Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 12 (1938)
- Issue
- Heft 731 (1.3.1938)
- Date
- 1938-03-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seit* 2 DIB NSüB IftLX Nr. 731 vom 1. März 1033 täten zu schließen. So und nicht anders ist der Passus der Schuschnigg-Rede zu verstehen. Und der Reehtatitel für unsere Gleichstellung geht auf einen «weiten Passus zurück, der lautet: „Jeder in diesem Land ist gleichberechtigt vtr dem Gesetz." Aus diesen beiden Stellen seut sich die Rechtslage des jüdischen Staatsbürgers in Oesterreich zusammen. Andere Deutungen oder gar Versuche, eine volkliche oder etammesmiöige Gleichartigkeit zu konstruieren, müssen fehlschlagen. Das sollen sich alle jene sagen lassen, die Immer noch versuchen, 1 h r Schicksal Tön dem der anderen, der nationalen oder strenggläubigen luden zu trennen; die noch immer so tun, als ob sie ~ das Jüdische in diesem Zusammenhang nicht« anginge, als ob sie sich aus der Stube des gemeinsamen jüdisch** Schicksals hinausschleichen könnten. Wir fühlen die Verantwortung, unsere Erkenntnis vom gemeinsamen Jüdischen Schicksal auch heute wleder in die jüdische Gasse zu rufen. * Bei der Feststellung der wirtschaftlichen Möglichkeiten eines freien, unabhänrigen und souveränen Oesterreich verwies der Bundeskanzler darauf, daß man zu allererst Ruhe brauche. Dieses Axiom kann sich aber nicht bloß darauf beziehen, daß ein politischer Machtkampf zwischen einzelnen Gruppen mit allen Mitteln unterdrückt werden würde, sondern auch auf alle Fälle, wo die Ruhe durch die Agitation antisemitischer Elemente gegen den jüdischen Kaufmann und Gewerbetreibenden gestört wird. CafeAkketktf l, Hoher Markt- Uchten8t8gNr.4 Hier geht es nicht bloß um die unterirdische Propaganda gegen die jüdische Geschäftswelt. Ebenso verderblich für das Land ist der Feldzug verantwortlicher Stellen gegen die österreichische Judenhaß, deren bürgerliche Ehre hüben mit ähnlichen Schlagwörtern beschmutzt wird, wie drüben. Eine Welle bewußter Verleumdung genügt, um in allen Geschäftszweigen den jüdischen Unternehmer einzuschüchtern und dadurch kapitals- und initiativfliichtig zu machen. Wenn Ruhe sein soll, dann muß sie auch gegenüber dem jüdischen Staatsbürger gelten. Die großzügigste und geschmackvollste Fremdenwerbung wird fehlschlagen, wenn nicht in der Welt die Ueberzeugung wachgehalten werden sollte, daß Oesterreich seiner alten Kulturtradition treu geblieben ist. Hiezu gehört aber die Gewißheit normaler Zustände auch in bezug auf die „fremdvolkliche" jüdische Minorität, von der man im Ausland stets hören und lesen kann, daß ihr Lebensraum — wenn schon nicht durchs Gesetz, so durch die administrative Praxis — von Tag zu Tag mehr eingeschränkt wird. Es hilft nichts, die Augen vor dieser Tatsache zu schließen, im Glauben, man werde ihr nicht viel Beachtung schenken. Wenn Oesterreich Oesterreich bleiben will, dann.muß es auch im Judenpunkt die Methoden jener ablehnen, die es in den anderen Belangen perhorreszieren. Die Botschaft des Bundeskanzlers an das deutsche Volk in Oesterreich war auch eine Botschaft an all die anderen, welche auf österreichischem Boden ihre Heimat haben. Nichts wäre abwegiger als zu glauben, daß die anderen, nicht zum deutschen Volk Gehörigen, sich von dieser Botschaft ausgeschlossen fühlen und nur als Zeugen der neuen Entwicklung zu fungieren haben. Ein unabhängiges Oesterreich ist auch für die a n d e r e n, die iremdvolklichen Minoritäten» eine Lebensfrage. Und wenn sie sich, als Nichtdeutsche, bezüglich des österreichisch-deutschen Bruderstreites jedes UrteUs und Handelns ent" halten haben, so empfinden sie desto mehr das Recht, ihre Stimme zu erheben» wenn ihre menschliche, soziale und wirtschaftliche Stellung gefährdet ist. Die tägliche Praxis muß alle judenfeindlicben Elemente in Oesterreich lehren, daß auch im Judenpunkt Oesterreich frei und unabhängig gegenüber äußeren Einflüssen sein will. Nationalsozialismus und Antisemitismus „undeutsch" Aua New York wird berichtet <J. T. A.): Der Verband der christlichen Kirchen Amerikas gab zu Ehren von Ernst Meyer, der 16 Jahre hinduroh in deutschen diplomatischen Diensten stand und sechs Jahre, bis zu seinem freiwilligen Abschied im Mai 1937, der Deutschen Botschaft in Washington als Botschaftsrat angehörte, ein «Jinner. Emst Meyer erklärte, er sei aus dem deutschen diplomatischen Dienst ausgeschieden, weil er die ganze nationalsozialistische Weltanschauung samt dem Antisemitismus und dem Mythos von der Superiorität der nordischen Rasse als „undeutsch" empfinde. Es sei, sagte er, eine Schande für einen 70-Milllonen-Staat, eine hilflos« Minderheit wie die Juden so erbarmungslos zu zerstören. Jedermann weift, daft die deutschen Juden ihrem deutschen Vaterland tief ergeben waren und sich als nützliche Bürger betätigten. Der neue Hochkommissar von Palästina Das Jüdische Nationalheim wird verschwiegen Die „Royal Empire Society" in London gab zu tthren von Sir Harold MacMichael, bisherigem Gouverneur von Tanganyika, der sich in einer Woche nach Palästina begibt, um dort sein neues Amt als High Commissioner anzutreten, em Frühstück, dem auch der Koloniemninister William Ormsby-GJore beiwohnte. Zunächst ergriff Ormsby-Gore das Wort und sagte: „Sir Harold war eines der hervorragendsten Mitglieder des sudanesischen Zivildienstes, der, wenn er auch klein ist, für seine Qualität und Leistung bekannt ist; das Empire darf stolz auf ihn sein. Sir Harold war ein hervorragender Gouverneur des Tanganyika- Terrttoriums. Als es notwendig wurde, einen Nachfolger für Sir Arthur Wauchope zu finden, der sechs Jahre lang eine unerhört schwere Last getragen hat, hielten wir Ausschau nach einem Mann von hervorragendem Charakter, von Mut und Erfahrung, und wir kamen zu dem Schluß, daß zur Uebernahme der gewaltigen Verantwortung, die die Lenkung Palästinas darstellt, eine geeignetere Persteliohkeit als Sir Harold MacMichael nicht zu finden sei. Palästina ist völlig einzigartig. Warum ist Palästina so ungleich jedem anderen Lande? Aus zwei Gründen: es hat mehr Geschichte hinter sich als jedes andere Land in der Welt, und es hat etwas Einmaliges hervorgebracht: die Bibel. Warum ist Palästina nicht einfach ein Teil von Syrien? Warum ist es nicht genau so wie jeder andere Teil der arabischen Welt oder des Mittleren Ostens? Einfach darum: weil es nicht nur ein Land mit einer arabischen Bevölkerungsmehrheit ist, sondern auch das Heilige Land aller Christen und Juden. Daher ist es für mich selbstverständlich, daß Palästina nicht ausschließlicher Besitz der christlichen, der mohammedanischen oder der jüdischen Welt sein kann. Alle müssen TeU an ihm und Platz in ihm haben." Sir Harold MacMichael erwiderte: „Wenn ich versuchen wollte, meine Gefühle in diesem Augenblick zu analysieren, so sind zwei Faktoren vorherrschend. Erstens mein dringender Wunsch, nach Palästina zu gehen; denn je schneller ich an die Arbeit komme, um so besser. Zweitens ein Gefühl der Zaghaftigkeit, gemildert nur durch die Tatsache, daß die Regierung Sr. Majestät Vertrauen genug zu mir hatte, um mir diesen Posten anzubieten. Ich habe in England nur drei Wochen geweüt, aber ich glaube, mehr Rataohläge empfangen zu haben, als die meisten anderen Menschen in einer so kurzen Zeit. Ich meine damit nicht die von offiziellen Stellen erhaltenen Instruktionen und Ratschläge; ich meine all die Ratschläge, die ich von allen erdenklichen Stellen des Erdballs erhalten habe. Ich habe ausführliche p r o - a r a b i s c h e, ich habe betont pro-jüdische und ich habe — „sogar", möchte ich sagen —, betont pro-engllsche Ansichten zu hören bekommen. Ich hatte den Vorteil persönlichen Kontakts mit Persönlichkeiten, die über eine gute Kenntnis Palästinas und seiner Probleme verfügen, insbesondere mit zwei Mitgliedern der Royal Commisslon, und es war für mich von größtem Wert, durch sie eine Vorst^ng von der Größe des Problems zu erhalten, an das ich jetzt herangehen werde, sowie einen Hinwels auf die Faktoren, die von mir in Rechnung zu ziehen sein werden. Ich bin mir klar darüber, daß, wenn ich jetzt nach Palästina gehe, ich eher im Lichte eines Scheinwerfers stehen werde, als in einem Glorienschein. Gerne würde ich auf beides verzichten, aber ich weiß, daß das nicht möglich ist. Es hätte kernen Sinn, wenn ich jetzt zu sagen versuchte, was ich zu tun und was ich nicht zu tun beabsichtige. Ich wäre ein Narr, wenn ich schon endgültige Beschlüsse gefaßt hätte, betreffend Dinge, mit denen ich zur Zeit noch nicht voll vertraut bin. Doch kann ich ohne Umschweife sagen, daß das erste und wesentlichste Ding, das dort wird getan werden müssen, die Wiederherstellung von Gesetz und Ordnung ist. Von äußerster Wichtigkeit erscheint es mir ferner, Kontakt mit den Bewohnern des Landes zu gewinnen. Damit meine ich nicht unbedingt und allein jene, die Führer der öffentlichen Meinung sind oder sich so nennen. Ich meine den Durchschnittsbewohner des Landes." * Es ist charakteristisch für die politische Lage, in welche der Zionismus hineingeraten ist, daß weder der Kolonienminister noch der neue Hochkommissär auch nur mit einem Worte der Hauptaufgabe gedacht haben, welche England als Mandatarmacbt und Treuhänder für die Balfour-Deklartion zu erfüllen verpflichtet ist, nämlich der Förderung des Aufbaue« des jüdischen Nationalheims. Die Sunden der polnischen Regierungspolifik Der sogenannte „EmigrationiSmus" Aus Warschau wird gemeldet: Der polnische Sejm nahm am 24. Februar abends das Budget für die Periode 1938/39 in dritter Lesung an. Die jüdischen Abgeordneten stimmten gegen das Budget. Im Namen derselben gab der Deputierte Dr. Emil Sommerstein eine Erklärung ab, in der festgestellt wurde, daß die Regierung nach wie vor eine Politik der Ausstoßung der Juden aus dem staatlichen und gemeindlichen Leben sowie aus der Wirtschaft betreibt. Obwohl die Gleichberechtigung in der Verfassung garantiert ist, sind die Juden bürgerlich und politisch faktisch rechtlos. Beleidigung des jüdischen Volkes und der jüdischen Religion ist straflos. Die jüdische Jugend an den Hochschulen wird durch die Institution der „Ghettobänke" beleidigt. Es fehlt jede Sicherheit für Leben und Eigentum der Juden. Das Recht der Juden auf Arbeit und wirtschaftliche Existenz wird bestritten. Der ökonomische Kampf gegen die Juden wird von der Regierung nicht nur geduldet, sondern sogar mit Hilfe der öffentlichen Gelder gestützt. Die Boykottin den Wechseljahren besitzt man in dem rein natürlichen „Franz-Josef'-Bitterwasser ein alterprobtes Hausmittel, die meisten Alterationen, von welchem Teil des Verdauungstraktes sie auch ausgehen mögen, sofort zu bannen. Fragen Sie Ihren Arzt. B Terorrpoaten vor den jüdischen Geschäften werden toleriert. Der sogenannte „E m i g r a t i o n i s m u s" wird von den autoritativen Stellen als das einzige Mittel zur Lösung der Judenfrage in Polen bezeichnet. An den staatlichen und Kommunalämtern und wirtschaftlichen Unternehmungen besteht für Juden ein Numerus nullua. Trotz dieser unsagbar schweren Lage der jüdischen Bevölkerung — heißt es in der Deklaration welter — verlieren wir Juden nicht den Mut, allen Anschlägen gegenüber, von welcher Seite sie kommen mögen, unseren unbeugsamen Existenzwillen zu bekunden. Wir glauben an den gesunden moralischen und polltischen Instinkt des polnischen Volkes. Wenn einmal die polnischen demokrtalschen Volksmassen wieder Einfluß auf das öffentliche Leben in Polen gewinnen werden, so wird auch die jüdische Forderung nach voller juridischer und faktischer Gleichberechtigung verwirklicht werden." Parole? Numerus nullu« Nachdem die antisemitischen Studenten durch Terror und Gewaltanwendung die Universitätebehörden lur Einführung der verfassungswidrigen „Ghetto* bänke" an den Hochschulen gezwungen haben» haben sie Jetet eins neos Parole ausgegeben; Numerus nullus für Juden an allen polnischen Hochschulen. Mafl ersieht darus, daß die Erwartung der Behörden, es werden nach Einführung der Ghettobänke Ruhe and Ordnung einkehren, sich in keiner Weise erfüllt hat. Die antisemitische Studentenschaft am Warschauer Polytechnikum ist die erste, die jetzt die Forderung nach völliger Beseitigung der Juden aus den Hochschulen aufgestellt hat. Es wurden FlugzetteJ mit dieser Parole verbreitet. Die jüdischen Studenten werden aus den Lesesälen hinausgeworfen, einige von ihnen verletzt. Auch an der vom Juden Wawelberg gestifteten Technischen Hochschule wurden die jüdischen Studenten schwer mißhandelt. (J. T. A.)„ Die neue Verfassung Rumäniens Aus Bukarest wird gemeldet: Am Donnerstag, den 24. Februar, wurde in ganz Rumänien da* Plebiszit für die neue, auf ständischer Grundlage ruhende Verfassung durchgeführt Laut amtlicher Mitteilung hatten sich 88 Prozent der Wähler beteüigt, die Verfassung wurde mit allen gegen nur wenige tausend Stimmen angenommen. Vor dem Plebiszit hatte die offizielle rumahiach« Agentur „Rador" mitgeteilt, daß der Verband t der jüdischen Kultusgemeinden Rumäniens an die Judenheit die Aufforderung richtete, für die neue Verfassung zu stimmen, welche allen rumänischen Bürgern ohne Unterschied der. Abstammung und der Konfession gleicheRecht« sichert. 9 Das Präsidium und das Rabbinat der jüdischen Gemeinde von Cernauti hatten durch die Vorsteher" sämtlicher Bethäuser an die Judenschaft der Stadt einen Appell gerichtet, für die neue Konstitution zu stimmen, zumal diese die Rechte der Judeusohaft wahrt und keinen Unterschied in bezug auf ethnische Abstammung oder Konfeesion macht Für die Mitglieder des Vorstandes und des Kulturrates sowie für die Angestellten aller Kategorien der Gemeinde ist im Sitzungssaale der Kulturgemeinde die Abstimmung vorgenommen worden, worauf sich diese Wähler in einen Zug formierten und, mit dem Gemeindepräsidenten an der Spitze, zum Gymnasium am Ghicä-Voda-Plate begaben und das Abstim« mungsprotokoll in feierlicher Weise überreichten. _ (J. T. A.) Die Türkei wünscht jüdische Einwanderung Aus Istanbul (J. T. A.): Der Abgeordnete des türkischen Parlaments, A t a b l n e n, der erste Wirtschaftsberater des Staatschefs Kemal Atatürk, erklärte Vertretern der ausländischen Presse: Die Türkei begrüßt jede jüdische Einwanderung, auch wenn sie in geschlossenen Massen erfolgt. Die Türkei kann durch die Einwanderung von Juden nur gewinnen. Im Anschluß an diese Erklärung sprach sich Atabinen voll Lobes über die Jüdische Bevölkerung der Türkei aus»