Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1856
- Date
- 1856-01-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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XXVI vögel alle zugleich aus; die Mutter sollst du vorher fortlassen l)die Jungen magst du dann für dich zurückbehalten', dessen Uebereinstimmung mit Deuteronomium XXII, 6 eine fast wörtliche ist. Aehnliches findet sich bei den klassischen Völkern weder als formulirtes Gesetz noch als stehende Sitte; und es tritt also hier zum ersten Mal der Fall ein, dass der Phokylides Satzungen aufnimmt, welche den eigentümlich jüdischen Stempel tragen. Freilich durfte er hoffen, dass gerade diese Satzung auch den Nichtjuden anmuthen oder doch wenigstens nicht abstossen werde, da sie als Zeugniss von zartem Mitgefühl für das Thier erscheinen und die Beobachtung derselben nur geringe Ungelegenheit verursachen kann. Ein weitergehendes mosaisches Verbot hingegen, cvon Bind und Schaaf nicht Mutter und Junges an demselben Tage zu schlachten* (Levitic. 22, 28), das doch leicht unter den gleichen Gesichtspunct der auch dem. Thier gegönnten Milde konnte gebracht werden, hat der Phokylides dennoch nicht für seine Zwecke brauchbar gefunden, eben weil es bei seinem vielfältigeren Eingreifen in die Verkehrsverhältnisse nicht so sicher wie das nur Vögel betreffende Gegenstück auf willige Annahme rechnen 'durfte. Und so bietet denn gleich das erste Beispiel eines rituell gefärbten Gebots einen vollständigen Beleg zu den Grundsätzen, welche als die leitenden für dieses Gebiet sowohl hinsichtlich der Aufnahme als des Uebergehens oben (S. XXI) bezeichnet sind. — Von V. 86—131 erstreckt sich dann, wieder eine Reihe meistens schon (oben S. VI ff.) besprochener, ethischer Ermahnungen, deren jede einzelne in ihrem besonderen Umkreise wohl zusammenschliesst2), aber entweder gar nicht oder nur sehr lose mit den benachbarten Gliedern der Reihe verknüpft ist. — Erst bei V. 132 macht sich abermals der Einfhiss von gesetzgebenden Stücken des Pentateuchs bemerklich und hegt zugleich ein neues Beispiel vor von dem behutsamen Ausbiegen unseres Verfas- *) Ich lese (irjTsga S haigotiitrig avv£%rjg eavrä Se vsoaßovg statt iv' s'xj]g aller Handschriften und avxovg Sa veog- Govg des Vatieanus. Die Vulgata naXi rrjgds vsoGGovg, mit welcher die übrigen Handschriften übereinkommen, ist wohl nur das leieht entstellte Glossem ■KaXiijg, -welches zu hngoUTtris aus dem vorhergehenden Verse wiederholt war. 2) V. 87 ft7]Ö£ ö£/t7jv 8iv.a6rjg tiqiv äfiqxa [iv&ov äxovoyig, welchen Bergk aus einer nicht näher bekannten Brunckschen und einer zu den schlechteren gehörenden Wiener Handschrift aufgenommen hat, unterbricht diesen innern Zusammenhang, der sonst V. 86—90 folgendermaassen verbindet: eMan solle keine ungebildeten Richter bestellen, denn nur der Weise vermöge die Weisheit des Gesetzes zu beurtheilen/ Der Umstand, den Bergk seltsamer Weise zu Gunsten der Echtheit des Verses anführt, dass es nämlich ein vielcitirtcr klassischer Denkspruch sei, konnte nur um so eher einen Leser darauf bringen, dieses oft gehörte griechische audiatur et altera pars hier, wo von Richtern die Rede ist, an den Rand zu schreiben. — In Anschluss an die oben S. VI ff. besprochenen Verse 97—108 über Trauer, Seciren, Auferstehen giebt V. 109—115 eine Beschreibung des Todtenreichs unter Beibehaltung des heidnischen Namens "AiSrig, dessen'mythologische Bedeutung schon in der klassisch griechischen Sprache sich verflüchtigt hatte, und den daher auch die Septuaginta nicht vermieden. Diese kurze Nekyia, welche den schönen Spruch (V. 112) enthält 'Leichen sind sie Alle in gleicher Weise, über die Seelen aber ist Gott König', wird von echt biblischem Geiste getragen. Keine Spur weder von homerischen noch von dante'schen Marterkammern; bloss die Gleichheit Aller vor dem Tode und das Verschwinden jedes irdischen Unterschiedes wird hervorgehoben, nach dem Vorbild von Hiob III, 17—20. — Die aus der ersten Wiener Handschrift neu hinzukommenden Verse 116, 117 sind nicht, mit Bergk, dem Abschnitt über den Tod als Epilog anzureihen; da würden sie sehr matt nachschleppen; sondern sie bilden die Einleitung zu dem folgenden Abschnitt über Mässigung in Freud und Leid. Bergk ward irre geführt durch den Fehler in V. 117 ctGKonog iffrt ßQorav ftüvaro s,- t6 8b [ieIXqv a§r\- lov, welcher in ndpatog zu bessern ist. Man braucht bloss zu übersetzen, um die Richtigkeit sowohl dieser Correctur als der angegebenen Verbindung zu beweisen: 'Niemand weiss, was Morgen und was die nächste Stunde bringt. Mit unsicherm Ziel mühen sich die Sterblichen; dunkel ist die Zukunft. Lass also vom Schlimmen dich nicht niederdrücken, und nicht zu hoch jauchze auf in der Freude. Oft im Leben kam dem Zuversichtlichen ungeahnter Jammer, und gleich plötzlich kam den Bedrückten JLösung vom Uebel'.