Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1861
- Date
- 1861-01-01
- Page
- – (sequence 64)
- Language
- German
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62 durch eine dicht übertünchte. Die erste Interpolation liegt offen, weil sie zu einem auffallenden sachlichen Fehler geführt hat. Jeder Geschichtskundige weiss, dass Antiochos der Grosse nicht der Bruder sondern der Sohn des Kallinikos war; in brüderlichem Verwandtschaftsgrad stand er zu seinem unmittelbaren Vorgänger Seleukos, welcher jetzt durch den bei Severus nicht erwähnten und, wie es scheint, auch nicht officiellen Beinamen Keraunos von den gleichnamigen Königen unterschieden zu werden pflegt. Ein so handgreifliches Versehen konnte nicht leicht Jemandem begegnen, der ernstlich wie Severus auf die seleuMdische Chronologie sich eingelassen hatte, und man ist um so weniger berechtigt es diesem selbst aufzubürden, als die Entstehung der jetzigen Lesart sich aus einem der allergewöhnlichsten handschriftlichen Vorkommnisse auf das Leichteste erklärt. Severus hatte blos geschrieben: Hoc [Seleuco] defnncto Antiochus frater Asiam et Syriam tenuit cNach dessen Tode hatte sein Bruder Antiochus Asien und Syrien inne' d. h. der Bruder des eben als verstorben bezeichneten Reichsvorgängers Seleukos Keraunos; ähnlich wie Severus auch vorher post hunc Seleucas filius cognomine Callinicus schreibt und es dem Leser überlässt, den aus der Reihenfolge von selbst sich ergebenden Genetiv, nämlich filius Antiochi T/tei, zu ergänzen. Ein Abschreiber oder Leser vermochte jedoch diese einfache Operation bei den Worten Antiochus frater nicht richtig auszuführen und fügte zu ihnen den falschen Genetiv Callinici, der ihm von Seleucus filius Callinici her noch im Sinne lag. Im Wesentlichen hat diesen Hergang der Sache bereits der neueste Herausgeber, De Prato82), erkannt, wie er denn auch sonst zuweilen das Wahre trifft in Dingen, auf die seinen Menschenverstand anzuwenden er sich berechtigt hält und bei denen man mit dem unbewaffneten Menschenverstände ohne Beihilfe kritischer Technik ausreicht. Dass er jedoch mit diesem letzteren Erforderniss eines Herausgebers sehr mangelhaft ausgerüstet war, zeigt die Art, wie er sich bei der zweiten Verderbung benimmt, welche in adversus quem Scipio Africani frater bellavit versteckt ist. Diese Worte sind so frei von jedem sachlichen oder sprachlichen Anstoss, dass Niemand an ihrer Ursprünglichkeit hätte zweifeln können, wenn nicht nach De Prato's eigenem Zeugniss die einzige jetzt vorhandene Handschrift statt jenes glatten Sätzchens folgende zum Theil sinnlose aber eben deshalb verheissungsvolle Lesung darböte: adversum quem ut suscipio Asiana gens bellavit. De Prato schickt sich an, aus diesen Buchstaben etwas 'herauszuklauben {exsculperef', fördert jedoch nichts anderes zu Tage als adversus quem Scipio Asiaticus bellavit, wobei, wie man sieht, das 'Klauben3 nicht gerade sorgfaltig betrieben ist. Denn dass Asiaticus je zu den unverständlichen Schriftzügen Asiana gens entstellt worden sei, hat nicht den leisesten Anflug von Wahrscheinlichkeit, und die Buchstaben ut su bleiben gänzlich unverwendet. Hingegen kann allen Anforderungen diplomatischer Probabilität genügt werden, wenn man sich erinnert, dass der Beinamen, welchen Lucius, der geringe Bruder des grossen Publius Scipio von dem Siege über Antiochos davontrug, ursprünglich nicht die einfach lateinische Form Asiaticus hatte, sondern mit seltsamer Gräcisirung Asiagenes lautete; wonach nun aus den Zügen der Handschrift adversum quem ut suscipio Asiana gens bellavit folgende Fassung adversum quem Lucius Scipio Asiagenes bellavit von selbst hervorspringt, welche durch die verschollene Namensform zugleich die 82) Clinton, welcher fast. Hellen. III 314 den stränge error dem Severus selbst beimisst, hat, wie die Meisten welche in neuerer Zeit die Chronik gelegentlich nachschlagen, die De Prato'sche Ausgabe nicht eingesehen.