Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 12 (1938)
- Issue
- Heft 729 (22.2.1938)
- Date
- 1938-02-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 3 DIE NEUE WS3#T Nr. 729 vom 22. Februar 1938 Italien zur Judenfrage Die „Informttlaae DilJtoWattoa,* (Rom), die Offizielle Korrespondenz der italienischen BegiertHtg, hat kttftlJdi eine Erklärung: tat Lage der Juden In der Welt ttnd zur Jadonfrage in Italien veröffentlicht, aus der eine Wefldtittf Italiens bezttgltoh «einer Einstellung tum Zionismus» bzw. tat jüdischen Kolonisierttng Palästina«, zu er*ehen ist Femer macht sich «lieh eilte Beurteilung der politischen Bewegtingen der Welt in ftatiöimlsozläÜStLsch&m Sinne bemerkbar. Mag aneb die Italienische Erklärung keinen direkt atrHjudischcn Charakter erkennen lassen, SO ist doch anzunehmen, daß der italienische Standpunkt für die weitere Entwicklung der intentAttön&ien Beziehungen lind der Mittclmecr^Problemo von großer fragweite sein kann. Die Feststellung der „Infotmazione DiplomittiCA" lauteti Stimmen der österreichischen Pre§§e Zu Sem Berdite*9*dener AfenMldjUttfCtt zu der Verlautbarung der Vaterländischen Front, daß da» ehrliche Bekenntnis zur Unteilbarkeit des Programms die unerläßliche Voraussetzung für die weitgehende politische Toleranz der Front im einzelnen Ist, schreibt da» „Neulgkeits-Welt-Blatt" vom 20. Februar: „Diese Erklärungen bedeuten mit anderen Worten, daß der österreichische Nationalsozialismus, soweit er sieh in der V. F. betätigen will, zumindest keine antiösterreichische Propaganda entfalten darf." Die „Reichspost" vom 19. Februar schreibt: „Oesterreichs heroischer Entschluß, der endlichen Befriedung zuliebe den ihrer Heimat gramen Kreisen ein neues, bis an die äußerste Grenze des Möglichen gehendes Entgegenkommen und brüderliches Verzeihen zu gewähren, und seine prompte, großzügige Durchführung entsprechend den Berchtesgadener Verabredungen, bezeugen die Einsicht, daß Ruhe im Innern und einträchtiges Zusammenwirken aller nicht grundsätzlich negativen Kräfte die Voraussetzung wirtschaftlicher Aufbauarbeit sind. Den dunklen Mächten, deren Mühlen vom Unfrieden der Völker die motorische Kraft geliefert wird und die jetzt durch phantastische Uebertreibungen und uferlöse Gerüchte die Stimmung zu verderben trachten, legt die amtliche'Feststellung, daß das Ausmaß der verabredeten Maßnahmen Uber den Rahmen des bereits loyal Durchgeführten nicht hinausgreife, noch zur rechten Zeit das Handwerk." Das Iegitimistische Organ „Der Oesterreicher" schreibt unter dem Titel „Was wissen wir von Berchtesgaden" unter anderem: „Eine zusammenfassende Darstellung der am 12. d. M. in Berchtesgaden zwischen dem Bundeskanzler von Schuschnigg und dem deutschen Reichskanzler getroffenen Vereinbarungen zu geben — die .Aussprache' muß ja in Abmachungen gemündet haben —, ist ebensowenig möglich, wie ein abschließendes Urteil über die Ergebnisse der Unterredimg und deren Folgen. Fehlt doch, von allgemeinen Communiques abgesehen; ein Dokument, das diese Vereinbarungen formuliert; nach den Commu- Cafi Ankette^ asafc niquea aber wissen wir nun, daß ,beschlossene Maßnahmen' sofort durchzuführen sind, die .gewährleisten, daß ein inniges und freundschaftliches Verhältnis zwischen den beiden Staaten zueinander hergestellt wird'. Was wir nun von diesen sofort durchzuführenden Maßnahmen, die nach der Verlautbarung doch wohl beide Teile zu leisten haben, bisher sehen, sind nur österreichische Leistungen, von denen wir mangels begleitenden Vertragstextes oder Kommentars nicht wissen, ob .sie bereits vollständig sind und die erwähnten Vereinbarungen erschöpfen." „Sturm über Oesterreich" vom 20. Februar schreibt: „Oberste Richtschnur unserer innerstaatlichen Haltung bleibt nach wie vor die Maiverfassung und die ungeteilte Monopolstellung der V. F. Politische Parteien und Sektionierungen welcher Färbung Immer haben auch tn Zukunft keinerlei Aussicht auf Betätigung innerhalb des österreichischen Staatskonzepts, Die Verpflichtung der deutschen Reichsregierung, auf die Behandlung des österreichischen Nationalsozialismus weder mittelbaren noch »unmittelbaren Einfluß zu nehmen,' behält volle Gültigkeit. Die Vorgänge i'n Rumänien Die J. T. A. meldet aus Bukarest: Die Königliche Tafel in Kischinew hat den Ausschluß der jüdischenRechtsanwä 11e aus der Rechtsanwaltskammer von Tighina (Bessarabien) für ungültig erklärt und die Wiederaufnahme aller ausgeschlossenen jüdischen Anwälte angeordnet Dagegen bleiben die jüdischen Anwälte in den meisten anderen rumänischen Städten weiterhin aus den Kammern ausgeschlossen. * Der bekannte jüdische Arzt Dr. Aron Cohn in Bukarest hat Selbstmord begangen. In einem Abschiedsbrief an seine Familie teilt er mit, daß Not ihn zu diesem Schritt getrieben habe. Dr. Cohn war die Ausübung seiner ärztlichen Praxis bis zur Ueberprufung seines Doktordiploms verboten worden. * „Magyar Orazag" wird. gemeldet, daß die Regierung Goga während ihrer kurzen Tätigkeit eine ganz offen wütende Korruption geduldet hat. Die von ihr ernannten Verwaltungsbeamten waren ohne jede andere Qualifikation als der Zugehörigkeit zur christlich-nationalen Partei in ihre Stellung gelangt und wußten, daß ihre Herrschaft nur für eine kurze Zeit der Selbstbereicherung dauern könne, die daher ausgenützt werden mußte. Diese Beamten haben die Bevölkerung, besonders in den kleinen Provihzstädten, ausgeplündert. Namentlich von der jüdischen Bevölkerung Siebenbürgens haben sie für die angeblich notwendige Erlaubnis, die zum Verlassen der Ortschaft für einen Tag berechtigte, unerhörte Beträge verlangt Noch einträglicher war für sie die Beschaffung der Staat abUrgerqchaftszeaj gn i« »e. Als die Regierung Christes diese Beamtengarnitur sofort entließ, ging em Aufatmen durch, die Bevölkerung. Die Jiddischen und hebräischen Zeitungen in Rumänien verboten Aue Bukarest wird gemeldet: Die Meldung, daß der neue Präfekt von Czernowitz die in der Bukowina durch den Coga-Präfekten Robu Ende Dezember ver» botenen Zeitungen jüdischen Inhalts wieder freigegeben Die kürzJichen Pressepolemiken waren geeignet, in manchen ausländischen Kreisen den Bindruck zu erwecken, als ob die faschistische Regierung beabsichtigen würde, eine antisemitische Politik zu machen. An verantwortlichen römischen Stellen wird erklärt, daß dieser Eindruck absolut abwegig ist. Diese Polemiken werden mit dem Hinweis auf den Umstand erklärt, daß die antifaschistische Bewegung in der Welt vielfach von jüdischen Elementen abhängt. Verantwortliche römische Stellen nehmen an, daß das jüdische Weltproblem auf eine einzige Art und Weise gelöst werden kann: Dadurch, daß irgendwo in der Welt — keineswegs in Palästina — ein jüdischer Staat errichtet wird, ein Staat in wahrem Sinne dieses Wortes, der daher in der Lage wäre, auf normalem diplomatischem Wege und durch Konsularbchören alle jüdischen Bevölkerangsteile, die in der ganzen Welt zerstreut sind, zu vertreten und zu schützen. Der Umstand, daß auch in Italien Juden leben, bedeutet nicht zwangsläufig, daß das jüdische Problem ein spezifisch italienisches sei. In anderen Staaten leben Millionen von Juden, während in Italien bei insgesamt 44 Millionen Einwohnern das jüdische Element auf 50.000 bis 60.000 Menschen geschätzt wird. Die faschistische Regierang dachte nie daran und beabsichtigt auch nicht, irgend welche politische, wirtschaftliche oder moralische Maßnahmen zu treffen, die gegen die Juden als solche gerichtet wären, selbstverständlich mit Ausnahme solcher Fälle, in denen es sich um dem faschistischen Regime feindliche Elemente handeln würde. Die faschistische Regierung ist außerdem mit aller Entschiedenheit Gegnerin jedweden direkten oder indirekten Druckes, um einen religiösen Abfall oder eine künstliche Assimüation zu erzwingen. Das Gesetz, welches das Leben der jüdischen Religionsgemeinden regelt und kontrolliert, hat sich gut bewährt und wird unverändert bleiben. Dessenungeachtet behält sich die faschistische Regierung vor, die Tätigkeit jener Juden zu überwachen, die' erat vor kurzer Zeit mach Italien gekommen sind, ferner dahin zu wirken, daß der Anteil der Juden am Gesamtleben des italienischen Volkes den ziffernmäßigen Anteil des jüdischen Elements in Italien nicht übersteigt und nicht im Mißverhältnis steht zu den wirklichen Verdiensten der einzelnen um die Gemeinschaft. Hiezu erklärt das offizielle Organ „Regime Faacista": . " „An hohen Kommandostellen der Italienischen Armee, in allen Institutionen, wo die Lebensansichten der Jugend gebildet werden, im Generali)tab der Armee, in der Presse, an der Börse usw. können jetzt allerdings nicht mehr Leute anderer Rasse und anderer Lände r als Italiener geduldet werden. Im Handelsleben jedoch — allerdings unter der Vorausseteung, daß sie nicht gegen die wirtschaftlichen Interessen der Nation handeln — mögen die Juden das tun, was dort auch die Angehörigen anderer Nationen tun, die in Italien ihre Kapitalien ttt anonymen Gesellschaften und In Vei^chertmgsgeSGÜschaf ten investiert haben. Auch in den froiettBerufen wird es dabei bleiben." Mussolini — Verfasser der Note der „Inforraarfonft Diplomatlca" Der römische Korrespondent der „Prager Presse" berichtet aus Rom unter dem 18. Februar: „Die offizielle Erledigung der Judenfrage in Italien hat den tiefsten Widerhall und den besten Eindruck hervorgerufen. Die betreffende Note der „Inföi-mazione Diplomatica" verrät den Stil Mussolinis selbst. Ihre Fassung und Aufmachung läßt keinen Zweifel übrig, daß jede Polemik, wie auch jede antisemitische Kampagne im faschistischen Italien von nun ab ausbleiben wird. Die großzügige Behandlung der zugewanderten Juden aus dem Auslande, unter denen Bich eine große Zahl aus Hitler-Deutschiand befindet, läßt andererseits erkennen, mit Welchem liberalen Geiste die römische Regierung diese Frage selbst anzuschneiden bereit ist. Selbst diese sollen nicht landerverwiesen werden und von einem Numerus clausus ist keine Rede, wenn sich auch die Regierung vorbehält, nach Gerechtigkeitsprinzipien bei der Verteilung von Posten und Aufträgen vorzugehen. Das Statut der jüdischen Gemeinden' ist, wie weiter feierlich betont wird, ein geschriebenes Recht, das dem Staate heilig ist und auch weiterhin streng beobachtet werden wird. Der Eindruck unten den Juden Italiens ist uh* geheuer groß und ihre Freude über die Anerkennung der Erfüllung ihrer Staatspflichten kommt schon in einem wahren Plebiszit des Dankes an Mussolini zum Ausdruck, Die antijüdische Kampagne gewisser Kreise hatte In der letzten Zeit immerhin besorgniserregende Formen angenommen und in den Dienst der antisemitischen Kampagne war ein neues Wochenblatt eingetreten, das aber über seine erste Nummer nicht hinausgegangen ist Gegeru die Hetze hatte sich aber auch die Kirche gewendet' Von den Kanzeln predigten noch am letzten Sonntag, Pfarrer und selbst Kapläne der faschistischen Miliz gegen den Antisemitismus und sagten, man müsse vielmehr für das Seelenheil der Jtiden beten und dürfe nicht vergessen, daß auch Christus ein Jude war. Andererseits machten die Prediger auf die trostlose Lage der katholiw sehen Kirche im nationalsozialistischen Deutschland aufmerksam, wo die Katholiken den schwersten Verfolgunge« ausgesetzt sind." hat, hat sich nicht bewahrheitet Dagegen erschien soeben ein Dekret des Innenministeriums, wonach alle Zeitungen in ganz Rumänien, die in hebräischer und jiddischer, sowie in russischer, ukrainischer und polnischer Sprache erscheinen, endgültig eingestellt werden. Betroffen sind 20 in jiddischer und hebräischer Sprache, 11 in russischer, 3 in ukrainischer und 2 in pol: nischer Sprache erscheinende Zeitungen. Bei Erkrankungen des Herzbeutels, der Herzklappen» Herzmuskeln und Herznerven wirkt früh auf nüchternem Magen ein kleines. Glas natürliches „F r a n z - J o s e f" - Bitterwasser ohne jegliche Beschwerden dannreinigend und sicher verdauungfördernd. Fragen Sie Ihren Arzt. E Die jüdische Minderheit in Rumänien ■ Aus London wird gemeldet: Das Minoritäten-Komitee des Internationalen Verbandes der Völkerbundgesellschaften hat einstimmig eine Resolution angenommen, in der Großbritannien und Frankreich, als die Signatare des Minderheiten-Vertrages, und der vor kurzem vom Völkerbundrat zur Prüfung der Petitionen der jüdischen Organisationen gegen die in Rumänien ergriffenen antijüdischen Maßnahmen eingesetzte Dreierausschuß dringend gebeten werden, sofortige Schritte zur vollen Wiederherstellung der Minderheitenrechte der Juden in Rumänien, die unter die Garantie des Völkerbundes gestellt wurden, zu unternehmen. Die Resolution wurde von den Delegationen Englands, Frankreichs, Hollands, der Tschechoslowakei und Ungarns sowie von den Vertretern der ungarischen und der deutschen Minderhelten in der Tschechoslowakei unter- JudfiutMtsiufland peaaanennnWBnl Dienstag, den 22. Februar, um halb 9 Uhr abends im Zentral» heim, XI, Praterstraße 30, spricht Of, OSlW Kirblfll über „ANALYSE DER GEGENWART" G ä s 11 willkommen} stützt Der Text der Resolution wird, gemäß der üblich«! Prozedur, dem Generalsekretär iatdesVölkerbundes und den einzelnen Mitgliedstaaten des Völkerbundes übermittelt werden. Delegationen der Völkerbund- Ligen von über zwanzig Ländern wohnten der drei Tage dauernden Sitzung des Vertretungsausscfousses bei« (J. T. A.) Katholische Stimme über die „Protokolle der Weisen von Zfon" Die Luzerner katholische Zeitung »Vaterland* berichtet: Die Echtheit der Zionistischen Protokoll« war, wie beka.nnt, im vergangenen Jahre der Ck^enatand oines großen Sensationsprozesses in Bern, Diesen Prozeß nimmt P. P. Charles S. J. zum Anlaß, um in der von de» katholischen Universität Löwen herausgegebenen* „Nou* veilo Revue Theologlque" die Frage der EJchthelt dieser vielumkämpften Stroitschrift einer neuen eingehenden Prüfung zu unterziehen. Der Verfasser kommt zu folgen« den Schlußfolgerungen: 1. Die Protokolle der Weisen von Zion sind keim Programm, sondern nur eine verworrene Folge von be« deutungslosen Abschweifungen, die in jeder Zeile ihr« Zusammenhanglosigkeit und die Unkenntnis Ihres Redaktors selbst über die elementarsten Begriffe verraten. Bs wäre niemals möglich, ein solches Programm auszuführen,: weil Widerspruch und Unsinn darin zu groß sind« 2. Es ist erwiesen, daß die Protokolle eine Fälschung sind. Diese wurde auf der Grundlage einer Satyre von Maurice Joly zusammengestellt, um die Juden verhaßt zu machen und die blinden Leidenschaften der Massen gegen sie aufzustacheln. 3. Der Baaler Zioaistenkongreß von 18Ö7 hat mit den Protokollen nichts zu tun. 4. Die Absicht, welche die Fälscher leitete, ist umstritten. Wahrscheinlich steht sie im Zusammenhang mit der innenpolitischen Lage Rußlands im Jahre 1905 und dem Manifest des Zaren vom 30. Oktober 1905. Die Juden, denen man die Protokolle zur Last legen wollte, sind in Tat und Wahrheit deren Opfer.