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Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung · 1858-01-01 · 1858 · p. Seite 6

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Journal
Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
Volume
1858
Date
1858-01-01
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
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6 und demgemäss in der Behandlung dieser Geschichtsepoche im wahren Sinne unterst zu oberst gekehrt Sie schrieben die meisten Paragraphen des zweiten Titels dem ersten katholischen König der Westgothen zu und machten Beccared zum Urheber drakonischer Gesetze von trauriger Berühmtheit gegen die Juden, woran er ganz unschuldig war. Von der andern Seite behaupten die akademischen Herausgeber, dass sich kein einziger Paragraph mit Voller Gewissheit auf Beccared zurückführen liesse. Dagegen schreiben sie, den Ueberschriften immer noch Glauben einräumend, die meisten Paragraphen des zweiten Titels Beceswinth zu. Aber auch diese Annahme kann der Kritik nicht Stand halten. Eine auf historisches und philologisches Verständniss basirende Untersuchung der westgothischen Gesetzgebung in Betreff der Juden dürfte nach dem Vorausgeschickten nicht uberflüssig sein. Sie müsste ganz andere Resultate ergeben und der Geschichte der Juden unter den Westgothen ein anderes Colorit verleihen. Folgende Abhandlung will diese Untersuchung führen und stellt sich zum Thema, zwei Punkte zu vergewissern. 1) Soll nachgewiesen werden, dass die meisten Gesetze der beiden Titel über die Juden nur die Quasi-Neophyten, die apostasirenden jüdischen Convertiten, und nur sehr wenige die Juden als solche betreffen. 2) Soll die Autorschaft der genannten Paragraphen kritisch ermittelt, und wo keine Gewissheit zu erzielen ist, das Zweifelhafte in enge Gränzen gewiesen toerden. Zu diesem Zwecke ist eine gedrängte Uebersicht über die Geschichte der Juden im westgothischen Spanien, aus den bewährten Geschichtsquellen und den Concilienvcrhandlungen geschöpft, so weit sie auf das Verständniss der Gesetze einiges Licht wirft, nicht abzuweisen. I. Mit den römischen Bittern, Ackerpächtern und Kaufleuten hatten auch die Juden festen Fuss in Spanien und Südgallien gefasst. Die dreimalige Niederlage der jüdischen Waffen gegen die Flavier, Trajan und Hadrian hatte die Zahl der Juden in diesen Ländern vermehrt. Die jüdischen Flüchtlinge mit dem Wanderstabe und die Gefangenen mit der Sklavenkette, von ihren glücklicheren Brüdern im gesegneten Hesperien geschützt und losgekauft, gaben ihnen für Schutz und Theilnahme eine Art Bildung und geordnete Gemeindeverfassung. Das Judenthum darf in Südeuropa dem Christenthum gegenüber auf Urbürgerthum pochen. — Die siegenden Gothen mit ihrem Arianismus fanden in den Besiegten Spaniens nach der politischen Seite eine einzige Volksklasse: Börner, nach der religiösen Seite dagegen dreierlei: Juden, Katholiken und einen Best von römischen und griechischen Heiden. Die Katholiken, zahlreich in den westgothisch gewordenen Ländern vertreten, standen zu dem herrschenden Volke in einem doppelten Gegensatz, politisch als Börner gegen Barbaren, confessionell als Bechtgläubige gegen Ketzer. Es gab daher in Spanien vielfache Beibungen, die stets den Doppelcharakter politischer und confessioneller Antipathie trugen. Diese Beibungen zwischen den beiden christlichen Bekenntnissen kamen den Juden zu Statten. Sie blieben unangefochten, genossen unter den westgothisch-arianischen Königen nicht bloss Cultusfreiheit, sondern auch politischbürgerliche Gleichheit. Sie hatten ihren Antheil an den Staatsämtern und mögen den Katholiken sogar vorgezogen worden sein. In staatsbürgerlichen Verhältnissen wurden sie als Börner behandelt und standen unter den römischen Gesetzen. Ehen zwischen Juden und arianischen Christen kamen nicht selten vor.

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