Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1856
- Date
- 1856-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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n thümlich hellenischem Gehalt, als dass man sie guten Müthes zu einem unverfänglichen Muster bloss für hellenische Form hätte verwenden dürfen. Viel geeigneter zu solchem Gebrauch mussten die phokylideischen Verse erscheinen. Konnten sie sich auch an sprachlicher Schönheit mit dem Theognis nicht messen, so waren sie doch keineswegs unkünstlerisch zu nennen; ihre Moral hingegen war fasslich, geradeaus gebietend und — was zu besonderer Empfehlung gereichte — übereinstimmend mit biblischen Lehren. Aus dieser Uebereinstimmung aber Verdacht zu schöpfen an <Jer klassischen Herkunft der Verse, und an ihrer Abfassung durch einen um die sechszigste ölympiade lebenden Griechen, war man damals, im sechszehnten Jahrhundert, noch weit entfernt. Je häufigere und vernehmlichere Anklänge an die Bibel bemerkt wurden, desto herzlicher freute man sich, in dem unbefangenen Glauben, hier abermals einen hellen Beweis zu gewinnen, dass das unverfälschte Zeugniss der Natur aus dem Munde der edlern Heiden im Wesentlichen gleichlaute dem göttlichen Gnadenwort der Bibel. Urtheil ist ja diejenige geistige Fähigkeit, welche in ganzen Zeitaltern wie im Einzelmenschen am spätesten zur Reife kommt; bis zu Ende des sechszehnten Jahrhunderts glaubte das grosse Gelehrtenpublicum schlecht und recht an die Echtheit der sibyllinischen Orakelsammlung; die alte c Weltmutter*, wie die Sibylle bei gläubigen Heiden1) hiess, sollte als Schwiegertochter Noah's ein Unterkommen in der Arche gefunden, solchergestalt vorsindfluthliche Ueb erlieferungen gerettet und diese dann unter den Heiden verbreitet haben. Ein Gelehrtengeschlecht, das sich mit dergleichen trug, konnte keinen Anstoss nehmen an noch so wörtlichem Zusammentreffen des Phokylides mit Moses; ja ein sehr verdienter Schulmann jenes Geschlechts,-Michael Neander aus Sorau, vermuthet sogar, dass die biblischen Anklänge im Phokylides auf den Einfluss eben der Sibylle zurückzuführen seien. Inmitten so glücklicher Einfalt ward zuerst gegen Ablauf des sechszehnten Jahrhunderts von dem wackern Friedrich Sylburg ein schüchternes Wort der Vernunft gewagt. Er stützt sich vorzüglich auf die Wahrnehmung, dass die kurzen Bruchstücke, welche Athenäus aus dem Phokylides anfuhrt, doch von einem ganz andern Hauche der Klassicität belebt seien, als jene lange Hexameterreihe. c Zudem verrathe Vieles in diesen Hexametern eher jüdische und christliche als heidnische Weisheit. Freilich* —:, gesteht er — cso gut wie Pythagoras, der ja bekanntlich von den Hebräern lernte, könne wohl auch Phokylides zu den Füssen eines hebräischen Meisters gesessen haben. " Aber ob nicht dennoch3 — fragt er leise — 'einige Vorschriften von Juden und Christen dem ursprünglichen Gedicht einverleibt worden, um die Brauchbarkeit desselben für die Jugend zu erhöhenT Man sieht, auch ein so verständiger Mann, der im Besitz aller für die Sache entscheidenden Data war, vermochte sich doch zu keiner kühneren Vermuthung als zu der von einigen Einschiebseln zu erheben; und auch hier wieder, wie in der Geschichte, so vieler anderen kritischen Fragen, zeigt es sich deutlich, dass von der Kenntniss der Prämissen noch ein sehr weiter Schrijtt ist zur Erkenntniss der Consequenzen. Für die phokylideischen Verse diesen Schritt zu thun hat Joseph Scaliger einen beachtenswerthen Versuch gemacht in einer kleinen Abhandlung, die er als Anmerkung zum Eusebius (N. 1480) im Jahr 1^06 veröffentlichte. 'Das ganze Versstück' — sagt er — 'weise in allen Rutfliiis Namant. II, 60.