Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1859
- Date
- 1859-01-01
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
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31 reiner Geist die Mittheilungen des Geistes erhielt, so dass naturgemäss auch die subjektive Notwendigkeit, in Bildern zu reden, für ihn nicht vorlag. In letzter Zurückfuhrung nun beruht darauf auch die grössere Heiligkeit der Thora im Verhältniss zu den prophetischen Büchern, wie wiederum die grössere Heiligkeit dieser im Verhältniss zu den Hagiographen auf den oben erwähnten Gradunterschieden in der Prophetin beruht. Nicht minder aber lässt sich aus der Einzigkeit der Mosaischen Prophetie die Berufung des Volkes zur Thora begreifen. Keiner der vor Moses aufgetretenen Propheten hatte nämlich den Beruf, im Namen Gottes und als sein Bote die erkannten Wahrheiten zu verkünden, wie denn wiederum alle nachherigen Propheten, um den Ausdruck Ibn-Esra's zu gebrauchen, den Maimoni nicht buchstäblich aber sachlich hat, nur „Propheten der Zurechtweisung," d. h. Propheten waren, welche das Festhalten an die Lehre Mosis zu predigen hatten. Diese selbst aber ist vollkommen und darum ewig, denn das Vollkommene ist keiner Verbesserung fähig, und es heisst daher mit Recht von der Lehre, dass ihre Satzungen gerechte vC,P,"X) seien, d. h. — wie M. aristotelisirend hinzufügt — dass sie frei wären vom Zuviel und von Zuwenig. Vom Zuviel, insofern sie dem asketischen Leben, der Enthaltung vom Fleisch- und Weingenusse, so weit er für die Gesundheit des Leibes nöthig ist, keinesweges das Wort rede. Vom Zuwenig, insofern sie der Völlerei und jeder Ausschreitung, die der ethischen und intellektuellen Vervollkommnung des Menschen hinderlich sein könne, einen Damm entgegensetze. Auch kann die Lehre Mosis weder als beschwerlich noch als zu viel aufbürdend angesehen werden. Freilich ist sie für TJebelgewöhnte und für begehrliche und leidenschaftliche Menschen eine drückende Fessel. Aber es dürfte auch wohl nicht billig sein, die Härte oder Milde eines Gesetzes zu bemessen nach der Natur eines Leidenschaftlichen und eines Solchen, der es zu unsittlichen Fertigkeiten gebracht habe. Vielmehr ist der Gute der alleinige Massstab für eine Lehre, und von ihm aus gesehen, werden die Bibelworte einleuchtend: „Und nun Israel, was fordert der Ewige von Dir?" und ferner: „War ich etwa eine Wüste für Israel?" Haben wir durch das bis jetzt Dax-gestellte nur im Allgemeinen eine Vorstellung zu geben versucht, wie Maimoni die theoretische Seite der Bibel und die Sprecher der Bibel, die Propheten, auffasst, so müssen wir jetzt darauf eingehen, im Einzelnen zu zeigen, wie Maimoni durch eine eigentümliche Exegese dahin gelangt ist, die Resultate der philosophischen Spekulation in der Bibel wiederzufinden. Befremdend von unserm Standpunkte aus, aber jedenfalls kühn und scharfsinnig, wenn wir einmal die für geschichtliche Auffassung nothwendige Selbstverläugnung haben, in die exegetische Anschauung Maimoni's uns zu schicken, war der Versuch, die ganze Physik (im Aristotel. Sinne des Wortes) und Metaphysik in wenigen Capiteln der Bibel skizzirt zu finden. Von jeher *) nämlich war der esoterische Sinn der Schöpfungsgeschichte unter dem Namen Maasse Bereschit und ebenso der esoterische Sinn des 1. und 10. Capitels in Jecheskel unter dem Namen Maasse Merkaba Gegenstand der Forschung und der mannigfachsten Deutung. Da man aber die Jugend und die gewöhnlichen Menschen nicht mit philosophischer Spekulation verwirren wollte, so galt als Norm, über diese Dinge nicht öffentlich vorzutragen. So ist denn auch die talmudische Auslegung dieser Capitel gar nicht oder doch nur in dürftigen Andeutungen auf uns gekommen. Maimoni nun, ohne, wie er sich selber o ö o ' 1) Chagiga, Mischna II, 1.