Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1861
- Date
- 1861-01-01
- Page
- – (sequence 49)
- Language
- German
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47 chronistische Verbindung der biblischen mit der allgemeinen Geschichte auf wenig Theilnahine bei seinen Zeitgenossen im Abendlande ausserhalb Aquitanien rechnen durfte. Paulinus, der gewesene Consul, gesteht, dass auch in jenen früheren Jahren, da er noch mit profaner Iitteratur sich abgegeben, er doch immer den Historikern ausgewichen sei {etiam in tempore veteri quo videbar [s. Ahm. 71] legere neclegenda ab historicis scriptoribus peregrinatus swm); er habe also seine Unfähigkeit zur Beantwortung der vorgelegten Fragen alsbald einsehen müssen und mit denselben nichts Besseres anzufangen gewusst als sie an den Rutinus nach Aquileia zu senden; dieser sei der einzige Mann in ganz Italien, welcher in so gelehrten Nöthen vielleicht helfen könne. Ob Rufmus den gehegten Erwartungen entsprochen, erfahren wir nicht. Aber eine zuverlässigere Hilfe als sie dieser keineswegs durch Forschung hervorragende Mann gewähren konnte, fand Severus sicherlich auch für den chronologischen Theil seiner Arbeit an seinem eigenen Studium der 'heidnischen* Autoren, von welchem er sich, der Einleitung zufolge, einen so vielfachen Nutzen versprach. Wenn er — heisst es (oben S. 43) — zur Herstellung einer ununterbrochenen Kette von Epochen und Begebenheiten auch ausserbiblische Schriften gebrauche, so sollen dadurch die von klassischem Wissen Unberührten belehrt (imperitos docerem)^ aber zugleich sollen auch durch das Ineinandergreifen der ausserbiblischen und der biblischen Berichte die Gebildeten überführt werden (lilteratös convijicerem); das Gewicht so unabhängiger Zeugen, wie es die 'heidnischen* Historiker sind, soll den Glauben an die Geschichtlichkeit der Bibel bei den cGebildeten5 verstärken. Mithin zeigt sich hier abermals von stofflicher Seite dasselbe was die Betrachtung der stylistischen Form der Chronik ergeben hat, dass nämlich Severus nicht blos auf die schon Gläubigen sein Absehen richtet, sondern vornehmlich auf solche, die es erst werden sollen; nur für ein Publicum, dem die klassische Geschichtschreibung vertraut, die Bibel aber fremd war oder nicht ohne Weiteres als wahre Geschichte galt, konnte die Verknüpfung des Neuen mit dem Altbekannten nöthig erscheinen um die Wahrhaftigkeit der Bibel zu erhärten; und nur seitens solcher Leser konnte Severus einen auf das Schweigen der klassischen Schriftsteller gestützten Einwand gegen biblische Erzählungen voraussehen, wie er ihn, freilich an sehr übel gewähltem Orte, nämlich bei der Analyse des apokryphen Buches Judith, zu entkräften63) sucht. Hingegen für die Glaubensstarken von der Art des ebenerwähnten Paulinus war das Schweigen der 'profanen3 Scribenten eben so gleichgiltig wie ihr Reden, wenn es sich um biblische Dinge handelte; Männer dieser Richtung mussten sogar ein gewisses Unbehagen empfinden bei einem Durchein- 63) Nachdem er ein sehr beachtenswertes Verzeichniss persischer Könige nach 'weltlichen' Schriftstellern (s. Bibel und Clinton a. a. 0.) gegeben, um seine Vermuthung zu begründen dass der ÜSTabuchodonosor im Buche Jndith mit König ScheHisto Ochus identisch sei, fährt er folgendermaassen fort IJ, 14, 7: Ceterum illud nemini mirum esse oporfebit quod scriptores saeriker. cularium Utterarum nihil ex his (auf die Judith bezüglichen), quae saci'is voluminibus scripta sunt, attigerunt, Dei spiritu praevalente, ut intaminata (s. Bentley zu Hör. Od. III, 2, 18) ab ore corrupto et falsis vera miscente intra sua tantum mysteria contineretur hvitoria, quae sepnrata a mundi negotiis et sacris tantum vocibus proferenda permisceri cum aliis velut aequali sorte non debuit. Etenim erat indignissimum ut alia agentibus aut alia quaerentibus kaec quoque cum reliquis miscerentur. Hält man diese Aeusserung mit der Einleitung zusammen, so liesse sich die Ansicht des Severus über das Verhältniss zwischen Bibel und klassischer Historiographie dahin formuliren, dass er sie wie zwei Parallellinien dachte, die sich weder decken noch kreuzen, sondern neben einander laufen nach verschiedenen Zielpunkten (alia quaerentibus). Das Reden der Klassiker kann daher ein collaterales Zeugniss für, ihr Schweigen keinen Einwand gegen die Bibel ergeben.