Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1938-02-11 · Heft 726 (11.2.1938) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
12 (1938)
Issue
Heft 726 (11.2.1938)
Date
1938-02-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2711613-2712340-2712352--7008-2720835
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 DÖS KfiQB WELT Nr. 726 vom 11. Februar 1938 $Cuß Of* Die Kulturwelt hat die Notwendigkeit der Existenz der Habimah bejaht. In Palästina und in allen Ländern der Gallith gilt die Habimah als das repäsentative Jüdische und hebräische Theater, und wenn sie von Zeit zu Zelt ihren ständigen Wohnsitz verläßt und durch die europäischen Städte von West und Ost reist und sich dem Publikum zeigt, so tut sie es heute nicht mehr, um sich selbst die Wege, die zur Kristallisation Ihrer einzigartigen Theaterkunst führen, klarzumachen, sondern aus dem unstillbaren Verlangen, der Welt zu zeigen, wie der jüdische, hebräische Genius sich Im Schauspielerischen offenbart. TJeber die Habimah ist schon soviel geschrieben, gesagt lind gedichtet worden, daß heute, wo sie In Wien einzuziehen im Begriff ist, nicht« Belangvolles mehr auszusprechen ist. Die zehn Jahre, die Habimah in ihrer endgültigen Heimat Erez Israel wirkte, haben uns zweifellos gewandelt, und wenn wir sie heute sozusagen als unseren teuren, unverlierbaren Freund begrüßen, harrend des Wunders, das uns wieder bevorsteht, so tun wir dies im Glauben, daß sie, die Habimah, eben zu uns gehört, wie ein Bruder zum Bruder, wie das Herz des jüdischen Palä- Andre Herder: fch bin Maler. Meine Freunde nennen mich Künstler. Was ist das? Ein Beruf? Ein Handwerk, in dem man es durch Fleiß und Geduld zur Virtuosität gebracht hat? Nein. Niemals. Kunst ist Sendung, heiliger Dienst, Künstler ein Begnadeter. Begnadet von der Vorsehung, vom Schicksal, von jener höheren Macht, der ich Untertan bin. Denn: ich glaube; ich bin religiös. Nicht in Formen, sondern tief in der Seele. Und mein Glaube ist sehr weitgespannt; er beinhaltet das Dogma des Künstlers: jeder Mensch ist eine Schöpfung für sich. Jeder Mensch ist eine Individualität, eigenartig, einzigartig, einmalig und unwiederbringlich. In jedem Menschen hat die höhere Macht einen Funken Göttlichkeit gelegt, der ihn, jeden für sich, auszeichnet und ihm seine Besonderheit verleiht. Jeder Mensch ist mit dem Ueberirdischen durch dieses Göttliche in sich verbunden... Die Geschichte kennt Punkte, an denen Völker einen. Wandel durchmachten. Sie gaben Ideale auf, nahmen neue an, sie stürzten Kulturen und erhoben andere, auf den Thron — Punkte, an denen die Masken und sie Seelen in einen nicht mehr zu beruhigenden Konflikt gerieten, die Masken von den Seelen zerrissen und .weggeworfen wurden, um neuen Formen des Geistes¬ und Kulturlebens Platz zu machen. Die Seele wollte das beschämende Spiel, verdrängt zu werden durch unnatürliche. Masken, nicht mehr mitspieien, und kam zur Herrschaft! In solchen Augenblicken offenbart sich blitzartig die wahre Natur der Seele. Sie liegt da rein, ungetrübt, natürlich. In solchen Momenten als Künstler die Menschen gestalten, gewährt in hohem Maße Gewißheit, sie währ zu gestalten. Deshalb das hohe Interesse der Künstler aller Art für diese Punkte. Was im Leben des einzelnen aufwallender Zorn bedeutet, das ist der Krieg und die Revolution im Leben der Völker. Doch muß ich bekennen: die schönsten und erhabensten Epochen sind nicht die der Kriege und der Revolutionen. Nicht wenn Blut und Tod elnherschreiten und die Sense Menschen mäht, erhebt sich mein Künstlertum, um zu jauchzen angesichts der wahren Natur, die sich offenbart. Viel seltener und darum viel erhebender sind jene Momente, da ohne Blut und Tod ein Mensch, ein Volk aus den Niederungen der Sklaverei zu den Höhen der Freiheit emporsteigt... Wenn die Zeit ruhiger sein wird, dann wird allmählich die Erkenntnis an Raum gewinnen, daß die Renaissance des jüdischen Volkes im heiligen Lande die wunderbarste, erhabenste Erscheinung der . Geschichte der neueren Zeit ist. Einer jener so seltenen Punkte, an dem ein Wandel sich vollzogen, an dem die Fessel der Volksseele, die aufgezwungenen Masken, in ein Meer von Galuthtränen ertränkt wurden, um der freien natürlichen Entfaltung der Seele im Lande der Propheten den Platz zu überlassen. Ich muß sagen: das ist der historische Punkt, die jüdische Gestalt festzuhalten. Der jüdische Mensch kehrt aus der Verbannung zurück. Er ist fest entschlossen, alles Unnatürliche von sich zu werfen, alles Unjüdische der Galuth abzulegen und den verschütteten jüdischen Funken auflodern zu lassen — der höchste ethische Punkt einer Gemeinschaft, der Punkt, ihre wahre Natur zu packen und mit dem Schwung des Künstlers in ewige Formen zu zwingen! Bewahre -r nicht einen Augenblick später. Ich weiß nicht, ich kann es nicht wissen, ob in zehn, ja, in fünf Jahnen, sich nicht in' Erez Israel eine neue - Maske eingelebt haben wird, die gleichfalls unjüdisch, unnatürlich sein wird. Eine Maske, die nicht mehr das wahre Bild des jüdischen Menschen wiederspiegeln wird. Es bleibt eine offene Frage, ob der jüdische Genius verstehen wird, daß von der gegen« wärtigen Art (darunter verstehe leb, diese paar Jahre, ffagen wir, die nächsten t&at feto »ha Jafcj»); da» jüdisch* Ua&unaU stlna zum Herzen de« jüdischen Volkes, das im Golns In diesem Sinne, freudig bewegt in feierlicher Stunde, rufen wird der Habimah ein herzliche« „Borach haba!" zu. * Die „Jüdischen Künstlerspiele", II., Praterstraße 34, haben der Habimah für ihr kurzes Gastspiel ihr Theater zur Verfügung gestellt. Da der Bühnenraum der „J. K." den Dimensionen der Dekorationen der Habimah angemessen ist, werden die Vorstellungen genau den Originalvorstellungen dieses berühmten hebräischen Theaters entsprechen. Samstag, den 12. Februar, findet um 7 Uhr abends als Festvorstellung für die Presse und geladene Gäste eine Aufführung des „D y b u k" mit dem gesamten Ensemble in den OriginalkostUmen und Originaldekorationen statt. Anschließend daran gelangt um 10 Uhr abends (22 Uhr) als erste öffentliche Vorstellung der „D y b u k" zur Aufführung, für die Freitag; den 11. Februar, der Vorverkauf an der Kasse der „Jüdischen Künstlerspiele", IL, Praterstraße 34, beginnt. Leben geformt werden wird, das Gesicht des jüdischen Volkes vielleicht für Jahrhunderte oder Jahrtausende fixiert ist. Ein Volk erlebt nicht jedes Jahrzehnt Umgestaltungen und Wandlungen fundamentalster Natur. Diese sind sehr selten. Oft nur einmalig. Jetzt gilt es, die Gelegenheit zu nützen und dem neuen jüdischen Gemeinschaftsleben in Erez Israel eine bleibende, aber durchaus natürliche, echtjüdsiche Gestalt zu verleihen. Ich habe letztens volle sechs Monate in Erez Israel verbracht. In voller Arbeit, in ernsten Studien. Vorher habe ich sechs Monate die Wohnorte der Juden in der Galuth durchwandert. Polen, Rumänien, Rußland," Deutschland usw. Ich kann Zeugenschaft ablegen vom Wandel im jüdischen Menschen. Ich sah das jüdische Dorf in Polen und den Kontrast, der jüdischen Siedlung in Erez Israel. Ich sah den Händler auf der Nalewke und den Gemüselieferanten, der Tel-Aviv versorgt. Ich sah den Jeschiwahbachur in Litauen und den Studenten an der Hebräischen Universität. Ich: sah die jüdische Frau in Lemberg auf dem Markt und Ich sah die jüdische Frau in Nahalal auf dem Felde. Ich sah den Chaasid in Beiz und ich sah den religiösen Chaluz, wie er in der Mittagspause in der einen Hand ein Stück Brot, in der anderen den Jeremias hielt. Ich sah noch und noch. Genug für ein Leben. Ich habe mich vollgetrunken an dieser Quelle und werde daran gelabt, solange noch Sinne meinem Körper innewohnen. Ich werde ein großes Werk schreiben, es soll mein Lebenswerk werden, und darin das Geschaute mit Feder und Pinsel als treuer Diener der Vorsehung, niederlegen. Als heiligen Dienst. Ein paar Striche sollen hier den Horizont des Werkes skizzieren. Eine interessante Beobachtung Ist die, daß wir, das Volk der Zahlen, der großen Zahlen, der Bankiers, sagen unsere Feinde, der Armen Groschen für hartes trockenes Brot, wissen wir — daß wir keinen Sinn für Zahlen haben, fast möchte ich sagen, daß wir nicht zählen können. Natürlich in der Not, in Gefahr, in der» Aufregung. In der Diaspora, im polnischen, rumänischen, russischen Dorf können zehn, jawohl zehn Kerle ein Blutbad anrichten, einen Pogrom inszenieren. Sind wir Feiglinge? Nein. Im Weltkrieg haben wir es bewiesen. Aber wir können nicht richtig einschätzen. Wir sehen in der Galuth statt der lebendigen zehn Kerle hundert. Die zehn Huligans sind, militärisch gesehen, keine Gefahr, wir könnten sie mit zehn der Unsrigen aufwiegen und abhalten, wir aber sehen in ihnen hundert und mehr |und strecken die Waffen, verkriechen uns in - Kellern, lassen uns ohne Gegenwehr abschlachten. In der Galuth. Wf r überschätzen den Feind, unterschätzen .uns. Anders in Erez Israel. Ich möchte da etwas sagen, was auf Ablehnung stoßen wird. Ich leugne glattweg das Heldentum der Chaluzim in den Moschawoth, wie es von anderen behauptet wird. Es ist da, das Heldentum, aber auf ganz anderen Gebieten. Es ist zu bewundern unsere Pflicht, aber nur dort, wo es existiert. Wenn unsere Chaluzim in den Moschawoth mit Arabern, von denen sie überfallen werden, fertig werden, so iBt das in neunzig von hundert Fällen kein Wunder, keine Heldentat, sondern — eben der Ausdruck des tiefen Wandels, der sich im jüdischen Menschen in der Heimat vollzogen: er unterschätzt nicht seine Kraft, er übertreibt nicht die Macht des Gegners. Ueberfallen uns Araber — dann zählen wir sie, eins zwei, drei vier und zählen uns. Vergleichen die Zahl, die Munition, die stärkeren Nerven und bleiben Sieger. Ich möchte da sagen, wir lernen Maßhalten. Der Zionismus steht heute bereit« an einem Punkt, wo er den Chaluz nicht mehr als Märtyrer der Mit- «•eit pritantterca muß, um bei VU; mafäte w Der Chaluz, richtiger, der neue Mensch in Erez Israel* ist ein Stolz des jüdischen Volkes, ein neuer, altneuer Typus, der uns aufzeigt, wie unsere Jungen werden müssen, um das zu sein, was sie sein wollen: Juden. Verwandt mit der Eigenschaft des Maßhaltens ist die: starke Nerven. In der Diaspora schreien, wörtlich, schreien wir. Das nervöse Volk, nennt uns ein deutscher Spötter. Das hastende, nie Ruhe findende Volk, nennt uns ein englischer Freund. Wahr, bitterwahr. Welcher Unsinn! Wir, das ewige Volk, das eine ewige Kultur geschaffen, das Propheten hervorgebracht, die Lebenskraft für Jahrtausende dem Menschen geben, wir, das älteste Volk, das noch lebt und leben will — wir werden nervös und beunruhigt, wenn ein Herr Minister in Europa von einem Land ins andere fährt, wenn ein Führer eines Staates eine Rede hält, wenn in einem Journal ein Aufsatz über uns erscheint. Wir fallen aus einer Nervosität in die andere, wir lassen unser Sckicksal von einem Eintagsereignis bestimmen und fühlen uns so wie Schiffbrüchige auf einem stürmischen Meer. Da hebt uns eine Woge empor, wir jauchzen, da stößt uns eine Woge hinab und begräbt uns, wir trauern, um im nächsten Augenblick wieder emporgetragen zu werden. Von einem Extrem werden wir ins andere geschleudert, vom Sozialismus zum Faschismus, von der religiösen Orthodoxie bis zum schonungslosesten Freldenkertum, von der Anarchie bis zur Demokratie, von Monarchisten zu Putschisten — Unruhe ist unser europäisches Element. Anders in Erez. Mögen die Widerwärtigkeiten auf dem politischen Horizont von außen und innen wie immer geartet sein, die Arbeit geht ihren ruhigen Gang weiter. Besonders deutlich trat all das während der Unruhen zutage. Da wurde geschossen und mit Bomben geworfen. Man glaubte, die Hölle sei losgebrochen. Nein. Als ob nichts gewesen wäre, ging das Leben seinen Weg weiter, die Geschäfte blieben offen, die Kaffeehäuser hatten Besucher, die Kinos spielten ihre Lustspiele, die Theater ihre Komödien, alles ging normal und ruhig weiter. Sogar die Orchesterkonzerte im Freien wurden nicht verschoben. Bomben, Tote, zerstörte Häuser, entwurzelte Bäume, aufgebrochene Oelleitungen, alles war im Rausch der Musik vergessen. Es ist eine tiefe Weisheit gewesen, als einer der Führer des Jischuws konstatierte: wer die besseren Nerven haben wird, wird siegen. Auch im Krieg, im brutalen Aufeinanderprallen der Waffen, siegt derjenige, der die stählernen Nerven hat. Der nervöse, hastende, aufgeregte Typ der Galuth weicht dem ruhigen, festen und sicheren Gang des Chaluz. Der gebeugte Kopf in der Galuth, weicht dem erhobenen Haupt des neujüdischen Menschen, empor zu den Gestirnen am palästinensischen Himmel. Der Gesang bei Juden in Europa ist entweder fremder, europäischer oder — chassidischer. Gesang der Chassidim beim1 Zaddik, Gesang der Chassidim an Festtagen. Und dieser Gesang ist nie völlig fröhlich. Immer klingt Schwermut mit. Immer durchziehen ihn Töne der Not und des Gedrücktseins. Ebenso der Tanz. Wir kennen in Europa nur den Tanz der Chassidim. Und der ist nur Ihm, dem Unaussprechlichen, zu Ehren. Nie um seiner selbst willen, nie Ausdruck einer Volkskunst, stets Be« gleitwerk an Festtagen. Auch der Tanz ist durchzogen von Trauer, gemahnt an schreckliche ' Momente. Wer jemals den Bärentanz gesehen hat, den ein chassidischer Jude von Chmjelnizkis Banditen aufführen muß — er schlüpft in ein Bärenfell und tanzt zu deren Belustigung; als Dank schlachten sie das ganze Dorf ab — die Wilnaer Truppe führt dies großartig auf — der wird verstehen, daß all das nicht Ausdruck von Freude und jauchzender Begeisterung ist. Anders in Erez Israel. Hier ist der Gesang zum Lebenselement der Jugend geworden. Der Gesang der Chaluzim und Chakuzoth, wenn sie morgens gemeinsam aus der Moschawah hinaus aufs Feld gehen, der Gesang während der Arbeit, der Gesang bei der Heimkehr ... Alte, schwere Weisen wechseln mit fröhlichen Liedern ab. Ein Singen und Jubilieren herrscht bei unserer Jugend, die beneidenswert ist. Die zur Freiheit erwachte Seele gibt ihren Dank preis; im Gesang, im Tanz. Die Horrah — ist ein Begriff geworden, ebenso das EmekMed. Und da ist der Tanz nicht zu vergleichen mit jenem, wie er in dumpfen Kaffeehauslokalcn in Europa betrieben wird, da ist Volkskunst am Werk. Volkstanz — ist die Horrah. Fünfzig, sechzig, oft mehr Jugendliche fassen sich .an den Händen, bilden einen Kreis, stimmen ein Lied an und nun geht's los bis zur Ermüdung. Die neue jüdische Jugend in den Tälern und auf den Bergen des heiligen Landes lobt das Leben durch Gesang und Tanz. Die Violine, die Mandoline, die Harmonika .— keine Seltenheit in den Kibbuzim, sondern eine Selbstverständlichkeit. Alles hat sich verjüngt und treibt Blüten. Die zweitausend Jahre verschüttete und maskierte Seele ist freigelegt und ersteht wieder in unvergänglicher Pracht. Ein historischer Wandel der Psyche des jüdischen Menschen. Bloß in einer Hinsicht habe ich keinen Wandel konstatieren können: Mit unserer Liebe und unserem Haß gehen wir noch sehr verschwenderisch um! Ein so altes, so kluges, so erfahrenes Volk, wie das jüdische, ein Volk, das schon so viel erlebt hat — jawohl, solch ein Volk sollte sehr vorsichtig in der Wahl der Menschen und Völker sein, denen es seine Liebe oder seinen Haß entgegenbringt. Vorsicht tut not. (Aus dem Französischen übertragen voa M. S. Brafmann.) ItmgestaituHt de* jfidisdm Seele

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.