Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 12 (1938)
- Issue
- Heft 733 (8.3.1938)
- Date
- 1938-03-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 733 vom &. März 1938 DIE NEUE WELT Seit« S Gegen Verleumdung und Denunziation Aufruf des Obersten Rates der tschechischen Judengemeinden In der ,,Neuen Welt" wurde der Fall des Oderberger Rabbiners Dr. Blan. behnadelt, welcher, vornehmlich wegen seiner zionisUsuh-revisfonistischen Einstellung, von jüdischen Partei- und Gemeindefunktionären aus gegnerischen Lagern den Staatsbehörden als Hochverräter denunziert und in der Folge vor der Synagoge verhaftet und unter schwere Anklage gestcUt wurde. Wie n o tw endig das Einschreiten der „Neuen Welt" in diesem skandalösen Falle, der von der jüdischen Presse in der Tschechoslowakei totgeschwiegen wurde, war, ergibt sich aus einem Aufrufe, welchen der Oberste Rat der Judengemeinden in der Tschechoslowakei soeben erlassen hat. Aus ihm geht hervor, daß der monströse Fall Dr. Blan leider kein Einzelfall im jüdischpolitischen Leben ist. Im Aufrufe heißt es: „An die jüdisch© Oeffentlichkcil! --- In der ernsten Zeit, die wir alle durchleben, und die für das gesamte Judentum doppelt ernst ist, sind wir Zeugen von b esohämenden Erscheinungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft unserer Länder. Es gibt jüdische Kreise, welche gerade diese Zeit für geeignet halten, um neue Kämpfe einer politische» Gruppe gegen die andere anzufachen. Und nicht genug daran: die Mittel, mit denen der Kampf eröffnet wurde, und mit denen er fortgesetzt wird, sind unaufrichtig und unehrlich; und sie sind geeignet, das gesamte Judentum vor der Oeffentlichkeit, vor dem Volke, In dessen Mitte die Juden leben, herabzusetzen. Es ist ein Zeichen dafür, daß wir die Zeit und die Verhältnisse nicht bogreifen, wenn wir durch unsere Zwistigkelten und Feindseligkeiten denjenigen Waffen in die Hände liefern, die nur darauf lauern, um über uns herzufallen. Lasset ab von diesen selbstmörderischen Kämpfen. In unvermeidlichen Meinungsauseinandersetzungen hütet euch vor Mitteln der Verleumdung und Denunziation; hütet euch vor der Verwendung unwahrer Beschuldigungen in der Oeffentlichkeit, in der Presse und vor den Behörden wie unter euch selbst. Denn diese Mittel diffamieren eure Gemeinschaft und damit euch selbst; sie werfen dunkle Schatten nicht nur auf euren augenblicklichen Gegner, sondern auf die gesamte Judenheit und damit auch auf euch selbst. Oberster Bat der jüdischen Kusltusgeraein- Verbände in Böhmen, Mähren und Schlesien. Der Vorsitzende Dr. Josef .Popper m. p." Vor neuen gefährlichen Plänen Von unserem politischen Palästina-Korrespondenten Madhover über das neue Weißbuch Aus London wird uns berichtet: In einem vor dem „Verband zionistischer Studenten der Londoner Universität gehaltenen Vortrag behandelte das Leitungsmitglied der Judenstaatspartei Dr. Machover die Frage der Zukunft Palästinas, insbesondere den Teilungsplan sowie die politische Entwicklung nach der Veröffentlichung des Peel-Berichtes. Die Weigerung des britischen Parlaments, die von der britischen Regierung akzeptierte Politik zu billigen, die zögernde Haltung der Mandatskommission und des Rates des Völkerbundes wurden vom Redner einer ausführlichen Prüfung unterzogen. Der Redner betonte, daß das letzte Weißbuch der englischen Regierung vom Jänner 1938 beweise, daß die Regierung tatsächlich ihre Stellung zum Teilungsprojekt gänzlich geändert hat. An Stelle der Klarheit der früheren Erklärungen tritt in der letzten eine Politik des Aufschubes und der Verschleppung zutage. Dies zeigt klar, daß die Regierung ihre Politik geändert hat, und einen Vorwand suche, um den Teilungsplan vollkommen aufzugeben. Das Weißbuch von 1938 bedeute einen neuen Versuch, das jüdische Nationalheim zu kx*istallisieren, d. h. auf seinen bisherigen Umfang (450.000 Juden) zu beschränken. An Stelle der früher versprochener* Verhandlungen mit den Juden und Arabern, spricht dasselbe jetzt nur von Beratungen mit den jüdischen und arabischen Gemeinschaften von Palästina, knüpfte somit an die vereitelten Versuche des Paßfield-Buches , an, die palästinensischen Juden und nicht das jüdische Volk zum Träger des Nationalen Heimes l zu machen. Die Annahme so einer Interpretation bedeute faktisch die Abschaffung des Mandats. Nach einer gründlichen und detaillierten Analyse des Weißbuches von 1938, erklärte der Redner, daß der einzige Ausweg aus den jetzigen bestehenden Schwierigkeiten die Realisierung des Mandats in seinem wahren Geiste sei. In Beantwortung von Fragen der sehr zahlreich erschienenen Studenten betonte Dr. Machover wiederum, daß alle Behauptungen, daß dasMandattot und nicht durchführbar ist, gefährlich seien. Der einzige Weg sei die Fortsetzung der großen nationalen Arbeit und ein entschiedener Kampf gegen den Defaitismus in unseren eigenen Reihen. Hibtadruth Ivritli. Samstag, den 12. März 1938, pünktlich 7.30 Uhr abends, Cafe" Central, II., Taborstraße 8, Abschiedsabend zu Ehren des Herm M. U n g e rfeld. Redner Dr. D. Rotblum, Prof. Gelernte r, Rabb. ZicJier, Gesang Hilde Dulitzkaja, Segal-Roseobach, T e 1 - A v i v, Anfang März. Die Ankunft Dr. Weizmanns im November 1937 in Palästina wurde in den öffentlichen Kreisen des Landes als „der Anfangvom Ende" betrachtet. Da. die Zionistische Exekutive Gerüchte verbreitet hatte, daß die britische Teilungskommission bereits Ende 1937 in Palästina eintreffen würde, hatte die Oeffentlichkeit ein Recht, anzunehmen, die Ankunft Dr. Weizmanns sei mit dem Eintreffen der Kommission verbunden. Es stellte sich jedoch heraus, daß alle Annahmen der Leitung von Anfang an unrichtig waren. Im November v. J. hatte die Zionistische Exekutive, ihren Angaben gemäß, „authentische Berichte" erhalten, die Entwicklung des Teilungeplanes werde zum Jahresende 1937 so weit gediehen sein, daß es möglich werden würde, zeitweilige Regierungen eines arabischen und eines jüdischen Staates zu schaffen. Jetzt ist klar, in welchem Irrtum sich die zionistische Leitung befunden hatte und wie verbrecherisch leichtsinnig ihr Vorgehen nach außen und nach innen war. Es ist daher verständlich, daß Dr. Weizmann während seines Aufenthaltes in Palästina keine politische Aktivität an den Tag legte. Charakteristisch ist auch, daß er an der letzten Sitzung des engeren A. C. nicht teilnahm und mitteilte, daß er leider verhindert sei, zu erscheinen, weil er Gäste habe. Unter diesen Gästen befand sich Lady Dugdale, die Nichte Lord Balfours, die mit einer bestimmten politischen Mission nach Palästina gekommen war, nämlich: das Prestige Dr. Weizmanns in den Augen des jüdischen Palästina zu stärken und dieses davon zu überzeugen, daß es keinen anderen Ausweg als die Teilung gäbe. Erst einen Tag vor seiner Abf ü n f Jahren, bis die Palästina-Frage gelöst wer* den wird. * Aus London und Paris wird uns zuverlässig berichtet, daß noch im November 1937 die Zionistische Exekutive einen Vorschlag aus Jerusalem und London erhalten hat, in dem die Rede von der Errichtung Nicht nur JEDEN SAMSTAG UND SONNTAG sondern auch JEDEN MITTWOCH findet das UNTERHALTUNGS-KONZERT MAX GEIGER i» CAFE-REST. FETZER an der Schwedenbrtkke statt. Besucherkarte auch Mittwoch nur 15 Groschen eines Palästina-Staates (nicht Judenstaates)] mit vollkommener Souveränität war, der dem Völkerbund beitreten sollte. Alle Landsmannschaften dieses Staates sollen absolute Autonomie erhalten und in diesem arabischen Staate soll das Jüdische Nationalheim geschaffen werden. Außerdem soll jüdischen und arabischen Städten und Dörfern Selbstverwaltung zugebilligt werden. Nach Errichtung dieses Palästina-Staates soll England die Kontrolle über die verschiedenen Landsmannschaften erhalten, damit auf diese Weise die Rechte der Minoritäten geschützt werden. Ebenso soll England besondere Rechte in Haifa besitzen. Damit wird hervorgehoben, daß dieses Projekt sich nicht nur auf Palästina, sondern auch auf Transjordanien bezieht, jeder Art (auch alt) sowie zur Barmizwah im Antiquariat Hermann TUCHNER, ECkß TatOKtrflBe 52. Tel. R-41-4-20 reise hielt er ein politisches Referat in Tel-Aviv. Mit Hilfe Lady Dugdales versuchte er den Eindruck zu erwecken, Palästina sei auf seiner Seite, und nach diesem taktischen Manöver verließ er Palästina, um sich nach London zwecks politischer Unterhandlungen zu begeben. * Auf dem Wege nach London hielt sich Dr. Weizmann in Aegypten auf, mit ihm der Leiter der politischen Abteilung, Herr Schertok. Dorthin kam auch der Araberführer Ragi Bey Nashashibi. Auch Storrs war in Aegypten. Diese „zufälligen" Besuche lassen, auf Grund langjähriger Erfahrung, darauf schließen, daß trotz aller Dementis hinter dem Rücken der Zionistischen Organisation „private" Verhandlungen mit Arabern gepflogen werden, die wieder mit der Preisgabe zionistischer Positionen enden konnten. * Das letzte Weißbuch Ormsby-Gores hat keinen entscheidenden Einfluß auf die politische Haltung der zionistischen Leitung ausgeübt. Das Weißbuch bedeutet den Rückzug vom Teilungsplan. In der englischen Regierung sind, mit Ausnahme des Kolonialministers, die meisten Mitglieder gegen den Teilungsplan oder zweifeln stark an seiner Realisierung. Ein Teil des Generalstabes und der Admiralität ist aus strategischen Gründen gegen die Teilung. Nur die Zionistische Exekutive beharrt auf ihrem Teilungsstandpunkt. Die Mission der Herren Dr. Weizmann und Ben-Gurion in London besteht darin, die englischen politischen Kreise davon zu überzeugen, daß der einzige Ausweg aus der politischen Krise die Akzeptierung des Teilungsplanes sei. * Wohin zielen die „privaten" Gespräche zwischen Juden und Arabern? Wie stellen sich diese Kreise die Lösung vor? Arabische Informationsquellen berichten über fünf Projekte, Und zwar: a) In den e v e n t u e 1len Juden Staat anstatt Galiläas den Negew einzubeziehen, denn es sei leichter, arabische Nomaden aus dem Negew zu transferieren als eingesessene Araber aus Galiläa, b) Der Status einer'40prozentigen jüdischen Minderheit im ganzen Lande und die Ermöglichung einer bestimmten jüdischen Einwände' rung inanderearabiache Länder. Dafür sollten sich die Juden verpflichten, die Errichtung einer Arablschen Föderation zu finanzieren, c) Vereinigung Palästinas mit T r a n s j o r d a n i eh, mit einem Drittel an jüdischer Bevölkerung. Außerdem soll den Juden das Recht zugesprochen werden, einen gewissen Prozentsatz von Ländereien käuflich zu erwerben. Die jüdische Einwanderung wird sich dem natürlichen Zuwachs der Bevölkerung anpassen müssen, d) Vereinigung Syriens mit ganz P alästina, Der Status der Juden wird bei dieser Kombination derselbe wie im Vorschlag c) bleiben^ e) Zeitweiliger Status mit Kantonsystem für die Dauer von wobei die jüdische Bevölkerung beider Länder nicht mehr als 50 Prozent ausmachen soll. Dieser Vorschlag geht von euer englisch -jüdischen Gruppe aus, die die. Behauptung aufstellt, daß prominente arabische Kreise, mit ihm einverstanden seien. Aus den oberwähnten Informationsquellen erfahren wir ferner, daß die Zionistische Exekutive keine negative Antwort auf diesen Vorschlag erteilt hat. Sie erklärte vielmehr, daß sie bereit sei, mit arabischen.Vertretern, die e i n e offizielle Stellung einnehmen, zusammenzukomm en, obzwar die Araber kategorisch auf einer ewigen jüdischen Minorität bestehen. Es ist jetzt klar, daß die zionistische Leitung einez-seits offizielle Unterhandlungen mit der englischen Regierung betreffs der T e i l'u n g führt und mit ihrer Teüungspropaganda die jüdischen Ma.ssen in Palästina und der Gäluth verwirrt, andererseits, von dem Erfolg des Teilungsplanes nicht mehr überzeugt, Unterhandlungen mit arabischen Politikern zwecks Herbeiführung eines arabisch-jüdischen Uebereinkommens auf der Basis eines Minderheitsvorschlages pflegt. Wir stehen somit vor einer neuen politischen Intrige, die rechtzeitig aufgedeckt werden muß. Wie Waudiope Palästina verließ Aus Jerusalem: Der abtretende Hochkommissar Sir Arthur Wauchope hat am 1. März Palästina verlassen. Er fuhr im Auto von dem Regierungsgefoäude zur Bahnstation, wo sich zu seinem Abschied. Zivilbeamte und Offiziere, prominente jüdische und arabische Führer, kirchliche Würdenträger und das Konsularkorps eingefunden hatten. Im letzten Augenblick war seine Fahrtroute so geändert worden, daß von Arabern bewohnte Straßen vermieden wurden. Mehrere Stunden vor Beginn der Abscmedszeremonie hatten hunderte Polizisten alle Zufahrtsstraßen zur Eisenbahnstation in einem Umkreis von einer halben Meile abgeriegelt. Nur Personen, die sich legitimieren konnten, war der Zutritt gestattet. Hof rat Ernst Heilig gestorben. Am 6. März ist Hofrat Ernst Heilig im 56. Lebensjahr einer langen Krankheit erlögen. Mit ihm ist eine Zierdederöster« reich ischen Beamtenschaft dahingeschieden, und ein Mann, den das österreichische Judentum «tolz zu den Seinen zählte. Im Jahre 1924 wurde Ernst Heilig vom Bundeskanzler S e i p c 1 zum Direktor des Stenographenbüros des JJationalrates und der Staat«, korreapondenz, und zum Hof rat ernannt. 1935 trat er in d«n Ruhestand über und erhielt das Komturkreuz des österreichischen Verdienstordens. Wir drücken der Witwe, den beiden Kindern und dem Bruder, dem im jüdischen Leben verdienstvoll wirkenden Redakteur Bruno Heilig, unser innigstes Beileid aus. — Da« Begräbnis findet Mittwoch auf dem Z$ntraIfriedhof ^TV, Tor) statt.