name des Erschlagenen werde jedoch nicht mitgetheilt; Einsichtige halten 'dafür, dass dies ein zukünftiges Mysterium vorbedeute (quod quidem futuro mysterio fuisse praemiscsum a prudentibus 'aestimatur)? Das hier verborgene Geheimniss aufzudecken haben die theologischen Ausleger des Severus vergeblich sich angestrengt, und wir am allerwenigsten fühlen Beruf oder Neigung den Schleier zu lüften, da für unseren Zweck der Nachweis genügt dass die geschichtliche Haltung der Chronik durch dieses beiläufige 'Mysterium* eher ins Licht gesetzt als verdunkelt wird. Denn erstlich ist es als eine blosse Muthmaassung, für welche Severus überdies die Verantwortung Anderen zuschiebt, von dem Thatbestande scharf gesondert; und zweitens berührt es gar nicht den erzählten Vorgang, der vielmehr in seiner Wirklichkeit unangetastet bleibt, sondern Severus versucht nur, der Namenlosigkeit des Erschlagenen, d. h. einem formalen Umstände der biblischen Darstellung, eine gewisse Bedeutung unterzulegen. — Eben so wohl verträglich mit dem Grundton der Chronik ist die zweite Ausnahme. cDem Abram und seinem Weibe — heisst es J, 6, 2 — cseien durch Hinzufügung je Eines Buchstabens die Namen verändert worden; fortan cwerde er Abraam genannt statt Abram, sie aber Sara statt Sarai. Das nicht leere Geheimniss 'dieser Sache auseinanderzusetzen, gehört nicht in das vorliegende Werk {cuius quidem rei non incane mysterium non est huius operis exponere)' Hier ist also ausdrücklich der Charakter der Chronik als unvereinbar mit Enthüllung von Geheimnissen hingestellt; die. blosse Voraussetzung eines Geheimnisses aber an diesem Orte, wo es sich nicht um ein thatsächliches Ereigniss sondern um eine Namenswandlung handelt, darf wohl zu der verzeihlichsten, jedenfalls zu der unschädlichsten Gattung von Mysteriensucht gerechnet werden. — Anders freilich verhält es sich mit der dritten Ausnahme, zu deren Erledigung ein näheres Eingehen auf die Worte des Severus unvermeidlich ist. cJabin, ein kanaanitischer König — erzählt er /, 24, 5 — habe zwanzig Jahre hindurch die 'drückendste Zwingherrschaft über die Hebräer ausgeübt, donec pristinum Debbora midier statum redcdidit. Adeo nihil spei i?i eorum ducibus erat ut muliebri auxilio defender entur. Quamquam haec in typum 'Ecclesiae forma praemissa sit, cuius auxilio captivitas est depulsa. Sub hac duce vel iudice XL annis cHebraei fuerunt? Da hätten wir nun die Typik in ihrer schlimmsten Ausartung. Nicht Nebenumstände der Erzählung, wie bei Lamech und Abraham, werden ausgedeutet, sondern eine geschichtliche Persönlichkeit, die in ihrem Leben und ihren Thaten so scharf umrissen vor uns steht, wie irgend eine andere grosse Frau der alten oder neuen Zeit, wird zu einem Gedankending aufgelöst; Debora wird zur 'Kirche* gemacht, blos weil beide das Glück oder das Unglück haben, weiblichen Geschlechts zu sein. Sehen wir jedoch das Sätzchen quamquam haec in typum Ecclesiae forma praemissa sit, cuius auxilio captivitas est depulsa genauer an, so werden wir auch von Seiten der Sprache und der logischen Verbindung durch arge Unleidlichkeiten verletzt. Zunächst ermangelt captivitas der nöthigen Beziehung. In einem Zusammenhang wie der hiesige, wo die politische