Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1861
- Date
- 1861-01-01
- Page
- – (sequence 54)
- Language
- German
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52 cseien doch von denselben Urhebern ausgegangen; die Christen seien aus den Juden entstanden; rsei erst die Wurzel fortgeschafft, so werde auch der Stamm leicht zu Grunde gehen. Solcherweise 'ward, nachdem auf göttlichen Wink alle Gemüther sich entflammt hatten, der Tempel zerstört im 'dreihundert ein und dreissigsten Jahre vor dem jetzt laufenden* Der Gegensatz dieser Darstellung zu dem oben (S. 50) mitgetheilten Bericht des Josephus über den Kriegsrath und zu dem milden Benehmen, das er dem Titus durchgängig zuschreibt, konnte den Auslegern des Severus nicht entgehen, aber sie suchen so rasch als möglich über den kitzlichen Punkt hinwegzukommen. Der gelehrteste unter ihnen, Carolus Sigonius, bedient sich folgender Ausflucht: credo, hoc ex ingenio suo expressisse Sulpicium, welche, gleichwie mancherlei andere Seltsamkeiten dieses Commentars, aus den eigenthümlichen Umständen seiner Entstehung (s. den Anhang) zu erklären ist. Das credo nämlich bedeutet hier, wie so oft, dass Sigonius das nicht glaubt, was er sagt. Und in der That wäre eine viel grössere Glaubens- und eine viel geringere Urtheilskraft als Sigonius besass dazu erforderlich um im Ernste zu meinen, Severus habe dies Alles caus seinem Kopfe ersonnen.' Denn, abgesehen einmal von allen in der Wortfassung enthaltenen Gegenbeweisen, hätte eine so umständliche Lüge in so bedeutungsvoller Sache doch einem Zwecke und zwar, nach dem ganzen Charakter des Severus zu schliessen, nothwendig einem christlich frommen Zwecke zu Liebe erdichtet sein müssen. Aber dergleichen Zwecke werden durch die herkömmliche josephische Erzählung, welche den Untergang des Tempels wider Willen der Römer im Wege des Zufalls, d.h. einer besonderen göttlichen Fügung, eintreten lässt, sehr gut erreicht, wie die vielen Predigten68) hierüber aus alter und neuer Zeit beweisen; die Darstellung des Severus dient solchen Zwecken sehr schlecht, indem sie das Ereigniss in den Bereich menschlicher Absicht zieht und in der scliliesslichen Zerstörung blos eine Ausführung des von Anbeginn im Kriegsrath gefassten Beschlusses sehen will. Sogar dem Severus selbst war diese durch seinen Bericht bewirkte Vermenschlichung des gesammten Vorganges so deutlich und so unlieb dass er, um das Eingreifen Gottes nicht gänzlich zu missen, den Beifall, welchen die übrigen Mitglieder des Kriegsraths dem für die Zerstörung stimmenden Titus zollen, von einer auf 'göttlichen Wink* entstandenen Entflammung der Gemüther herleitet. Und ferner, was hätte einen Kirchenschriftsteller des fünften Jahrhunderts bewegen können, dem Titus, einem wegen seiner Tugenden allgemein gefeierten Kaiser, einen solchen, sonsther nicht bekannten, Christenhass anzudichten wie er in* diesem Berichte hervortritt? Dass die frommen Pictionen die entgegengesetzte Richtung einschlugen und sogar dem Tiberius eine Hinneigung zum Christenthum beilegten, lehrt ein Blick auf die neutestamentlichen Apokryphen (Fabric. cod. pseud. I, 214). Kurz, die Annahme einer Erdichtung seitens des Severus hält auch vor der oberflächlichsten Prüfung nicht Stich; und der einzige methodische Weg, das Problem des Widerspruchs zwischen Josephus und Severus zu lösen, ist derjenige, welchen der neueste Herausgeber, Hieronymus dePrato, bereits betreten hat, freilich ohne das Ziel mit Festigkeit zu verfolgen. Dieser Priester des Oratoriums sagt ehrlich 68) Mit vorzüglichem Effect weiss Bossuet die Inspiration divine des fackelschleudernden Legionars zu verwenden in den reflexions particulieres sur le chdtiment des Juifs (Histoire universelle, seconde partie § 8).