Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1859
- Date
- 1859-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2720904-2720909--0210-2721451- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 werden und dadurch entweder anzustOBsen oder irre zu leiten, mit philosophischer Voraussetzungslosigkeit die Fundamentalwahrheiten der Religion zu besprechen, so folgt andererseits für uns gerade ■die Notwendigkeit, statt nach einer situationsgemässen nach einer stoffgemässen Eintheilung uns umzusehen, die sich im Hinblicke auf das vorliegende Material auch ungezwungen in der Weise «rgiebt, dass wir I. Maimoni's Philosophie, II. Maimoni's Ausgleichung de^r Philosophie mit der Bibel, III. Maimoni's Auffassung der biblischen Gebote darzustellen versuchen. Bevor wir jedoch an die Darstellung gehen, scheint .es zur Orientirung des Lesers nicht unangemessen, das Verhältniss Maimoni's zu seinen Vorgängern zum Theil nach seinen eigenen, freilich dürftigen, Andeutungen, zum Theil nach dem Einblicke, der uns selbst noch gestattet ist, in gedrängtester Kürze zu bestimmen. Die religionsphilosophischen Bestrebungen der Juden unter arabischer Herrschaft hatten sich naturgemäss an den unter den Arabern selbst schon früh sich regenden Bestrebungen, die Grundlehren des Koran dem philosophischen Nachdenken zn unterstellen, entzündet. Namentlich waren es die jüdischen Häretiker (die Karäer), welche zuerst der Methode der Mutakallimun (onaiö) *), die bis zum Auftreten Al-Aschari's (880 — 940) den orthodoxen Muslemin gleichfalls als Häretiker gegenüberstanden, für ihre Bibelerklärung und Dogmatik sich bedienten. Aber auch Saadias (892 — 942), der erste bedeutende Religionsphilosoph rabbanitischerseits, befolgte den nach Maimoni von allen Mutakallimun betretenen Weg, in der Behandlung der Fundamentallehren mit den Beweisen für die Weltschöpfung zu beginnen und erst von da auf das Dasein Gottes zu kommen, obwohl er, wie beispielsweise aus seiner Polemik gegen die Atomenlehre und gegen die Consequenz derselben, dass alle Bewegungen gleich seien und nur je nach den grössern oder geringem Ruhepausen schneller oder langsamer erscheinen, deutlich hervorgeht, im Ganzen selbstständig zu Werke gegangen und nur manches Methodische wie auch die Kenntniss griechischer Philosopheme — seit Al-Mamuns Regierung waren diese ins Arabische übersetzt und hatten bedeutend auf die Umgestaltung des Kalam influirt — von den Mutakallimun entlehnt zu haben scheint. Dass aber nach dem Zeugnisse Maimoni's 2) sowohl Saadias als auch die Karäer gerade an diejenigen Mutakallimun sich anlehnten, welche, unter dem Namen Mutazila bekannt, die arabischen Protestanten genannt worden sind, hat seinen guten Grund in der Thatsache, dass die Mutazila eine begränzte Willensfreiheit zuliessen, überhaupt am wenigsten specifisch mohamedanische Religionsphilosophen waren, so dass also Maimoni wohl mit Unrecht es dem Zufalle zuschreibt, dass die Karäer und Geonim keine Rücksicht auf .die später aus den Mutazila sich aussondernden, streng fatalistischen und überhaupt rechtgläubigen Ascharija nahmen. Was nun diese ganze Richtung der Religionsphilosophie anbetrifft, so wirft ihr Maimoni befangene, nicht von der Natur der Dinge ausgehende Forschung vor, so dass ihre Art, die Glaubenswahrheiten zu stützen, keine wahre Abhilfe gegen den Zweifel gewähre. Anders dagegen urtheilt er über seine andalusischen Glaubensgenossen, d. h. über die Juden, die unter der Herrschaft der spanischen Muslemin philosophirten, und von ihnen meint er, dass sie sich Alle der wahren Philosophie 1) Ueber die Mutakallimun (moliammedanischeEeligionsphilosophen) ist neben den bekannten Arbeiten von Schmölders, 31 unk u. Ritter vorzugsweise die vortreffliche Note Haarbrücker's zuS.25—30 seiner Uebersetzung des Scharastani zu vergleichen. 2) More Neb. I, 71.