Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 12 (1938)
- Issue
- Heft 730 (25.2.1938)
- Date
- 1938-02-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seit* 2 DIE NEUE WELT Nr. 730 vom 25. Februar 1938 " §itti0tt$br0t nod) immer uuerreidjt als (5?e)unbtjfitSunb Straft» btot. üHetd) an bcn fo mistigen Mäf)tffltäen. &tty bequem; «imoitS&rofcSdiittitenpäddjeii in (Stanniol, tfrüfyenbrot: Aufbauunt> ^arm-ÜRegulator. 3« Haben in ^cinftiftljanWiHifleii unb in uieleit ©äefereien. fcSImDttSbrntrabuf ©i<n*ftöajrqn6ö £ägl.foftöett^ Zur Judenfrage in Polen Emigration and konstruktiver Anfbflu Au« Warschau wird berichtet: Bei Beratung «es Budgets des Arbcitsministeriuma Im polnischen Sejm erklärte der Arbeitsminister und frühere Minister Präsident Koscialkowaki: Während in der Vorkriegszelt jährlich 3 Prozent der polnischen Bevölkerungnach Uebersee wanderte, ist im Jahre 1037 nur Va Prozent der Bevölkerung ausgewandert, tfach Palästina wanderten im Jahre 1935 35.000 Jude n. im Jahre 1937 aber nur 3000 Juden au«. Man sieht daraus, erklärte der Minister, daß die Auswanderung allein nach Palast Ina die Judenfrage Polens nicht lösen kann; Palästina kann nicht den Ueberschuß der jüdischen Bevölkerung Polens absorbieren. Öer jüdische Abgeordnete Dr. G o 111 i e b widersprach entschieden der Auffassung des Ministers, daß die Judenfrage Polens nur durch Emigration gelöst werden könne. Eg ist eine Lüge, rief er, daß die Juden mit nichts nach Polen gekommen sind und sich hier bereichert haben. Die Juden waren es. die den Handel Polens organisiert haben. Die jüdische Minderheit allein leistet 28 Prozent der staatlichen und kommunalen Steuern. Dabei Ist die Zahl der Juden in Staats- und Kommunalstelltingen gleich Null. Der Jude In Polen Ist steuerlich so belastet, daß er nur wie durch ein Wunder noch bestehen kann. Von keiner staatlichen Seite wird den jüdischen Erwerbslosen geholfen, ihre einzige Hilfe sind die jüdischen Gemilas-Chesed-Kaasen, die zinslose Darlehen gewähren. Nicht einmal die Kinderhilfsinstitution „Centos" erhält irgendwelche Unterstützung vom Staat. Nicht mit „Emigrationismus", schloß Dr. Gottlieb, sondern m i t konstruktivem Aufbau kann der Staat die Judenfrage lösen. Gegen die jüdischen Studenten Die antisemitische^ Unruhen an den Universitäten und Hochschulen Polen« sind plötzlich wieder ausgebrochen. Jüdische Studenten werden mißbandelt und aus den Hochschulgebäuden hinausgeworfen. Der durchsichtige Zweck dieser neuen Verfolgung ist der, die jüdischen Studenten daran zu hindern, sich die letzten Bestätigungen über den Besuch der Vorlesungen zu holen; wer aber solche Bestätigungen nicht besitzt, verliert das Studienjahr. Für ein Schal-Ghetto — Totales Schächtverbot beantragt Im Verlauf der Debatte über das Budget des Schulministeriums im polnischen Sejm hielt der katholische Geistliche D o w n a r eine Brandrede gegen die „Juden- Kommunisten" und für „Ghetto-Schulen" für jüdische Kinder, damit ..Juden" nicht zusammen mit christlichen Kindern sitzen. Der Deputierte Hoppe unterstützte diese Forderung. Der Deputierte Zaklika forderte im Namen seiner Gruppe ..Katholisch-Nationale Verständigung", daß man Juden aus der Lehrerschaft der Mittelschulen vollkommen ausschließt. Der jüdische Deputierte Rabbi Rubinstein führte aus: Statt solche Anträge zu stellen, die, keine Ehre für die polnische Kulturtradition sind, möge man eher auf die Lehrerschaft einwirken, daß sie der Jugend die Gebote der Menschenliebe einflößt und es nicht zulasse, daß sogar die jüngste Schuljugend mit dem Gift dos Judenhasses geimpft wird. Der Unterrichtsminister hätte ohne große Anstrengung die Schande der Ghettobänke an den Hochschulen beseitigen können. Tch hoffe, sagte Rabbi Rubinstein, daß wenn ich an das Gewissen des besseren Teiles der polnischen Gesellschaft appelliere, ich nicht ein Prediger in der Wüste bleiben werde. Zum Schluß forderte der Redner Reglerungsbeihilfen für das jüdische Schulwesen und Schutz der jüdischen Religion, die durch neue Pläne, betreffend ein totales Schächtverbot bedroht ist. Das vom Deputierten Dudzynskl eingebrachte Gesetzprojekt Uber totales Vcrbotdes Schächtens wurde in erster Lesung der Verwaltungskommission des Sejm zugeleitet. Die polnische Völkerbundliga fordert Oefi'nung der Grenzen für Juden und internationale Unterstützung der jüdischen Einwanderung in Palästina Aus London; Die polnische Delegation bei der Konferenz dc3 Minoritäten-Komitees des internationalen Verbandes der Völkerbundgesellschaften Überreichte einen Resolutionsantrag, demzufolge Staaten mit einem geringfügigen Prozentsatz jüdischer Bewohner ihre Grenzen der Immigration von Juden öffnen sollen, welche aus solchen Ländern kommen, in denen Juden in Massen wohnen. Die Resolution empfiehlt eine internationale Aktion zur Unterstützung der Auswanderung der Juden nach Palästina und zur finanziellen Unterstützung der Emigration der Juden auB übervölkerten Staaten, ferner die Einberufung einer unter dem Protektorat des Völkerbundes stehenden internationalen Konferenz zur Regelung der jüdischen Frage. . .: ... Phantasie über einen ludenslaal in Äbessinien Aus Paris wljfd gemeldet: Die Kundgebung der römischen „I n f o r m a z i o n e Diplomatie a", die dem Regierungschef Mussolini persönlich zugeschrieben wird und in welcher der J u d enstaat in Palästina abgelehnt, aber die Notwendigkeit der Errichtung eines großen souveränen Judenstaates in einem anderen Teil der Welt betont wird, hat hier zu verschiedenen Kombinationen Anlaß gegeben. Während die Pariser „L'fipoqu e" allen Ernstes aus Rom meldet, daß die Italienische Regierung beabsichtige, In nächster Zukunft den Vorschlag zu machen, den Juden A b e s s i n i e n als A u s w a n d e r u n g s g e b i e t zur Verfügung zu stellen, behandelt der römische Korrespondent deA Pariser „Temps" da« Problem halb ernst, halb ironisch. „Man kann sich fragen", meint der französische Publizist, „ob hinter diesen Ausführungen nicht ein realistischer, konkreter, praktischer Vorschlag steckt. Mit einem Wort: Denkt das faschistische Italien wirklich daran, den vom Antisemitismus geschlagenen, durch die Welt irrenden Juden in einem Teil seines Imperiums Gastfreundschaft zu gewähren? Sollte zum Beispiel der Duce daran denken, einen Judenstaat zu schaffen, indem er der Judenheit EISEN SELCHWAREN [MAL TÄGLICH FRISCH F" i i aas im ALLEN FILIALEN einen Teil Abessiniens in völliger Souveränität Ubertrögt? Itallenlsch-Ostafrika ist so groß wie Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien zusammen. Es ist sehr dünn bevölkert und enthält viele unausgenützte Naturschätze. Es könnte daher ohne Schwierigkeiten Millionen von Juden absorbieren. In Palästina ist wegen der Enge des Landes und der Anwesenheit der Araber der Versuch fehlgeschlagen. In Äbessinien dagegen spricht a priori nichts gegen seinen Erfolg. Afrika Ist der Kontinent von morgen. Auf den Hochebenen Ostafrikas könnten die jüdische Arbeit, das jüdische Genie, das jüdische Kapital ein neues Zion schaffen, eine Stätte der Hoffnung und der Zukunft für die leidenden Juden der Welt. Wir wissen nicht, ob diese Idee in den Ausführungen der „Informazione Dlplomatica" enthalten ist,' aber es ist augenfällig, daß dieser Gedanke aus-Gründen: des* Mitleids,;der Menschlich-- kelt und auch der hohen Politik vom Heiligen Stuhl gern gesehen wird." Der Vatikan kann gegen den gegenwärtigen Antisemitismus nichts tun, würde aber eine menschliche Lösung der Judenfrage begünstigen. Auch Deutschland würde eine derartige Lösung angenehm sein. „Wenn die emigrierten deutschen Juden", schreibt der Korrespondent, „die die wildesten Feinde des Dritten Reiches geworden sind, friedlich in Äbessinien leben könnten, würde ihre Feindseligkeit minder gefährlich werden." Die Araber würden eine derartige Lösung mit Freuden aufnehmen, was das Prestige Mussolinis als Beschützer des Islams noch vergrößern würde. Für England würde die Errichtung eines Judenstaates in Ostafrika ein schwerer Schlag sein; für Italien dagegen könnte er einen materiellen und moralischen Erfolg darstellen. Materiell, weil sich zwischen dem neuen Judenstaat und den Konzentrationspunkten des jüdiscehn Reichtums Bei Grippe und Grippefolgen sorge man auch dafür, daß Magen und Darm durch Gebrauch des natürlichen „Pranz-Jo s<e f" - Bitterwassers öfters gründlich gereinigt .werden* : Fragen Sie Ihren Arzt. in der ganzen Welt (City, Wallstreet) sofort ein enges Band ergeben würde, von 'dem ganz Ttalienisch-Ostafrika profitieren könnte; moralisch, weil Mussolini auf diese Weise die Sympathien des jüdischen Volkes erringen und das International antifaschistische Judentum beschwichtigen könnte, sowie nicht nur der Beschützer des. Islams, sondern auch der Beschützer Judas sein würde. Mussolini hätte den Ruhm, eine Frage, so alt wie die Welt, gelöst und die Sympathie eines Volkes gewonnen zu haben, dessen geistige und materielle Macht In der ganzen Welt eine große politische Macht darstelle. Wo liegt der ludenstaat Mussolinis T Aus London (J. T. A.): Bekanntlich wird in der Note der „Informazione Dlplomatica", deren Autorschaft Mussolini selbst zugeschrieben wird, der Judenstaat in Palästina strikte abgelehnt, dagegen vorgeschlagen, daß „irgendwo in der Welt ein jüdischer Staat, errichtet wird,, ein Staat im wahren Sinne dieses Wortes, der in der Lage wäre, auf normalem diplomatischem Wege und durch Konsularbehörden alle jüdischen Bevölkerungsteile in der Welt zu vertreten und zu schützen." Während im allgemeinen die Ansicht vorherrscht, daß Mussolini, ebenso wie Polen und Rumänien, die Westmächte mit der Errichtung eines solchen States belasten wolle, wußte der Wiener „Telegraf* *u melden, daß Mussolini an die Krrlchtun* eines Judenstaates in der italienischen Kolonie Tripolis denkt. „Manchester Guardian" stellt die; Frage, ob Mussolini vielleicht beabsichtige, einen Teil. Äbessinien s als Territorium für den Judenstaiit anzubieten. Jedenfalls, fährt das Blatt fort, muß das Zugeständnis, daß ein J u d e n s t a a t d i e r i c h 11 g e Lösung für die Judenfrage sei, als ein Fortschritt angeschen weiden, und die britische Re#ferung sollte dieses Moment bei Behandlung des Themas der italienischen Propaganda in Palästina nicht außeracht lassen. Im übrigen zollt „Manchester Guardian" dem italienischen Regierungschef Anerkennung, well er sich weigert, dem deutschen Verbündeten den Gefallen, zu erweisen und die Juden innerhalb der eigenen Grenzen zu verfolgen, in einer Zeit wie dieser, schließt das Blatt, muß auch eine solche Haltung als eine, wenn auch zweitrangige, Tugend angesehen werden. Stimmungsumschwung in Italien Aus Paris wird gemeldet.: Laut flava« macht sich jetzt in der Italienischen Presse eine Reaktion gegen dl« wüste antisemitische Hetze von „II Teveren „Regime Fascista" und anderen, dem deutschen Nationalsozialismus ergebenen Zeitungen bemerkbar. Die. italienischen Zeitungen weisen auf die Tatsache hin, daß die etwa 6000 detitschen Juden, die seit 1988 In Italien Zuflucht gefunden haben, sich der neuen Heimat nützlich erweisen. Sie unterstreichen auch den Patriotismus der Italienischen Juden, der noch besonders durch dl» Tatsache Illustriert wird, daß der erste italienische Gefallene In Äbessinien der Jude Low und daß der cr»tA In Spanien gefallene italienische Freiwillige ebenfalls <Mn Jude war. ffctze des Sowjeldi'plomaten Budenko Aus Prag: Das halbamtliche „Giorna.1« d'Italia", der Berliner „Völkische Beobachter" und die antisemitischen Zeitungen in vielen. Ländern geben in großer Aufmachung die Aussagen des angeblich aus Bukarest nach Rom geflüchteten, sowjetrussischen Geschäftsträgers Budenko (die Moskauer Regierung bestreitet die Identität der in. Rom aufgetauchten Person mit ihrem früheren Bukarester (^esc^ftsträger) wieder. Die Behauptung dieses BudenYo'über die Zustände im heutigen Rußland lauten u. a.: „A^n Stelle der früheren kapitalistischen' wurde» ehie neue Bourgeoisie gebildet, die fast zu 100 Pro* zertt aus J u d e n besteht. K e i n jüdischer K a p i- Pensum tätstem - Srnmem^ talist hat Rußland nach dem Ausbruch der Revolution verlassen. Sämtliche Juden* die in Rußland leben, erfreuen sich der besonderen Protektion des engsten Beraters von Stalin, des bolschewistischen Hofjuden, Lazarus Kaganowitsch. Alle großen Fabriken und Werke, die Monopole der Produktion, die Rüstungsindustrie, die Eisenbahn, Handel und Kleinhandel sind virtuell und tatsächlich in jüdischen Händen, während der Arbeiterstand nur in der theoretischen Abstraktion als ,der Herr der Wirtschaft' vorhanden ist. Die Frauen und Famüienangehörigen der Juden besitzen Luxuswagen und Villen, verbringen den Sommer in den besten Bädern und Kurorten der Krim und des Kaukasus, kleiden sich in kostbare Astrachan- und andere Luxuspelze, tragen Juwelen, Armbänder und goldene Ringe, lassen sich ihre Kleider und andere Luxusgegenatände aus Paris kommen." Weiter behauptet der angebliche Budenko, daß in der Ukraine die ganze Verwaltung: sowie die leitenden Posten in den verschiedenen sehr wichtigen Unternehmungen in jüdischen Händen sind. -- Es ist kaum anzunehmen, daß die Herren vom „Giornale d'Italia" und den anderen Blättern an dies© Lügen, die sie ihren Lesern vorsetzen, glauben. * Budenko erklärt im „Giornale d'Italia", er sei deshalb geflohen, weil er von Agenten seiner eigenen Regierung beobachtet wurde, nachdem festgestellt worden war, daß er seinerzeit mit den Armeen Deninkins und Wrangeis in Südrußlaud Verbindung gehabt hat. Bekanntlich hat die Armee Deninkins zur Zeit der russischen Bürgerkriege blutige Judenpogrome gemacht und viele Tausende Juden abgeschlachtet. V911 da her scheint Budenko auch seinen Antisemitismus zu haben. Die Behauptungen Budenkos können aJfl plumpste geschichtliche Lügen bezeichnet werden. In Wirklichkeit hat der Bolschewismus mit dem jüdischen Mittelstand in Rußland — eine jüdische Bourgeoisie gab es unter dem Zarismus bekanntlich nicht — so gründlich aufgeräumt, daß er vollkommen von der Bild fläche verschwunden ist. Der Anteil der Juden an der Sowjetbeamtenschaft übersteigt— wie statistisch nachgewiesen wurde — nicht den Anteil an der Gesämtbevölkerung. Wie Stalin unter seinen engeren jüdischen Mitarbeitern aufge* , räumt hat, ist ebenfalls zur Genüge bekannt.