Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1861
- Date
- 1861-01-01
- Page
- – (sequence 51)
- Language
- German
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49 besitzen liess. Aber als Jerusalem fiel, war das römische Kaiserthum und sein unzertrennlicher Begleiter, das stehende Heer, bereits ein ganzes Jahrhundert alt; man sieht nicht ein, warum das unterworfene Jerusalem und die Burg Antonia nicht eben so gut mit den erforderlichen Legionen hätten besetzt werden können wie das unterworfene Alexandria und die Lasel Pharos, warum die flavischen Kaiser, welche mit den Grossthaten der Julier ihre eigenen Leistungen im britannischen Westen und im palästinensischen Osten so gern vergleichen Hessen, es nicht vorgezogen haben, statt eines rauchenden Trümmerhaufens die Zierde und das Bollwerk einer herrlichen und festen Stadt, wie der Orient nur wenige aufwies 65), dem Reiche zuzubringen, dessen Thron sie bestiegen. Wirklich müssen auch späterhin, als die kriegerische Hitze abgekühlt und die Herrschaft der ersten Flavier sowie der Ruf ihrer Milde befestigt war, solche Fragen der ruhig urtheilenden Welt sich aufgedrängt haben; und die Antwort, welche Titus entweder selbst gab oder gern gegeben hörte, liegt uns in seines Clienten Josephus Beschreibung des jüdischen Krieges noch jetzt vor. Der aufmerksame Leser dieses Buches findet, bei aller Zuverlässigkeit desselben im Grossen und Ganzen, sich doch oft daran erinnert dass es die Censur des Titus passirt hat; der Kaiser schrieb mit höchsteigener Hand den Befehl zu seiner Veröffentlichung (losephi Vit. 65); und besonders bei der Darstellung der Katastrophe von Jerusalem muss man sich zu kritischer Vorsicht gemahnt fühlen durch einen unverkennbaren Ton berechnender Absichtlichkeit; man erhält den Eindruck als wenn hier nicht eine Thatsache erzählt sondern eine Thesis vertheidigt werden soll. Josephus schärft es bekanntlich seinen Lesern wiederholt ein, dass die Römer auf Befehl des Titus Alles aufgeboten hätten um die Stadt und vornehmlich den Tempel zu retten; die verzweifelten Juden selbst hätten mit dem Anzünden der Tempelhallen den Anfang gemacht {Bell. VI, 2, 9); und die schliessliche Verwüstung sei durch ein brennendes Scheit herbeigeführt worden, welches ein römischer Soldat beim letzten Sturmangriff ungeheissen durch ein Fenster in das Innere des Tempels geworfen; die Lohe sßi dann gleich mächtig emporgeschlagen; Titus' Befehle zum Löschen seien im Lärm der Schlacht überhört worden; und die später von ihm selbst geleiteten Löschversuche seien erfolglos geblieben {Bell. VI, 4, 5). So möglich dies Alles klingt, so auffallend muss es erscheinen, dass in der Verwirrung des Sturmes, die gerade Josephus als überaus entsetzlich schildert, dergleichen-Einzelheiten mit solcher Genauigkeit bemerkt werden konnten; man wird daher, gemäss den sonst geltenden Regeln historischer Kritik, auch hier die Thatsächlichkeit alles seiner Natur nach schwer auszumittelnden Details auf sich beruhen lassen, wird in der Erzählung des Josephus nur eine von Titus approbirte Version erkennen, und statt viel zu forschen, auf welche Art während des Sturmes der Feuerbrand geworfen worden, wird man die Frage zurückverlegen in die Zeit vor dem Sturm und wird zu erfahren suchen, welchen Beschluss der römische Kriegsrath, der eine Entscheidung über diesen Punkt doch nicht umgehen konnte, gefasst hatte, ob die Anordnung des letzten Sturmes von der Absicht geleitet war, den Tempel möglichst zu schonen oder 6S) Plinkis H. N. V § 70 zählt unter den zehn judäischen Toparchien auf Orinen, in qua fuere Hierosolyma, longe clarissima urbium Orientis, non Judaeae modo. Das Perfectum fuere, dessen nachdrückliche, an faxt Ilium erinnernde Bedeutung Scaliger zu Eusebios N. 2140 bespricht, soll gewiss ein stilles Complinient für den Zerstörer Titus enthalten, dem ja Plinius sein Werk gewidmet hat. Daraus erklärt sich dann auch der maasslose Superlativ longe clarissima urbium Orientis. 7