Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1856
- Date
- 1856-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2720904-2720915--0057-2721295- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die zweihundert und etliche, griechische Hexameter, welche zuerst iin Jahre 1495 unter dem Namen des Phokylides und mit dem Titel c Mahngedicht (noii\iia vov&suxov/ gedruckt wurden, haben seitdem den Wechsel der Gunst und Ungunst in vollstem Maasse erfahren. Wahrend des sechszehnten Jahrhunderts waren sie von Gross und Klein gekannt als ein Gegenstand früher Knabenlectüre, und sie hatten damals auch, im Guten wie im Schlimmen, das Schicksal der Schulbücher. Die Ausgaben drängten sich in rascher Folge, und die Gelehrten, zumal wenn sie einer Schule vorstanden, wetteiferten in möglichst wörthchen Uebersetzungen, möglichst breiten Paraphrasen und möglichst unkritischen Commentaren. In der That kamen diese unter dem klangvollen Namen des alten milesischen Gnomikers auftretenden Verse den pädagogischen Bedürfnissen gerade des sechszehnten Jahrhunderts aufs Erwünschteste entgegen. Die Richtung der Zeit ging recht ernstlich dahin, die Jugenderziehung auf eine Vereinigung biblischer Glaubens- und Sittenlehre mit klassischer Reinheit der Form zu gründen; und der Mangel an Büchern, welche nach diesen beiden Seiten den praktischen Anforderungen genügten, musste überall sehr drückend empfunden werden, nirgends aber drückender als im Gebiete griechischer Poesie. In der Noth war man auf den Theognis verfallen, den schon seine altgriechischen Landsleute für die Zwecke der Knabenschule zubereitet hatten. Aber die Scheere des antiken Grammatisten hatte doch noch gar Manches verschont, was in die Klassenzimmer des sechszehnten Jahrhunderts nicht passen wollte. Ein inbrünstiges Heidenthum, eine unbekümmerte Sinnlichkeit und ein manchmal bis zur Wuth gesteigerter politischer Parteihass waren, trotz aller Zustutzung, unzertrennlich verwebt geblieben mit den Sinn- und Sittensprüchen des dorischen Aristokraten. Auch der naivste Schulmeister und der gläubigste Knabe musste doch einmal daran irre werden, ob z. B. in dem wilden Parteiruf cdass man dem windigen Demos den Fuss auf den Nacken setzen, mit scharfem Stachel auf ihn einhauen und ein schweres Joch ihm aufhalsen solle (Theoff. 847)* denn wirklich nichts Anderes enthalten sei als ein wohl zu beherzigender Gemeinspruch über severitas, wie am Rande der Schulausgaben bemerkt,zu werden pflegte. Durchaus war — einsichtige Schulmänner konnten sich das nicht lange verhehlen — die theognideische Spruchsammlung von zu sehr eigen- 1