Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1856
- Date
- 1856-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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XII wer sie in ungewöhnlicher Weise zur Darstellung brachte, fand Gehör für seine Pläne und Verzeihung für seine Vergehen; und grosse Gemüther, nur um so ehrwürdiger, weil sie ihnen nicht gegeben war, Gemüther wie Deniosthenes, verzehrten sich jn vergeblichem Ringen gegen eine ungleichartige Umgebung. Der Gegensatz der Stämme begründet in dieser Beziehung nur einen graduellen, keinen wesentlichen Unterschied; bei den begabteren Spartanern, einem Pausanias, Brasidas,. Lysandros und Agesilaos, bricht im Bösen wie im Güten die angeborne Vielförmigkeit durch den auferlegten Zwang uniformirender Gesetze, welchen die Athener gleich von Anbeginn verschmähten. Auch griff der Hellene, sobald er sich selbst zum Gegenstand des Nachdenkens machte, diesen Charakterzug als sein wesenhaftes Kennzeichen heraus; Odysseus wird verherrlicht als der c vielgewandte (nolvzQonogf, während ärgoma, das Unvermögen sich zu drehen und zu wenden, für das Widerspiel von aotpicc gilt; und schon die früheste gnomische Poesie ermahnte zu diesem Einen, was dem Griechen vor Allem unentbehrlich schien, in einem Bilde, das dann für die späteren Zeitalter durch alle Dichtgattungen stehend geblieben ist. Ein griechischer Schiffer mag es wohl zuerst aufgefasst haben, als er, sinnend bei ruhigem Meer, an Korallenriffen vorüberfuhr und dem Treiben der noch nicht verkalkten Polypen zuschaute. Am heimathlichen Herde erzählte er dann von dem .vielfüssigen Thier, welches seine Nahrung sich dadurch schaffe, dass es, auf einem Meeresfelsen regungslos liegend, die Farbe des Felsens annehme und nun die heranschwimmenden Fischlein, welche nur Fels zu sehen glauben, mit seinen Fühlern erbeute.1) Seit der Zeit ward das geschickte, die Farbe nach dem Ort wechselnde Thier zu dem beliebtesten Musterbild hellenischer Lebensklugheit. In einem alten Lehrgedicht giebt ein Bejahrter, wohl ein Pädagog, seinem' Zögling Amphilochus'Regeln auf die Reise mit: cKindJ, sagt er, cliab' mir nur ja Pölypenverstand, und passe dich denen an, in deren Gau du kommst*;2) und für immer eingepflanzt in hellenische Sinnes- und Redeweise ward Bild und Gehalt des Bildes durch den früh von griechischen Knaben auswendig gelernten Spruch des Theoguis (V. 215):/Erwirb dir die Art des vielgewundenen Polypen, der dem Blick so erscheint wie der Fels, auf dem er haust. Jetzt verfolge diesen Weg, ein andermal nimm andere Farbe an. Wahrlich, Klugheit ist stärker als Unwandelbarkeit/ , Gegen diese Grundmaxime der hellenischen Praxis erklärt sich nun unser Gedicht aufs Entschiedenste", unter ausdrücklicher Erwähnung jenes Polypenbildes und gewiss im Hinblick eben auf den angeführten Spruch des Theognis. Die phokylideischen Verse (47 — 50) lauten: cBirg in deinem Herzen keine anderen Gedanken als du aussprichst, und nicht, wie der felserwachsene Polyp, wechsele nach dem Ort Sondern schlicht sei gegen Alle und sprich wie dir's zu Muthe ist.' In der That war jenes hellenische Polypenwesen im Lauf der Jahrhunderte bei einem argen Ziele angelangt. Ueber all dem Drehen und Wenden war die eigene Charakterfestigkeit, ja der Glaube an die Möglichkeit derselben bei Andern gänzlich verloren' gegangen; PolyLius muss hoch und heilig betheuern, er lüge wirklich nicht, das bei seinen griechischen 1) PI™. H. N. IX, 29. Aelian. V. H. I, 1. 2) Bei Athen. VII, 317: TJovlvitodog [iol, xshvov, t%cov voov, 'A[i(piXo%' ijQoag, Tol6lv icpciQiiogsiv, xäv xata drj[(iov txtiai: Vorher und nachher (p. 316—318) giebt Athenäus eine Sammlung von Parallelstellen aus Dichtern der verschiedensten Gattungen.