Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1859
- Date
- 1859-01-01
- Page
- – (sequence 43)
- Language
- German
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41 niemals von einem Menschen hätten ausgehen können. Aber diese Leute stellen offenbar den Menschen höher als Gott, insofern sie zwar nicht dem Menschen, wohl aber Gott etwas Unzweckmässiges zutrauen 1). . Die wahre und einzig richtige Ansicht, die auch mit den Aeusserungen der Bibel und, näher zugesehen, ebenso mit den Aeusserungen der talmudischen Weisen zusammenstimmt, ist vielmehr die, dass Alles in der Natur sowohl als auch in der göttlichen Lehre sich nach der mit dem göttlichen Willen identischen göttlichen Weisheit richte, nur dass wir nicht immer im Stande sind, in die Wege dieser göttlichen Weisheit einzudringen. Und so beruht denn auch die Unterscheidung der Gebote (mXö) in solche, die einen ersichtlichen Zweck haben (O'BSHöö), und in solche, deren Zweck nicht eingesehen werden kann (O'pn), nicht auf einem objektiven Eintheilungsgrunde, sondern auf einem subjektiven, d. h. darauf, dass wir diejenigen Gebote Satzungen (ü'pn) nennen, deren Grund uns entweder aus Mangel an (geschichtlichen) 2) Kenntnissen oder aus Mangel an Einsicht verborgen ist. Dass dem aber so sei und dass auch der Midrasch diese Ansicht theile, ist, wie aus vielen midraschischen Sätzen, so namentlich aus der bekannten Sage zu ersehen, dass König Salomo die Gründe für alle Gebote, mit Ausnahme eines einzigen, gewüsst habe 3). Nichtsdestoweniger kann man auch in der Erforschung der Zwecke, die jedes einzelne Gebot hat, zu weit gehen. Während nämlich jedes Gebot als Ganzes einen zum Zwecke der gesammten Lehre zusammenstimmenden, nothwendigen Zweck hat, müssen die einzelnen Bestimmungen über die Ausführung dieses Gebotes nicht selten die Natur des blos Möglichen an sich haben. So z. B. hat das Gebot des Opfers einen wohl einzusehenden Nutzen, nach welchem geforscht werden muss, nicht aber darf man die Forschung so weit treiben, dass nun auch die Zahl der Opfer und ähnliche Einzelheiten aus einem Zwecke heraus erklärt werden 4). Sind demnach die Gränzen für die Untersuchung dadurch gegeben, dass wir in die Absichten eines jeden Gebotes, nicht aber in die Absichten der einzelnen Theile dieses Gebotes einzudringen suchen, so beginnen wir sie am passendsten damit, dass wir vor allem den Zweck der gesammten Lehre bestimmen und aus diesem die Zwecke der einzelnen Theile derselben abzuleiten versuchen» . Der Zweck der gesammten Lehre 5) ist aber, einerseits die materielle Wohlfahrt durch heilsame, die Praxis sittlich gestaltende Verordnungen, andererseits das geistige Sein des Menschen durch Mittheilung von wichtigen Erkenntnissen zur grösstmöglichsten Vollkommenheit zu bringen. Wenn nun auch von den genannten Zwecken genau genommen nur der zweite der eigentlich um seiner selbst willen gewollte ist, so musste dennoch noch eine grössere Zahl von Verordnungen auf den ersten sich beziehen, weil er der Natur und Zeit nach vorangeht und eigentlich schon erreicht sein muss, wenn die Erreichung des letzten und eigentlichen Zweckes möglich sein soll. Näher bestimmt aber wTerden die auf die Praxis bezüglichen Verordnungen entweder von der Art sein, dass sie nur das Unrecht aus dem geselligen Leben entfernen, oder dass sie auch positiv die Verbreitung löblicher Sitten befördern; hinwiederum werden die auf Verbreitung von Erkenntnissen absehenden Gebote entweder diese Erkenntnisse um ihrer innern Wahrheit und Nützlichkeit willen lehren und ausbreiten, oder auch nur um des in ihnen liegenden Regulativs für die Praxis.- Als Beispiel der letztern Art kann die Exod. 22, 23 gegebene Lehre dienen, dass der Zorn Gottes über den Gewalt- 1) More III, 31. 2) So sind More III, 26 die Worte: uviBsn \Y)onb Mi irnm nypS na aufzufassen. 3) More, 1.1. 4) More, ibid. 5) Vgl. den Anfang unseres zweiten Theiles. 6