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Die neue Welt · 1938-02-22 · Heft 729 (22.2.1938) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
12 (1938)
Issue
Heft 729 (22.2.1938)
Date
1938-02-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 729 vom 21 Februar 1938 00g NEtJE WELI * i .,i l tu........i..... SfolUS Prof. Jos«f Klausner Ein« jüdische Wissenschaft entsteht pMtuH-Qeuftfiekeeisek tu besonder, «rmnigim Prtiitn ab Wien 8. Man ReisedücaCity, De. l.U. Uäet** Wien I, Kohlmarkt S / Tel. U-S6.4-89 Uaanbatinlahrkarlan nach allen IMncUrn AUS ALLER WELT Schnee in Jerusalem Ein seltenes Bild bot sich kU*Älich den Bewohnern Jerusalems, ala die ganze Stadt von den frühen Morgen- Stunden bis nachmittags, als die Sonne der Herrlichkeit ein schnelles Ende bereitete, mit Schnee bedeckt war. Auch in Nordpalästina schneite es und im Libanon fiel so viel Schnee, daß der Verkehr in den Straßen eingestellt werden mußte. Für Popper-Lynkeus Eine Gedenktafel für Josef Popper-Lynkeus, ein Werk der Bildluuierln Engelovä-Bairndorfovä, wird am 20. Februar, aus Anlaß des 100. Geburtstages des Dichters, Erfinders, Technikers und Sozialphilosophen, an seinem Geburtshause in K o 1 i n feierlich enthüllt werden. PaJäMina-Symphünieorchester in Aegypten Das Palästina-Symphonieorchester ist zum zweitenmal, diesmal unter der Leitung vonv Szenkar und Dobrowen, nach Aegypten gekommen. Mit einem Concerto grosso von Händel wurde das Konzert eingeleitet, auf dessen Programm die 7. Symphonie von Beethoven, Liszts Preludes, Dukas' „Zauberlehrling", Ravelä „Bolero" usw. standen. Der Erfolg war sehr groß. Vorübergehende Einstellung der Einwanderung in Mexiko Der mexikanische Innenminister hat eine Verordnung erlassen, wonach im ganzen Lande eine Ueberprüfung des rechtlichen Status der Einwanderer zu erfolgen hat. Bis zur Beendigung der Ueberprüfung ist eine vollkommene Einstellung der Einwanderung verfügt worden. Man hält die Verordnung des Innenministers für einen vorbereitenden Schritt zur Errichtung von „Zoaeü", innerhalb deren es ausschließlich mexikanischen ' Kleinhändlern erlaubt sein wird, ihrer Beschäftigung nachzugeben. 9000 jüdische Landwirtschaften in Palästina Laut einer kürzlich durchgeführten Zählung gab es i. J. 1936 in Palästina £967 agrikultureile Wirtschaften, davon 3598 gemischte Wirtschaften, 4674 PardesBim, 135 Wein- und Mandelgärten und 500 andere Wirtschaften, hauptsächlich Manna-Kulturen. Bei einem Drittel aller Wirtschaften umfaßt die Bodenfiäche 10 bis 20 Dunam, und zwar sind dies 1485 gemischte Wirtschaften und 1277 Pardessim. Mit einer Bodenfiäche von je 5 bis 9 Dunam gab es 1043 Wirtschaften, davon 575 Pardessim und 326 gemischte Wirtschaften. 884 Wirtschaften waren 1 bis 4 Dunam groß. Die Zahl der Großwirtschaften ist ansehnlich: 578 Wirtschaften umfaßten je 100 bis 150, 171 Wirtschaften je 151 bis 200 Dunam. Die kleineren Wirtschaften konzentrieren sich vorwiegend rund um Städte. Die größeren Wirtschaften teilen sich geographisch wie folgt auf: Judäa 166, im Westen des Emek Jezreel 305, in der Scharon-Ebene 113, in Galiläa 192. Nadiridifien aus Palästina Kolonisation an der Libanon-Grenze Die Libanon-Regierung erteilte jetzt erst* malig. Privatleuten die Genehmigung zum Verkauf von Lähdereien an eine zionistische Kolonisationsgesellschaft. Die Genehmigung bezieht sich auf Ländereien in der Nähe mehrerer slidlibanesischer Dörfer an der Grenze von Libanon und Palästina. Die Arbeit der Militärgerichte Auf den Aegypten-Expreß und auf den Zug Halte—Lydda sind von arabischen Terroristen Anschläge verübt worden. An mehreren Stellen wurden die Schienen gelookert. ' Der Araber Suleiman Mohammed ist vom Militärgericht zu «ehn Jahren Gefängnis verurteilt worden. Mohammed war nach einem Feuerüberfall auf einen jüdischen Autobus bei Jaffa, bei dem der jüdische Passagier Jechlel Effroni getötet wurde, am 1. Jänner wegen Besitzes von Waffen verhaftet worden. Seit der Einsetzung der Militärgerichte in Palästina am 24, November 1937 sind von Militärgerichten Insgesamt 81 Araber verurteilt worden, von ihnen aoht aum Tode, sechs Araber wurden hingerichtet, bei zweien wurde die Todesstrafe in lebenslängliches Gefängnis umgewandelt, 19 wurden zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt, 12 freigesprochen; die übrigen erhielten verschieden hohe Gefängnisstrafen. Xeilwelser Ausnahmszustand Xn mehreren Orten Palästinas haben die Behörden den Ausnahmezustand angeordnet. So verhängte der Kommandant der Nordtruppen über das arabische Dorf Um et Fahrn von fünf Uhr abends bis fünf Uhr morgens Poliseiatunde (Curfew). Personen, die die Polizeistunde nicht einhalten, sollen auf der Stelle erschossen werden. Ueber das arabische Dorf Taiba bei Tulkarem wurde wegen Sabotageakten gegen die Eisenbahn eine Mstündige Polizeistunde verhängt. Besondere Sichörheltsvorkehrungen wurden in Transjordanien f etroffen. Soeben sind die „Mitteilungsblätter der Hebräischen Universität Jerusalem" in Jerusalem erschienen. Sie enthalten Beträge von Mitarbeitern der Hebräischen Universität und einen Bericht über das Studienjahr 1937. Wir veröffentlichen nachstehend in einer, den engen Raum berücksichtigenden, also gekürzten Form den Beitrag des Prof. Josef Klausner „Zur Geschichte des jüdischen Studiums", worin die Grundlagen der nationalen jüdischen Kultur in Palästina gezeichnet werden. Die gekürzte Form des Aufsatzes läßt den von uns gewählten Titel „Eine jüdische Wissenschaft entsteht" zu. Als „das Licht im Westen" erlosch und die spanisch-jüdische Kultur unterging, bedeckte Finsternis die Welt des Judentums. In Deutschland und Polen, den ^größten neuen Zentren des Judentums, ging die Beschäftigung mit allgemeiner Wissenschaft im reinen Talmud-Studium unter. Während der Glanzzeit von Safed, der einzigen Periode in der späteren jüdischen Geschichte, da noch einzelne Funken geistigen Schaffens aufleuchteten, Überwog in der Kabbala eines Lurja und Rabbi Chaim Vital grenzenlose Phantasterei die theoretischen und philosophischen Lehren, wie sie die spanische Kabbala gepflegt hatte. Die jüdische Aufklärung seit N. H. Wessely verband das Studium der geistigen Errungenschaften anderer Völker mit dem der jüdischen Lehre. Weil aber diese beiden geistigen Welten einander zwar beeinflussen, nie aber durchdringen konnten, trat ein, was kommen mußte: die Juden begannen, die Kultur der Völker nicht nur passiv in sich aufzunehmen, sondern selbst in ihr zu schaffen, und zwar in der Sprache des Volkes, in dessen Kulturkreis sie ihr neues Wissen erworben hatten. Alle diese großen jüdischen Schöpfungen in Literatur und Wissenschaft, wenn sich die Juden ihrer auch noch so sehr rühmen können, zählen letzten Endes doch zum Kulturgut der Völker, in deren Sprache sie geschrieben wurden. Nie wird Albert Einstein einen Platz in der Geschichte der jüdischen Wissenschaft einnehmen, denn er hat seine Arbeiten zum allergrößten Teil in deutscher Sprache geschrieben und es hat keinerlei Einfluß auf diese Beurteilung, daß Einstein ein Jude ist, der sein Judentum betont. Der Jude Heinrich Heine ist in jeder Zeile seines Werkes unverkennbar; trotzdem wurden Heines Dichtungen zur deutschen und nicht zur jüdischen Literatur gerechnet. Dasselbe gilt mutatis mutandis für die zahlreichen Juden, die in der gesamten Literatur und Wissenschaft der Welt zu finden sind. So sind dem Judentum seine auserlesensten Geister und seine besten Leistungen verlorengegangen. Die nationale jüdische Kultur blieb auf einen engen Kreis beschränkt, sie war in einen Winkel gedrängt, ohne Weite des Horizonts, ohne Lebensfrische. Mit dem Neuerwachen des jüdischen Nationlbewußtseins und der Neubelebung der alten nationalen Sprache fühlten wir auch bald, daß dieser Zustand nicht länger dauern dürfe, sondern daß wir unsere kulturellen Schöpfungen auf unserem Boden und. in unserer Sprache schaffen müssen, wenn sie auch wirklich unser sein sollen. Selbstverständlich gehört jede Wissenschaft und jede große kulturelle Leistung der ganzen Menschheit; aber sie muß durch das Prisma des Nationalen hindurchgehen. Shakespeare und Goethe sind eben deshalb zum Eigentum der ganzen Menschheit geworden, weil sie so durch und durch national sind, weil sie eben beide die ganze Schaffenskraft des englischen, respektive dös deutschen Volkes verkörpern. So wollen auch wir für die Menschheit durch das Medium des Nationalen schaffen, wie, alle schaffenden Völker. Zu diesem Zweck, wurde die Hebräische Universität gegründet. Wenn man mich fragt, was Zionismus ist, möchte ich zur Antwort geben: „Meine eigene Hütte ist mir lieber als ein fremder Paläst". Und das nicht etwa deshalb, weil ich mich überhaupt mit einer Hütte, begnügen will, i Wir müssen alles dazu tun, um diese Hütte, in der jetzt der Geist der Nation baust,, in einen Palast "für die Nation und die Menschheit zu verwandeln. Aber wir können und dürfen nicht mit dem Palast beginnen, besonders nicht unter den Be* dingungen, unter denen, wir jetzt arbeiten: Wir müssen Professoren aus Europa und Amerika nach Asien berufen, Professoren, die des Hebräischen mehr oder weniger mächtig sind, unsere Mittel sind aufs äußerste beschränkt, denn wir besitzen keine großen Fonds und erhalten keinerlei Subvention von der Regierung wie die meisten anderen Universitäten 4er Welt. Unser Bestand hängt völlig von freiwilligen Spenden ab/ Es darf daher nicht wundernehmen, daß der Forschungs- und Lehrbetrieb der Hebräischen Universität noch viele Lücken aufweist. Aber eine« kann man mit vollster Ueberzeugung vertreten: daJ! wissenschaftliche Niveau des Vorhandenen kann dem der besten Universitäten in Europa und Amerika verglichen werden. Unsere Professoren, Dozenten, Instruktoren und Assistenten geben sich) nicht mit Halbheiten zufrieden und stellen hohe An« forderungen an ihre Studenten. So entsteht, ein« jüdische Wissenschaft und jeder Arbeiter am Werk ist ein Fachmann auf seinem Gebiete. Manche Vorzüge besitzen die Absolventen der Hebräischen Universität; ich will hier vor allem über die Absolventen der Geisteswissenschaften sprechen. Die geisteswissenschaftliche Fakultät umfaßt bei uns sowohl judaistische als auch allgemeine Disziplinen: allgemeine Philosophie, klassische Philologie, griechische und römische Geschichte und Literatur, arabische Literatur, Geschichte des Islam und anderes. Wir verlangen von jedem Studenten der Judaistik, daß er ein Nebenfach aus den all-« gemeinen Geisteswissenschaften oder, wenn er will, aus den Naturwissenschaften wähle. Das bedeutet meiner Ueberzeugung nach eine entscheidende Wendung im Aufbau der judaistischen Studien. Zwar haben sich die großen Denker des Judentums zu jeder Zeit religiösen und profanen Studien hingegeben, stets aber lernten sie beides getrennt von-* einander. Talmud und rabbinische Literatur zusammen mit Physik, Chemie und Zoologie an demselben Orte, allgemeine und jüdische Philosophie nach derselben Methode, jüdische und klassische Literatur unter einem Dach — solches hat es noch nicht gegeben, seit die jüdische Kultur besteht. Es ist meine tiefste Ueberzeugung, daß diese Neuerung bedeutsame Folgen nicht'nur für die Wissenschaft des Judentums, sondern auch für die allgemeine Wissenschaft zeitigen ysdrcl, denn eine rege Wechselwirkung zwischen beiden wird nun einsetzen. Selbstverständlich ist es Unsinn, Mathematik oder Physik „jüdisch machen" zu wollen. Und doch: es besteht ein Unterschied zwischen einem mathematischen oder physikalischem Werk, das ein Deutscher, und einem, das ein Franzose oder ein Engländer geschrieben hat. Nationalcharakter und Sprache beeinflussen sowohl den Gedankengang als auch die Art der Formulierung. So wird auch daB jüdische Denken und die hebräische Sprache sowohl dem Gedankengang als auoh der Formulierung allgemein wissenschaftlicher Arbeiten seinen Stempel aufdrücken. Daß andererseits auch die Wissenschaft anderer Völker auf die jüdische Wissenschaft ein-* wirken wird, bedarf kaum der Betonung.. Sie wird den Horizont der jüdischen Forschung erweitern, wird sie sozusagen aus ihrem Winkel hervorziehen, in dem sie heute ersticken muß. Dahn erst wird sich eine vollendete .Synthese der jüdischen Kultur ergeben, eine Synthese, aus der der Menschheit nicht weniger Segen erwachsen wird als dem jüdischen Volk, ebenso wie einst aus den Schöpfungen der Propheten, die doch so ganz national waren und darum nicht weniger universal. Es ist ein weiterer Vorzug unserer Absolventen, daß sie ihr Fach in Erez Israel.studiert haben. Das kann nicht ohne Einfluß auf ihr Denken bleiben. Das jüdische Palästina war in der Vergangenheit und ist auch heute eine Synthese zwischen Ost und . West. Dadurch wird für die Schüler unserer Universität eine besondere Atmosphäre des Denkens geschaffen* Gibt es doch für Bibel, Talmud und Midrasch, für die Apokryphen und Pseudoepigraphen, für, die Evangelien und sogar für die Schriften der Kabbala von Safed keinen besseren Kommentar als eben Erez Israel. Wer nicht mindestens ein Jahr in diesem Land gelebt hat, wer nicht die wilden Regengüsse seiner Regenzeit und die tote Dürre seines langen Sommers erlebt, wer nicht „von Pessach bis Schwuoth" am eigenen Leib den Glutwind aus dem Osten (Charasin), gefühlt, nicht die wilde Berglandschaft der Wüste Juda und die lieblichen Felder Galüäas gesehen hat, der wird die genannten Schriften nie richtig verstehen und deuten können. Und auch die Geschichte Israels in -seinem Lande wird er nie verstehen. Die Absolventen der Hebräischen Universität empfangen vom Lande selbst den authentischen Kommentar zu unseren Propheten und zu unseren Tannaiten; die sind im Boden de« Landes verwurzelt, in dem die originalsten Schöpfungen des Judentums entstanden, sind, eben jene Schöpfungen, die dem jüdischen Volk ewigen Bestand gegeben haben und die gleichzeitig uneingeschränktes :• Besitztum der Menschheit ge-» worden sind. D l"i U C Pfc \e6er Art (auch alt) sowie zur Barmizwah im Antiquariat D U % WM C W€ Hermann TUCHNER, ECRß TöuOrStrOßß 52. Tel. R-41-4^20

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