Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 12 (1938)
- Issue
- Heft 733 (8.3.1938)
- Date
- 1938-03-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite i Nr. 733 vom «. März 1938 Benno Kesstecker (Würzburg): „Semm dcd Jiden?" Das Folgende hat sich begeben im dritten Jahre des Krieges. Auf den weiten Flächen des Ostens tobte der Kampf zwischen den Riesenheeren Brassilows und den vereinigten Mittelmächten. Noch einmal bäumte sich der verwundete russische Koloß gegen Vernichtung und Niederlage, und einer Durchbruchsoffensive der Artillerie gelang es, die feindliche Kompagnie zu Überraschen, unter Feuer zu nehmen und den Rest zu Gefangenen zu machen. Weit, endlos weit dehnte sich die russische Steppe vor den Augen der Gefangenen, die, einem ungewissen Schicksat entgegengehend, wohl im stillen schon Abschied genommen hatten von ferner Heimat, denn endlos, endlos ging der Weg, und auch der feinste Orientierungssinn verlor jeglichen Anhalt und machte alle Hoffnung zuschanden. Endlich, nach mehrtägiger Bahnfahrt, zusammengepfercht in grauen Waggon», erreichten sie eine kleine Station, die, wie sich später herausstellte, im Ural lag, dem südlichen Teile Rußlands, damals jedoch für die Gefangenen ein namenloses Elendsland war. Unter ihnen befand sich, als einziger der ganzen Kompagnie, ein junger Jude, Student der Rechtswissenschaft, der kurz vor Ablegung der staatlichen Prüfung in seiner norddeutschen Heimat vom Kriege überrascht worden war, still und ohne sich hervorzutun seine Pflicht erfüllt hatte als einer unter vielen, und nun, als einer unter vielen, das harte Brot der Gefangenschaft kosten mußte. Denn wahrlich: schwer war das Leben hier in diesem Niemandsland, die Tage öde und die Nächte endlos lang, die Kost dürftig und das Lager hart. Und so wird man es verstehen, wenn nach langen Wochen des Wartens dieser junge Mensch eines Tages heimlich für sich den Plan faßte, seiner Lage, die ohne Aussicht auf Aenderung erschien, ein schnelles Ende durch die Flucht zu bereiten. Daß am anderen Ende dieses Entschlusses der sichere Tod stand, das wußte der junge Mann gut und hatte es bereits mit sich abgemacht. In einer unauffälligen Nachtstunde trat Berger (so wollen wir ihn hinfort nennen), mit einem Laib Brot verseilen, das er in der Rocktasche barg, ins Freie. Die kühle, erfrischende Nachtluft atmend wie einen leisen Gruß aus der Heimat, tastete er sich vorsichtig weiter. Das war nicht leicht, denn es galt doppelte Vorsicht. Der Boden war steinig und mit wucherndem Gestrüpp bewachsen, irgendeine Klarheit über das Wohin hatte er nicht. Nur weiter, nur fort von hier, fort von dieser Hölle, sprach es in ihm, es wird schon gehen, es passiert dir nichts. Und so hatte sich der junge Soldat wohl einige hundert Meter vorwärts getastet,, mit jedem Meter, den er gnwann, zugleich froher und sicherer werdend, als er plötzlich eine Stimme zu unterscheiden vermeinte, und beim Näherkommen hörte er deutlich die in gleichmäßigen Abständen wiederkehrenden Worte: „Sennen dort Jiden?" Berger versuchte sich weiterzutasten. Es ging nicht, denn vor ihm erhob sich der Stacheldraht. Und wieder die Stimme: „Sennen dort Jiden?" Berger überlegte einen Augenblick, in Furcht, es könnte eine Falle sein, doch als er zum dritten Mal die Worte hörte, die er wohl verstand, sagte er leise: „Ich bin ein Jid." Im gleichen Augenblick flog ein Paket über den Zaun, und die Gestalt entfernte sich dann und verschwand in der dunklen Nacht. Unwiderstehlich drängte es Berger, kehrt zu machen, unerkannt bezog er sein Lager. Dort öffnete er das Paket: es enthielt Lebensmittel, die er lange entbehrt hatte, Fleisch, gekocht und gebraten, Butter und feine Weizenkuchen, und reichte für einige Tage. Am nächsten Morgen gelang es Berger, das Gelände, durch das ihn sein nächtlicher Gang geführt hatte, zu rekognoszieren« und am gleichen Abend zur nämlichen Stunde schlich er sich wieder hinaus. Wieder fand er die Spur jener Stimme, die ohne Pathos, mit einer unendlichen KINOgPROCRAMME Greta Garbo, Charles Boper Wale*' «.Woche rhr vormittags ununterbrochen Uraufführung des stärksten jiddischen Films der Gegenwert Vorverkauf HELIOS K 1 N 0 njABORSTRA$SEHr.36 <h\ fr» Vt9 %t0 NEiTROY KINO D E R DVBUK Jiddischer Sprache 'Mg* w^gmn Geduld und Ruhe und im Takt und Rhythmus eines alten Singsangs die Worte sprach: „Sennen dort Jiden?" Und wieder: „Sennen dort Jiden?" „Sennen dort Jiden?" Wieder gab Berger sich zu erkennen, wieder gelangte ein Paket mit Eßwerk zu ihm, und die Gestalt verschwand. Und dies wiederholte sich Abend für Abend, ein Jahr lang. Nur einmal blieb die Gestalt fort und zeigte sich nicht, und auch das Paket mit' dem EßWeftt flog nicht Uber den Zaun. Da wußte Berger, daß es der Abend des Jörn Kippur war. Der Jude jenseits des Zaunes hielt treulich die Wacht. Abend für Abend sprach er seine Worte, wie ein Gebet, das von Gott aufgegeben ist zu sprechen, und seine Gaben reichte er wie ein Opfer, dargebracht auf dem Altar des Herrn, daß es aufgenommen werde in Wohlgefallen. Doch nie sprach er ein Wort außer diesen. Und auch auf Fragen schwieg er. * Nach mehr als einjähriger Gefangenschaft gelang es Berger in abenteuerlicher Flucht, deren Einzelheiten zu schildern hier nicht der Ort ist, aus Rußland zu entkommen, und über die japanischen Gewässer gelangte er nach wochenlanger Irrfahrt nach Ceylon, wo er beschloß, Station zu ^machen. Als er den Landungssteg und die Zollsperre passiert hatte, ein freier Mensch nun, der die prickelnde und seltsam erregende Luft fremder Zone gierig einsog, da geschah es, daß sein Blick wie von ungefähr auf eine große, hagere Gestalt mit weißem Bart fiel, die mit geschäftigem Interesse die Vorübergehenden, dem Hafenplatz Zustrebenden musterte, unter denen sich ohne Zweifel ein Bekannter befinden mußte. Neugierig und auch ahnungsvoll ging Berger dicht an dem Fremden vorüber, der ihn, nachdem er ihn. einen Augenblick lang scharf angesehen hatte, überraschend fragte: „Send Ihr a Jid?" „Ja, ich bin ein Jid", sagte Berger, und er erinnerte sich, wann er dieses Wort zum ersten Male ausgesprochen hatte. Drei Monate lang genoß er die Gastfreundschaft dieses Mannes, bei dem er Judentum und jüdische Sitten kennenlernte. Dann kehrte er in die Heimat zurück tmd trat wieder ein in die feldgraue Armee. Bei Soissons ist er gefallen, im vierten und letzten Jahre des Großen Krieges. « Hier ist die Geschichte zu Ende. Sie ist eine Episode und doch mehr. Und der sie erzählte, ein Rabbiner in mittleren Jahren, fügte hinzu: „Sie werden, meine lieben Kollegen, in Ihrer späteren Praxis sehen, wie selten es gelingt, wahrhaft, auf j Menschen Einfluß zu gewinnen, sie in ihren Taten zu bestimmen. Aber als ich diese Geschichte von dem unbekannten russischen Juden am Kolnidre-Abend in meiner Synagoge erzählte, da trat nachher ein Mann zu mir, ein Außenstehender, dem Judentum Entfremdeter, und gelobte mir angesichts des heiligen Tages, von nun an und für immer am Jörn Kippur zu fasten." Der Rabbiner hatte geendet, und wir saßen da und schwiegen in Ergriffenheit. Wir alle fühlten den Pulsschlag des Ewigen, das sich in unserem Volke je und je offenbart und den Funken des Lebens und des gläufbJgen Lebensdienstes wach erhält. Denn wahrhaft: wirr und verschlungen sind die Pfade des Lebens. Doch groß und wunderbar ist das einigende Band der Liebe, das die Brüder in Ost und West umschließt. Und immer ertönt die Stimme des Bruders, die die Stimme unseres Volkes ist, unendlich geduldig, doch voll der Hilfe und Zuflucht: „Sennen dort Jiden?" („Farn. Bl.'O; Erste ZionJstenlconferenz in Mexiko Aus Mexiko City (J. T. A.)": Dieser Tage beginnt in Mexiko City die erste zionistische Konferenz in diesem Lande überhaupt. Zahlreiche Delegierte aus der Provinz und Vertreter der aschkenaslachen und der sephardischen Gemeinden haben sich zur Teilnahme angesagt. Die Konferenz wird über den Rahmen einer rein zionistischen Manifestation hinausgehen und wichtige Probleme des jüdischen Lebens in Mexiko erörtern. Man erwartet von deren Verlauf einen starken Impuls für die jüdische soziale und politische Betätigung in Mexiko. Premiere im Jüdischen Kulturtheater Donnerstag, 10. März, 20 Uhr, findet die Erstauft führung des von Dr. Rudolph Lothar ins Deutsche über* setzten Schauspiels „Der Jude Justin Gut lieb* („Israel") von Henry Bernstein statt. Es wirken mit die Damen: Alice Koch und Erika Schön; die Herren; Leo Aszkenasy, Max Friedmann, Friedrich Links, Bert Maimann, Michael Orlan und Georg Werner. — Regie: Rudolf W, e i ß, Bühnenbild: Gottfried Berger. Nationale Revue in den „Jüdischen Künstlerspielen" Für die nächste Zeit wird in den „Jüdischen KünstlerspielenM eine große nationale Revue mit originaljüdischen Liedern und Tänzen vorbereitet, die mit großem Interesse vom Publikum und von allen Freunden! des Jüdischen Theaters erwartet wird. Wir bitten für unsere alten u. arbeitsunfähigen BLINDEN um Spenden. Für die blinden Musiklehrer, Klavierstimmer, Korbu. Sesselflechter sowie Bürstenmacher bitten wir um Arbeit etm det iüdUtüeu Bünden Wien II, RembrandtstraBe 18 — Telephon A - 47 - 2 - 77 Postsporkassen-Korito A-133.213 Eigentümer, Verleger, Herausgeber: Oberbaurat Robert Stricker. Verantwortlicher Redakteur; Fritz Kolb. —. Druck: Druckerei- und Verlags-A.-G. Ignaz Steinmann, alle Wien, IX., Universitätsstraße 6-8. @d>oit oot mejjr als 30 Sahren faufien Sparfamc ~ So)iiffitTanns2BaTcn! SUeitieSlnjeigcn gefct i?t bie 3*it bet flcmficrt grelle. großer. DffafiMtert XlrteWen Sic fetbft Um 10 Groschen Bestickte Wäsche-Motiv« aus K.-Seiden-GeorgetU — 4 Knäuel Stopfgarn mit Seidenglanz in Cellophanpackung, vorgeäruckte Tassen-Deckerl aus Seidenwebe. DamenstrUmpfe 98 g ms Kunstseide, fehler- Dimen-Schuhe au schwarz., o. braun. Leder ab . S 9.90 bei Damen-Slipper >der Mäntel, engl, genust.. in neuen Dessins, fC-Seide gef. S 19.— bei Schiffmann Eine Sensation! 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