Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1854
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 14)
- Language
- German
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12 gegnen sich also hier verschiedene sich durchdringende Berührungspunkte; es wird geforscht, um manchem durch deukgemässe Folgerung aus gegebenen Vordersätzen hervorgegangenen, zuweilen auch aus religiösem Bedürfnisse sich aufdringenden Lehrsatze eine biblische Unterlage zu geben-, oder es wird von der Schrift ausgegangen, Aufklärung über manche Stelle gesucht und aus ihr ein Lehrsatz entwickelt. Eine unbegrenzte Hochschätzung des göttlichen Gesetzes bildet allenthalben die Basis; doch fühlt nichtsdestoweniger die Forschung ihre Berechtigung; und es zeigt die Ansicht dass sie nur auf Erschwerungen hinziele von grundsätzlicher Verkennung des Elements und des Hebels der Forschung: hat sie doch in ihrer Deutungsweise Erleichterungen, die der starre an dem Buchstaben klebende Sadducäismus und der spätere Karäismus als Gesetzverletzungen verwarfen! Die Forschung sucht Verständniss, und sie geht hierin von der grössten Glaubenstreue und Glaubensanhänglichkeit aus, darum ist ihr Verständniss, was es immer bringe und seien es auch Erleichterungen, das richtige, in der Schrift begründete. Die mischnische Schriftforschung (oder mischnischer Midrasch) liegt uns nur einem ganz kleinen Theile nach in der Mischna vor, da diese zumeist nur streng präcisirte Sätze enthält: um so reichlicher ist sie theils in grossen Bruchstücken verloren gegangener Werke, theils in vollständigen Werken aufbewahrt. R. Chia und R. Oschaja, Schüler des R. Jehuda Hanasi, des letzten Mischna- Redacteurs, legten eine neue Sammlung Beraita genannt an1), gleichsam ein Supplement zu der Mischna ihres Lehrers, und nahmen daselbst viele von ihrem Lehrer ausgelassenen Sätze und Meinungen, Motivirungen, Discussionen u. s. w. auf. Dieses Sammelwerk ist zwar verloren gegangen, es werden aber viele Stellen daraus im Talmud angeführt und haben hierdurch die Bürgschaft ihrer Authenticität2). In diesen Stellen finden sich häufig Motivirungen aus der Schrift,' also mischnischer Midrasch: doch erscheint er seltener in der Gestalt der Exegese, der Lehrsatz wird grösstentheils vorangestellt und durch eine Schriftstelle motivirt3). Es liegen uns aber drei vollständige Werke oder Exegesen vor: Mechilta, Sifra, Sifri; jenes zu Exodus, das andere zu Leviticus, das dritte zu Numeri und Deuteronomium. Ich habe an einer anderen Stelle4) das Wesen dieser Werke im Allgemeinen und das der Mechilta im Besonderen besprochen, und beschränke mich darauf auf das dort sich ergebende Resultat hinzuweisen, dass in diesen Werken keineswegs eine ursprüngliche, von einem alten Lehrer zum Zwecke einer fortlaufenden Schrifterklärung angelegte Exegese zu erblicken sei, sondern sie bilden eine Sammlung, die R. Abba (Areka, auch gewöhnlich Rab genannt) jüngerer Schüler der R. Jehuda Hanasi, anlegte. Er hatte nämlich den Plan zur Anlage eines exegetischeu Werkes in der Weise coneipirt, dass je zu dem Verse die Meinnngen und Deutungen früherer Autoren eingereihet und dem Leser die Schrift (d. i. deren gesetzlicher Theil) mit durchlaufender Erklärung an die Hand gegeben werde. Sifra ist von ihm vollständig verfasst, Mechilta und Sifri sind von ihm entworfen und von seinen Schülern vollendet worden. Die diesen Schriften zu Grunde liegende Exegese unterscheidet sich also ungemein von der soferischen. Die Soferim beabsichtigen eine vollständige'Erklärung, sie gingen von der Exegese aus; die in den obigen Werken J) Beraita heisst „Aeussere", nicht zu der eigentlichen Mischna gehörend. a) Viele Beraitot haben sich in einem Werke, das den Namen Tosifta führt erhalten; diese aber ist nicht authentisch. 3) Durch "«:«:«' („da in der Schrift gesagt ist") oder es wird begonnen mit pjo „woher ist der Lehrsatz erwiesen" und geschlossen mit -lO^iwSn „es lehrt die Schrift*.' ff. . . . .*) Monatsschrift 2. Jahrgang S. 388,. 3. Jahrgang S. 149, 191 ff.