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Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung · 1859-01-01 · 1859 · page 23

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Journal
Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
Volume
1859
Date
1859-01-01
Page
– (sequence 23)
Language
German
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IRI
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21 mau auch auf sie die göttliche Providenz sich ausdehnen lassen. Ja auch die organischen Einzelwesen sind insoweit der göttlichen Providenz theilhaftig, als sie Kräfte haben, das ihnen Nützliche zu erlangen und das Schädliche abzuwehren. Dagegen ist nach Aristoteles kein Unterschied zwischen dem Abfallen eines Blattes, dem Fallen eines Steines und dem Untergange vieler Frommen auf einem Schiffe. Diesen letzten Satz freilich geben die Anhänger der dritten Meinung, die Ascharija, dem Aristoteles zu, aber nicht weil sie mit ihm übereinstimmen, sondern weil sie behaupten, auch das Abfallen des Blattes sei von Gott geradezu verhängt worden. Ihre Ansicht, bis in die letzten Consequenzen verfolgt, ergiebt demnach die völlige Unfreiheit des Menschen, da nach ihnen Alles ohne Ausnahme von Gott vorherbestimmt ist, und auch diese Consequenz machen wir nicht, sondern, sie haben sie selbst gezogen. In der That, sagen sie nämlich, giebt es in der Welt Nichts Mögliches, sondern Alles ist nothwendig. Man müsse auch nicht einmal in der göttlichen Weltregierung die Vernunft Gottes, sondern lediglich seinen Willen suchen. Dass Gott uns beispielsweise Befehle sende, obwohl wir unfrei sind, liege eben in seinem Willen, ohne dass wir dafür einen Zweck finden könnten. Alle diese Ungereimtheiten, meint M., nahmen die Ascharija auf sich, um von Gott jede Art von Unwissenheit zu entfernen. Gleich gut gemeint, aber, obwohl weniger ungereimt, dafür desto wiederspruchsvoller ist nach ihm die vierte Ansicht, als deren Vertreter die Mutazila genannt werden können. Nach ihnen ist nämlich einerseits der Mensch frei, andererseits die Handlungen Gottes nicht blos auf seinen Willen, sondern auch auf seine Weisheit zurückzuführen. Dabei dehnen sie aber zugleich die göttliche Weltregierung auf Alles aus, so dass sie gleich den Ascharija das Abfallen eines Blattes als ein göttliches Verhängniss ansehen. Fragt man sie nun, wie es bei dieser Ansicht erklärlich sei, dass ein Mensch gebrechlich geboren werde, da er sich ja durch Nichts diese Strafe kann zugezogen haben, so antworten sie, es sei für ihn so besser gewesen. Ebenso soll der Mord eines Tugendhaften z. B. nur darum von der göttlichen Weisheit verhängt worden sein, um ihn im Jenseits desto mehr dafür zu belohnen. Das eigentlich Widerspruchsvolle dieser Ansicht wurzelt aber in dem Grundfehler, dass sie einmal zwischen göttlicher Vorherbestimmung und menschlicher Freiheit keine Ausgleichung sucht, dann dass sie überhaupt Alles, was geschieht, auf Gott und Nichts auf Naturnotwendigkeit zurückfuhrt. Als die einzig haltbare Ansicht ergiebt sich demnach für M. eine fünfte, die von ihm als biblisch bezeichnet wird. Nach ihr ist der Mensch vollkommen frei und wiederum Gott vollkommen gerecht. Alles Gute also, was dem Menschen begegnet, ist Lohn und alles Böse Strafe. Wo Aristoteles sich auf Zufall, die Ascharija auf den Willen, die Mutazila auf die Weisheit G ottes berufen, da berufen die Anhänger dieser Meinung sich einfach auf das Verdienst. Weder also kann von unverschuldeten, noch von solchen Leiden gesprochen werden, welche Gott verhängt, um nachträglich dafür zu entschädigen. Was aber näher das Walten der Providenz betrifft, so ist Folgendes darüber anzunehmen: In der sublunarischen Welt waltet die Providenz nur über die Individuen der menschlichen Gattung, so dass Maimoni mit Aristoteles die Behauptung für ungereimt hält, dass der durch die Spinne erfolgte Tod der Fliege z. B. erfolgt sei auf Grund eines speciellen göttlichen Willensaktes. Nicht aber soll dass ein Compromiss sein zwischen der Aristotelichen und der gläubigen Ansicht, sondern, obwohl der Bibel entnommen, auch zugleich das philosophisch Consequenteste. Die göttliche Providenz richtet sich nämlich nach dem Grade der göttlichen Einwirkung (yas) auf die Dinge. Diese aber hängen mit Gott lediglich durch ihre Form

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