Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1938-03-11 · Heft 734 (11.3.1938) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
12 (1938)
Issue
Heft 734 (11.3.1938)
Date
1938-03-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2711613-2712340-2712360--7064-2720899
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

gJE NEUE WEH Nr. 734 vom 11. Marz 1938 Dr. Karl Sali: Das Sprachenproblem im Judentum Der nachstehende Aufsatz stellt einen knappen Auszug aus einem Vortrag Dr. Karl Saß' dar. Die Tatsache, daß die Sprachen der Juden mit der geschichtlichen Entwicklung zusammenhängen, sehen wir an der ersten nichtjüdischen, von den Juden übernommenen Sprache, an der aramäischen. Diese Sprache begann die Gesellschaft in einer Zeit zu durchdringen, als Assyrien sich ausbreitete. Sie hatte damals dieselbe Rolle gespielt wie die französische zur Zeit Ludwigs XIV. Durch die Verbannung der Juden nach Babylonien und Verwurzelung aramäischsprechender Bevölkerung in Palästina drang die Sprache auch in die Massen ein und sogar dem sehr energischen Sprachenreiniger Nehemia gelang es nicht mehr, das Hebräische ganz durchzusetzen. Nach der Eroberung Vorderasiens durch die Perser eigneten sich die Juden das Persische an. Sie bogen aber das Persische zu einem Juden-Persisch um, das noch heute im Orient gesprochen wird und sprachgeschichtlich wertvolle Ausblicke gestattet. Denn es enthält viele altinedJsche und altpersische Elemente neben Elementen ariderer Sprachen, die in der Geschichte der orientalischen Juden bedeutsam sind. In der Epoche des Sieges der hellenischen Kultur über den Vorderen Orient eigneten sich die Juden das Griechische an. Es gab darunter Juden, die das reinste literarische Griechisch schrieben und sprachen, und solche, die sich der Umgangssprache bedienten. Das entstandene Juden-Griechisch unterschied sich nur unwesentlich vom Umgangsgriechisch. Mit dem Wandel des Griechischen wandelte sich auch das Juden-Griechisch. Der Grund hiefür ist darin zu suchen, daß das Griechische in Griechenland ununterbrochen wirkte und der griechische Staat (Byzantinisches Reich) bis Mitte des 15. Jahrhunderts existierte. -Anders war es auf den Gebieten des ehemaligen römischen Abendlandes. Die durcheinanderwirkenden geschichtlichen Schicksale haben die Völker und Sprachen wesentlich beeinflußt. Schon die Ausbreitung des Arabertums beweist es, ebenso die Assimilation der Germanenstämme an die Urbevölkerung Iberiens, Galliens ■und^'Italiens wie die Konsolidierung der Germanen in Mittel-! und Nordeuropa. ' - .-. Die Erschütterung und Zusammenfassung der Welt im Mittelalter haben nun die Sprachentwicklung der Juden wesentlich beeinflußt, zumal diese als Minderheiten gezwungen waren, sich mit den Mehrheitsvölkern zu verständigen. In den Araberreichen gibt es Juden, die sich, des Umgang-Arabisch bedienen (Jemen), andere (in Marokko), welche Spaniolisch und Arabisch sprechen, in Algier bildeten sie ein eigenes Idiom, das Juden-Arabisch. — In. Italien sprechen die Juden ein Juden-Italienisch, das. eine Vermischung von verschiedenen Mündarten verschiedener Gegenden Italiens enthält — eine Folge von Judenvertreibungen; Seit der Konsolidierung Italiens wird es jedoch immer mehr zugunsten der allgemeinen Landessprache verdrängt. — Auch in Frankreich sprachen die Juden ein Juden-Französisch, wie aus Raschi zu schließen ist. — Ebenso bildeten sich die zwei großen Massensprachen des gegenwärtigen Judentums heraus: das Spaniolische und das Jiddische. Diese beiden Sprachen unterscheiden sich von den anderen Judensprachen dadurch, daß sie mit den Sprachen der Umgebung nicht verwandt sind, wodurch sie, ähnlich wie zum Teil das Juden-Persisch, auch innerhalb volksfremder Sprachen sicherhalten konnten. Die Ursachen dafür sind: 1. Die lange Dauer der sprachlichen Einwirkung der jüdischen Umgebung. 2. Die umfangreiche kulturelle Betätigung der Juden in diesen Sprachen. 3. Die Massenauswanderung und Ghettobildung, wodurch die Juden immer beisammenbleiben und die Sprache pflegen konnten. 4. Die Auswanderung in jene Länder, die nicht konsolidiert waren, auf niedriger Kulturstufe standen oder wo es innerhalb der Landesbevölkerung Gegensätze gab. Auf diese Weise eigneten sich die Juden die ursprünglich volksfremden Sprachen an und behielten sie bei. Das geistige Schaffen in diesen Sprachen war bedeutend, es sind uns zahlreiche wertvolle Arbeiten erhalten geblieben. Ganz besonders ist es das Jiddische, das mehr als ein Jahrtausend lang „jiddische" Literatur hervorbrachte, wenn sie auch anfänglich sprachliche Anlehnung an das jeweilige Deutsch aufwies. Nach und nach entwickelte sich ein jiddischer Sprachstil. Im letzten Jährhundert, mit dem Aufblühen der Literatur in anderen Sprachen, gedieh' auch das Jiddisch und wurde gemeinsames Kulturgut einer Masse von fast 12 Millionen Menschen. AU die genannten Sprachen, deren sich die Juden bedienen, müßten bei der Zusammenfassung der Juden in einen einzigen politischen und kulturellen Bereich, würden die Juden. die Sprachen ihrer Herkunftsländer sprechen, eine ungeheure Verwirrung hervorrufen. Glücklicherweise ist die hebräische Sprache zu neuem Leben erweckt und zu einem gediegenen Mitteilungsr, Veratändigungs- und SchrifttumS'Instrument geworden. Auf diese Weise sind die Bemühungen der Hebräisten des frühen Mittelalters sowie die Tatsache, daß die Juden auch 5>ät«r äßA Heöräißche ala UtujglÄClie und j^ejatuc«. spräche benützten, nicht fruchtlos gewesen. Es ergab sich nämlich, daß die hebräische Sprache alles auszudrücken vermag, für Prosa und Poesie in gleicher Weise geeignet ist. Das letzte Jahrhundert weist denn auch eine ungeheure Entwicklung des Hebräischen in Literatur und Sprechgestaltung auf, obwohl es außerhalb Palästinas nur verhältnismäßig wenige Hebräisch Sprechende gibt. Diese Tatsache sollte die an der hebräischen Sprachbewegung interessierten Kreise veranlassen, über die Schwierigkeiten der hebräischen Kürzungssucht und des Vokalmangels nachzudenken. Im Interesse der hebräischen Schriftsteller wie der Verbreitung der Sprache wäre es erforderlich, diesen Mangel zu beheben. Denn nur so kann das hebräische Sprachgebiet erweitert werden. Man soll nicht besonderer Kenner der hebräischen Grammatik sein müssen, um beispielsweise leichte Erzählungen lesen zu können. Schon früher hat sich erwiesenermaßen eine Unzahl Fehler in der Lesung des Althebräischen eingenistet und es würden noch weitere Fehler hinzukomen, wenn sich die Vokalisierung nicht durchsetzen sollte. Daß die jetzige Generation sie nicht ganz braucht, ist kein gegenteiliger Beweis, da die derzeitigen hebräischsprechenden Juden Intellektuelle sind. Sollte die Vokalisierung nicht erfolgen, dann würde erst wohl nach zwei oder drei Generationen der junge Arbeiter, der Landwirt, der wenig gebildete Mittelschüler kaum über ein gutes Hebräisch verfügen und es würde sich wiederum eine Scheidewand zwischen den „Gebildeten" und dem einfachen Mann der Straße auftun. Dabei sind die hebräische Sprache an sich sowie die hebräische Konversation hinsichtlich der Grammatik und Syntax leicht erlernbar. Aus dem Gesagten geht hervor, daß das Hebräische große Chancen hat (die man ausnützen kann und muß), Gemeinsprache des jüdischen Volkes zu werden. Vorläufig muß man mit einem gewissen Idealismus an die Sache herangehen. Denn Jiddisch ist zur Zeit die Hauptsprache der Juden in der Zerstreuung, da es zur Umgangssprache von 12 Millionen Juden geworden ist, während Hebräisch sich erst im Vormarsch befindet, allerdings die Möglichkeit hat, heute schon den Geigt der heranwachsenden Generation. zu beeinflussen und zu befruchten. (Fremdenverkehr eingestellten Hauses die Hintertreppe zu benutzen hat. Warum auch nicht? Und nun mal die Kehrseite der Medaille: Denken Sie sich mal, Sie selbst wären in dieser Pension zu Gast. Sie selbst gingen die ,ßerrschaftstreppe" hinab, und von unten kommend begegnete Ihnen ein (wenn auch volontierendes) Hausmädchen mit dem Kohlencimer oder sonst irgendeinem nützlichen Attribut ihrer Tätigkeit. Gesetzt den Fall, sie streifte womöglich gar noch durch eine ungeschickte Bewegung mit dem. Kohleneimer an Ihr gewiß nach neuestem Schnitt gearbeitetes fesches Kleid. Wenn ein Mädel von sechzehn Jahren heute noch so unreif ist, daß es an solchen Dingen Anstoß nimmt — (ein Erziehungsfehler, gnädige Frau! Ich kann Ihnen diesen Vorwurf nicht ersparen, er mußte heraus, ich wäre daran erstickt) — so dürfen die Eltern ja nicht dergleichen noch unterstützen! Soviel Verblendung ist Affenliebe! Wahrscheinlich bin ich bei Ihnen schon so sehr ins Fettnäpfchen getreten, daß es Sie gar nicht mehr interessiert, was ich mit Ihrem Fräulein Tochter gemacht hätte, wenn es zufällig meine Tochter wäre: Erstens hätte sie dann keinen Anstoß an der Hintertreppe genommen. Zweitens wäre sie nicht feige nach ein paar Tagen „gerückt". Drittens aber — (wenn sie dies alles doch getan hätte) — hätte sie von mir — (setzen Sie sich, bitte, damit Sie nicht umfallen!) — eine nicht zu sanfte Ohrfeige gekriegt! Kohlentragen, Hintertreppe — das hat Ihre Tochter nicht nötig? Alles hat sie nötig! Je mehr ihr bekannt ist, um so besser für später! Die Zeiten sind vorbei, wo die Eltern mit fast hundertprozentiger Sicherheit für ihre Töchter aussorgen konnten. Und wenn sie es später wirklich nicht „nötig" hat — um so besser für sie! Dann hat sie von ihrer Hintertreppenerfahrung auch keinen Schaden genommen! Glauben Sie mir: Sehr leicht und rasch gewöhnt sie sich wieder ans gute Leben und an die — Herrschaftstreppe! Lotte Schönheim. das bei mtwe TotUlet ttitltl ußiiä,! WWW^FwWW rrlTFflP Wer die Zeichen der Zeit versteht, dem ist es klar, daß eine Umstellung der Lebenshaltung für viele notwendig werden wird. In Deutschland hat dieser Prozeß schon lange eingesetzt, aber scheinbar haben sich dort manche Juden an die Selbstverständlichkeit dieser Aenderung noch immer nicht gewöhnt. In der Meinung, daß auch für uns eine Darstellung dieser Situation von Nutzen sein kann, reproduzieren wir den nachstehenden Artikel aus dem Berliner „Israelitischen Familienblatt". Ich traf eine Bekannte, Mutter einer sechzehnjährigen Tochter, die — wie ich wußte — zur Erlernung der Hauswirtschaft in ein auswärtiges jüdisches Institut geschickt worden war, das eine glückliche Verbindung zwischen einerseits Erholungsheim für Feriengäste und andererseits hauswirtschaftlicher Ausbildüngsstätte für junge Mädchen darstellt. Die Tochter dieser Dame war seit ungefähr zwei Wochen von Haus fort, und ich fragte danach, wie es ihr an ihrer Arbeitsstätte gefiele. Da erzählte mir die gekränkte Mutter in wehleidigem Tonfall von all den „Zumutungen", denen ihre Tochter dort wehr- Jos ausgeliefert war, und die sie veranlaßt hatten, wieder nach Hause zu kommen. Das arme Ding mußte selber Kohlen tragen, denken Sie nur. (Es handelt sich um ein großes, kräftiges Mädel!). Sie mußte .... Sie mußte... (Eine Reihe ähnlicher „Scheußlichkeiten".) Und als Vlou: „Und was das Tollste war: Sie mußte die Hintertreppe benutzen! Wie ein Dienstmädchen! Nein — das hat meine Tochter nicht nötig!" Wobei der Ton grenzenloser Entrüstung auf dem ,/das" lag. Als ich dies hörte, dachte ich zunächst seufzend: ,£lso sowas gibt es noch." Inzwischen habe ich aber leider erfahren müssen, daß es ,#o was" noch recht häufig — erschreckend häufig — gibt. >yDas hat meine Tochter nicht nötig!" (Manche setzen noch ein „Gott sei Dank" hinzu.) O nein, meine verwöhnte gnädige Frau — (denn sie lassen sich bestimmt noch mit dieser Anrede titulieren) — Sie irren gewaltig: Ihre Tochter hat es nötig! Nötiger sogar als die anderen, die an ,J)ienen" gewöhnt sind! Die verstehen es sowieso, mit Würde eine Hintertreppe zu benutzen! Die fühlen sich dadurch in ihrem Arbeitsstolz nioht im mindesten gekränkt! Die wissen, daß die Hintertreppe genau so unerläßlich ist yoie die derbe Scheuerschürze, die auch nicht so kleidsam ist wie die Tanzkleidchen Ihres Prinzeßchens! Aber Ihr verwöhntes, verzogenes, verzärteltes Fräulein Tochter.— (Verzeihung! Ich hätte nämlich beinahe das „Fräulein" weggelassen und bloß von Ihrer „Tochter" gesprochen!) — Ihr Fräulein Tochter muß das erst lernen! Es ist ganz selbstverständlich, daß Ihre Tochter g$am ifita *He outeten ätoi&tbmtk Qetetet dkm m>t Jüdisches Kulturlheatef Täglich, 8 Uhr abends, Henri Bernsteins Schauspiel „Her Jude Justin Gutlieb", deutsch von Dr. Rudolph Lothar, das unter dem Titel „Israel" vor Jahren im Deutschen Volkstheater einen großen Erfolg hatte. In den Hauptrollen des Stückes, das zur Zelt der Dreyfus-Af'färe in Paris spielt, sind beschäftigt die Damen AUce Koch und Erika Schön und die Herren Leo Asken, Martin Frey, Max Friedmann, Friedrich Links, Bert Maimann, Michael ürlan und Werner Hammer. Regie: Rudolf Weiß. Bühnenbild: Gottfried Berger. Jüdische Kunstlerspiele Freitag, den 11. März, gelangt die lustige Operette „Elslkl wird a Ghusen" mit dem Gästepaar Jac Rechtzeit und Olga Schlifkowics in den Hauptrollen zur Aufführung. Von Montag, den 14., bis Mittwoch, den 16. März, bleibt das Theater wegen Vorbereitung der großen Fnrim-Premiere „Tel-Avlv, alles aussteigen!" geschlossen. huiwiq, Ha&dt Ciest Heine Ludwig Hardt spricht am Samstag, den 12. März, um 5 Uhr nachmittags in der „Komödie" Dichtungen von Heine. Ein großer Teil des Programms ist Heines jüdischen Gestalten und Problemen gewidmet. Thomas Mann schreibt über Ludwig Hardts Heine- Kezitation: „Ludwig Hardt zu hören, ist «in großes, seltsames Erlebnis. Sein Lieblingsautor scheint Heine zu sein, -wie er ihn gestaltet, ist eine große Sache, wenn es Sache des Blutes ist und aus menschlicher Wahrheit kommt wie hier. Denn der Verdacht, ein dienstfertiger NIchts-als-Künstler beeile sich damit, der Mode« Stimmung des gebildeten Publikums entgegenzukommen, ist so« fort zu verwerfen." 1 Benzion und Toni Wittler (derzeit Riga) geben hocherfreut die Geburt eines Sohnes bekannt. KINO.PROGRAMME KreilZ-KinO Es gibt kein I, Wolizeile 17 Telephon R-24-2-16 VoitUllungtn: 4, %6, V»8, VnlO Entrinnen John Barrymoor i CHWEDEN Beginn: %3, 7, VOO Uhr Tel. A-49'0>60 Eleanor Powell, Nelson Eddy, Ilona v. Hajmassy Rosali® Vorverkauf ab 10 Uhr vormittags ununterbrochen HELIOS KINO Uraufführung des stärksten jiddischen Films der Gegenwart IIJABORSTRASSENr.36 Vs4 Vi 6 Via Vi 10 NESTROY KINO;&-»sf",is,»s isszsss.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.