Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1861
- Date
- 1861-01-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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29 Jeder Leser dieser Worte wird erkennen dass Severus, obgleich er der Welt abgesagt hatte, doch nicht blos zu einsiedlerischer Andachtsübung das Studium der Bibel betrieb, sondern sich dabei den Blick offen und die Theilnahme warm erhielt für die grossen Bewegungen der Geschichte wie für die kleinen Streitigkeiten der Bischöfe. Mag er auch, um seine unmittelbare Gegenwart in dem Gottesbuch sich spiegeln zu lassen, den Spiegel bisweilen etwas naiv für diesen augenblicklichen Bedarf zurechtrücken — daran wollen wir uns nicht ärgern, da wir ja die Urschrift der Bibel zu unverfälschbarem Erbtheil besitzen und ihren wahren Sinn nicht von ihm und seinesgleichen zu lernen brauchen. Wir danken es ihm vielmehr dass er in eine Zeit, welche so wenige geschichtliche Nachrichten im Zusammenhang hinterlassen hat, uns durch sein. indirektes Verfahren hie und da Einblicke eröffnet, wie sie aus den angeführten Beispielen gewonnen werden konnten. Ohne dass dieselben weiter gehäuft werden, haben sie wohl auch dem mit Severus sonsther nicht vertrauten Leser die Ueberzeugung verschafft, dass ein gewisser Hauch lebendiger Wirklichkeit, wie man ihn in Erläuterungsschriften zur Bibel nicht gar häufig spürt, die einzelnen Abschnitte dieser Chronik durchzieht; und es muss danach die Frage sich aufdrängenob eine Schrift,.die im Besondern mit solcher Vorliebe auf die Zeitverhältnisse eingeht, nicht auch in ihrer gesammten Anlage, so weit diese eine eigentümliche ist, durch Rücksichten auf die nächste zeitliche und örtliche Umgebung des Schriftstellers bedingt wurde? Die Eigenthümlichkeiten aber, welche dieses Werk mit keinem andern innerhalb der ecclesiastischen Litteratur theilt, sind erstlich die absichtliche Nachbildung des klassischen historischen Styls; und zweitens die Hervorhebung des rein geschichtlichen Bestandteils des alten Testaments, unter Zurückdrängung des prophetischen Bestandtheils, mit sehr spärlichen Hindeutungen typischer und dogmatischer Art, und unter gänzlicher Ausschliessung der neutestamentlichen Ereignisse. Was nun zuvörderst den klassischen Styl angeht, welcher dem Severus aus Joseph Scaliger's Munde den Lobspruch des 'lautersten unter den ecclesiastischen Schriftstellern (Ecclesiastifür den Anfang des Jahrhunderts nicht allzu bedeutend erscheinen. Diese Schwierigkeit hat auch Sigonius gefühlt. Zu ihrer Erledigung weiss er jedoch nichts vorzubringen als folgendes: In exercitu Honorii contra Gotlios ducem Iudaeum fuisse prodüum est Wo er dies gefunden, sagt Sigonius nicht. Bis ich eines Bessern belehrt werde, mnss ich daher glauben, dass Sigonius sich durch den Namen des römischen Reiterfiihrers in der Osterschlacht bei Pollentia (403) hat täuschen lassen. Dieser General hiess allerdings Saul, wenigstens wird er bei Orosius VII, H7 so genannt, aber darum war er doch ein — Alane und Heide. Die letztere Eigenschaft legt ihm Orosius ausdrücklich bei und die erstere ergiebt sich aus Claudianus bell. Gel. 583. — Alles nun aber was auf die Juden nicht passt, passt vortrefflich auf die Gothen, sowohl Gothen, was ihre Verbreitung in römischen Ländern anlangt als ihr Eindringen in die ersten Stellen des römischen Heeres; ihre Ansiedelung in Thracien datirt erst aus der Zeit des Theodosins und seitdem war auch ihr Antheil an den Offizierstellen immer, und besonders unter Stilicho's Regiment, sehr bedeutend. Ich glaube daher, dass Severus wirklich et praecipue Gothos geschrieben hatte; dies in Iudaeos zu verderben, fühlten sich die Abschreiber vielleicht durch des Severus Bemerkung über die unvereinbare Verschiedenheit der Sitten veranlasst. Dass jedoch auch die Gothen unter römischer Oberherrlichkeit die heimathliehe Sitte'bewahrten und ihren eigenen Rechtsbrauch hatten, weiss jeder Geschichtsknndige, und wie böse Befürchtungen diese Sonderstellung erweckte, zeigt recht deutlich die mit Severus' Chronik gleichzeitige Rede des Synesius tcsql ßaadslag. — Noch an einem andern Orte der Chronik haben die Abschreiber den ihnen geläu- Eigenfigen Judennamen eingeschwärzt. Bei Flacius und im Vaticanus heisst es übereinstimmend II, 7, 1 exagitati in Iudaeo. namen- Das richtige exagitati invidia hat bereits Giselinus erkannt. Welch unberechenbarer Misshandlung die Eigennamen überhaupt in unserer Chronik unterlagen, wird unten in der Umgebung von Anm. 83 hervortreten.