Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1856
- Date
- 1856-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2720904-2720915--0060-2721298- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
IV für die Schiillectüre hatte man immer entschiedener die paränetisch-moralischen Gesichtspuncte des sechszehnten Jahrhunderts fallen lassen, und lieber die echten Klassiker, unbeirrt durch ihren noch so ausgeprägten Ethnicismus, schon der zartesten Jugend in die Hand gegeben; der Phokylides also, welcher fortan weder als Klassiker noch als Schulautor die Mühe verlohnte, ward von Seiten der Philologen einer Vergessenheit überliefert, aus welcher ihn auch die Fachtheologen nicht befreiten, obgleich er diese doch hätte anziehen sollen durch seine von Scaliger behauptete Christlichkeit. In der That aber mögen wohl die spürkräffcigeren Theologen, wenn sie je einmal auf die fast verschollenen Verse stiessen, bald gemerkt haben, wie bedenklich es um die Christlichkeit eines so wenig christologischen Schriftstückes bestellt sei. Und auch wer der empfindlichen dogmatischen Wage sich nicht bedient, darf doch von rein kritischer Seite her es höchst wundersam finden, dass Scaliger, nachdem er selbst die Alternative zwischen einem hellenistischen Juden und einem Christen gestellt hatte, für den Christen entscheiden konnte, ohne sich auch nur mit Einem Wort auf An- oder Abwesenheit eines der trennenden Lehrstücke zu berufen. Liest man Scaligers Auseinandersetzung in der Form, welche sie in der zweiten Ausgabe des Eusebius erhalten hat, so sucht man vergebens nach einem Schlüssel für solch räthselhaftes Verfahren. Dasselbe wird jedoch sehr begreiflich, sobald man die erste Ausgabe zu, llathe zieht. Dort1) führt er unter anderen offenbaren Entlehnungen aus dem Pentateuch auch den 140. Vers des Phokylides an: xrqvog xijv i%d-ooio Ttäffjj xud-3 ödbv, avvsysiqs cFäUt deines Feindes Lastthier auf dem Wege, so hilf es aufrichten.* Diese Vorschrift sei — sagt er — herübergenommen aus Deuter. XXII, 4: cDu sollst es nicht mitansehen, wie deines Bruders Esel oder Ochs auf der Strasse daniedergefallen ist, dess sollst du nicht unbekümmert sein, sondern du sollst mit ihm zusammen sie wieder in die Höhe bringen.3 Statt nun — fährt Scaliger fort — dieses menschenfreundliche Gebot mit dem Pentateuch bloss aufc des. Bruders3 Thier zu beschränken, dehne es ja der Phokylides auch auf den cFeind3 aus: das ,sei eine Frucht der christlichen Lehre von der Feindesliebe; mithin habe man in dem Verfasser eher einen Christen als einen Juden zu erkennen. In der zweiten Ausgabe des Eusebius ist diese ganze Schlussfolgerung spurlos verschwunden, wohl weil Scaliger selbst nachträglich ihre Unhaltbarkeit einsah; nur hätte er dann auch seine, allein auf diesem Argument fussende, Behauptung von der Christliclikeit des Verfassers zurücknehmen sollen, und vielleicht hätte er: das wirklich gethan, wäre die zweite Ausgabe des Eusebius noch bei seinen Lebzeiten veröffentlicht worden. Wie dem jedoch sei, jedenfalls giebt das Aufstellen jenes Arguments einen schlagenden Beweis, dass auch seine Bibelfestigkeit, wie die der meisten anderen Gelehrten des sechszehnten und späterer Jahrhunderte, sich nicht bis zu einer lebendigen und sichern Kenntniss des Pentateuchs erstreckte. Denn sonst hätte er nimmermehr die vom cBruder3 redende Stelle des Deuteronomiums als alleinige Quelle des phokylideischen Verses ansehen können, sondern er hätte sich alsbald erinnern müssen, dass es Exod. XXIII, 5 auch heisst: cWenn du deines Feindes Esel daniedergestreckt siehst unter seiner Last, wolltest du dann säumen,, ihm aufzuhelfen? Mit ihm (dem Feinde) zusammen hilf *) p. 89» Sed occipe et illud ex XXII, 4 Deuieronomü nz^vog 8' tjv §%&qoio Ttsßrj yiaft' bdov Gvveyuqov. In quo non Iudaeum sed Christianum agnosco, quum addidit i%%'qolot vi caussa non sit cur Iudaeum potius quam Chrislianum ptilemus.