Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 12 (1938)
- Issue
- Heft 726 (11.2.1938)
- Date
- 1938-02-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite« DIE NEUE WELT Nr. 726 vom 11» Februar 1638 Juden eingewandert sind. Die Zahl der jüdischen Einwanderer in den letzten fünf Jahren allein betrüg 175.000. Im Jahre 1937 waren es 10.537 Juden, die in Palästina einwanderten, von ihnen 21 Prozent Kapitalisten. Ab 20. Februar werden Passagiere im Hafen von Tel-Aviv landen können Aus Tel-Aviv (J. T. A.): Die Konstruktion der Passagierlandungsstation im Hafen von Tel-Aviv wird am 20. Februar vollendet sein. Nach Fertigstellung der Desinfektionskammer und der Quarantäne wird der Landung von Passagieren nichts mehr im Wege stehen. Studenten wählen in Jerusalem Arbeiterpartei in der Majorität — Rückgang der Allgemeinen Zionisten Aus Jerusalem wird berichtet: Bei den jetzt durchgeführten Wahlen in die Leitung der Studentenorganisation der Hebräischen Universität in Jerusalem gelang es der „Arbeiterpartei", die Majorität zu errringen. Von 641 abgegebenen Stimmen entfielen 348 auf diese Gruppe. Die „Allgemeinen Zionisten" erhielten 131, die Revisionisten 87 und die „Orthodoxe Gruppe" 69 Stimmen. Bei den letzten Wahlen hatten die „Allgemeinen", die Majorität erlangt und die Revisionisten standen an letzter Stelle. //Eine Kuhursdiande" Unter diesem Titel bringen die katholischen, im Sinne der Vaterländischen Front ' geleiteten „Wiener Stadtstimmen" (Folge 60, Februar) folgenden Artikel: Antisemitismus ist bei uns in Oesterreich Privatsache, mit der es jedermann halten kann, wie er will, und darum erübrigt es sich auch, zum Antisemitismus an sich Stellung zu nehmen. Energische Stellung muß aber zu Dingen genommen werden, die österreichischer Kultur, österreichischem Ansehen und nicht zuletzt österreichischer Wirtschaft Abbruch tun. Antisemiten haben es für nötigbefunden, sich in einem .„Oesterreichischen Antisemitenbund" zu vereinigen, der, das sei einmal offen ausgesprochen, Tendenzen huldigt, die mit Antisemitismus nur sekundär zu tun haben, primär aber auf eine ganz andere Zielstrebigkeit hinweisen, so zwar, daß offizielle und hiezu berufene Stellen sich genötigt sehen, die Tätigkeit dieses Bundes scharf unter die Lupe zu nehmen. Der Oesterreichische Antisemitenbund, der nichts anderes als die Geschäfte der Nazi besorgt, gefällt sich neuerdings darin, den Spuren Julius Streichers zu folgen. Er war geschmacklos genug, einen Christbaumschmuck auf den Markt zu bringen, der einen Galgen darstellt, auf dem zwei Raben sitzen und an dem ein Jude (baumelt. Es mag den zuständigen kirchlichen Stellen überlassen bleiben, ihr Urteil über einen Christbaumschmuck zu fällen, der einen Gehenkten darstellt, der dem gleichen Volk entstammtwie Jesus ChristuSj und darüber zu entscheiden, ob dieses sinnige Symbol für das Fest zur Ehre des Erlösers, das Fest der Liebe und des Friedens geeignet ist. Die widerliche Extratour des Oesterreichischen Antisemitenbundes hat selbstverständlich peinlichstes Aufsehen, erregt. Die bedeutendste und gelesenste amerikanische Zeitschrift „L i f e" brachte ein großes Bild eines Weihnachtsbaumes mit diesem viehischen Machwerk und gab den entsprechenden Text dazu, der weder unserem Ansehen im Ausland noch unserem Fremdenverkehr, um den wir seit Jahren schwer und mit Aufbietung großer Mittel kämpfen, besonders förderlich sein dürfte. Engländer, Franzosen und Amerikaner, jeder Mensch, der etwas auf Kultur hält, steht solchen Eskapaden auch dann verständnislos und ablehnend gegenüber, wenn er kein Jude ist, und könnte sich die Frage vorlegen, ob er noch in ein Land fahren soll, in dem derartige Unappetitlichkeiten, wie ein Galgen auf dem Weihnachtsbaum und ähnliche Erfindungen, die dem Oesterreichischen Antisemitenbund noch zuzutrauen sind, möglich sind. BaU des fuMaWtiu&Hakeah ^^^FW ^ww^* IVIW^WVVW m ^»•r~^^r^WWW 19. Februar 1938 / Hotel „Metropole" ELITE KlDDIES JAZZ Hier ist der Punkt, an dem weltliche Behörden einzugreifen haben, nicht aus verzwickten staatsrechtlichen Gründen, sondern einfach deshalb, weil wir uns den Luxus nicht leisten können, unseren Fremdenverkehr durch Bübereien stören zu lassen. Der Fremdenverkehr ist nach wie vor einer der wichtigsten Aktivposten unserer Wirtschaft, und wenn der Antisemitenbund, der nichts anderes als ein getarnter Nazibund zu sein scheint, von seinen Manifestationen nicht lassen zu können glaubt, möge er sich samt und sonders in jene Gefilde begeben, nach welchen er mit seinem verrohten Herzen tendiert und in welchen er sogar willkommen sein «dürfte. Man kann Antisemit sein, aber auch der Antisemit muß jenes Maß von Selbstzucht haben, das es gestattet, auch mit Antisemiten zu diskutieren. Die vom Antisemitenbund gewählte Art der Propaganda aber ist menschenunwürdig, ekelhaft und, was noch gefährlicher ist, restlos dumm. „fakuas im Samstag, den 12. Februar, 8 Uhr abends, Luttiger Majkentrubel im Heim des Judischen Klubs der Jungen, I, Kai 3, Telephon R-28-943 Bing der Alt-Herren-Verbände. Am Montag, den 14. Februar 1938, spricht Redakteur Bruno Heilig in unserem Klubhetm über das Thema: Antisemitismus in Rumänien und den Nachfolgestaaten. Beginn y%Z Uhr, Ein Brief Paul Claudel« Daniel-Rops Heß Vor kurzem in der von ihm herausgegebenen Sammlung „Gegenwartsfragen" einen Band „Die Juden" erscheinen, zu dem namhafte katholische Autoren Beiträge geliefert haben. Daraus zitiert die Monatsschrift „Jüdische Revue" (Nekudah-Verlag, Mukaöevo) einen Brief des französischen Dichters und Diplomaten Paul Claudel an den Organisator des Jüdischen Weltkongresses, datiert Chateau de Brangues, Mai 1936, in welchem es heißt: „Zu viel haben die K a t h o 1 i k e n bei uns in Frankreich unter der Verfolgung und dem unvernünftigen Haß einer unwissenden Menge zu leiden gehabt, zu viel haben sie noch in Mexiko und Spanien unter blinder und ungerechter Gewalt zu leiden, als daß sie nicht mehr denn je die Sache der religiösen Freiheit verteidigen müßten. Die abscheuliche und stumpfsinnige Gesetzgebung, die sich in Deutschland gegen Ihre Glaubensgenossen richtet, erfüllt mich mit Entrüstung und Entsetzen. Ich persönlich hatte stets Juden unter meinen besten Freunden und habe von ihrer Seite immer nur Entgegenkommen erfahren. Andererseits hat mich auch das ständige Studium der Bibel von der überragenden Bedeutung Israels in bezug auf Gott und die Menschheit überzeugt. Israel hat mit einem heldenhaften Mut und einer geistigen Kühnheit, die ohne Berufung von oben unerklärlich wäre, gegen alle Verführungen Griechenlands den Glauben an den einen, persönlichen und transzendenten Gott festgehalten, der allem heidnischen Aberglauben weit überlegen ist. Eben dieses Heidentum, das heute eine Wiedergeburt in seiner niedersten und häßlichsten Gestalt erlebt, stößt sich wieder einmal an diesem unerschütterlichen Feslen. Das alles habe ich schon früher gesagt und werde es noch oft sagen." Cnfö Buchsbaumr:v=-r I Bürgerliches Familiencafe. In- und ausländische Zeitungen. 1 Separierter Raum für gesch ossene Gesellschaften. Herab* ■ gesetzte Preise. Mokka 45 Groschen, Melange 50 Broschen. flk Der Vatikan gegen Rassenfanatismus Aus Rom: Das vatikanische Blatt „Osservatore Romano" veröffentlicht einen Artikel des Grafen della Torre anläßlich des Jahrestages der Besetzung des Heiligen Stuhles durch Pius XI. In einem Passus des Artikels erklärt der Autor, der Katholizismus lasse nicht die Tendenz, einer Superioritat oder Hegemonie oder die UeberhebUchkeit'-"e1her^R;.a s s er zu, „die dem. Imperialismus einen heroischen Anstrich und eine Marsgestalt gibt"; della Torre fügt hinzu, der Katholizismus hebe' im' Gegenteil die Ansicht hervor, daß jede Rasse ihre besondere Aufgabe im Fortschritt der Welt hat und . daß niemand das Recht sich anmaßen dürfe, irgend ein Volk zu erniedrigen, „wenn nicht ein solcher Ostrazismus schließlich alle treffen soll". Der Autor schließt, dies seien die Grundgedanken, die der Heilige Vater stets verteidigen werde. Eine //klägliche Ablenkung0 Aus Paris wird berichtet: Der bekannte katholische Philosoph Jacques Maritain hielt Samstag abends einen vielbeachteten Vortrag über den Antisemitismus, in dem er u. a. ausführte: „Wir unterschätzen keineswegs den Ernst der ue« geheuren wirtschaftlichen Schwierigkeiten, aber wir sagen: NichtderAntisemitismus kann Abhilfe schaffen, sondern nur die Umwandlung der wirtschaftlichen und sozialen Struktur der Welt. Der Antisemitismus lenkt die Menschheit in kläglicher Weise von den Anstrengungen, die von ihr verlangt werden, und von den wirklichen Ursachen ihrer Leiden ab. Er wirft den einen Teil der Menschen gegen den anderen, gleichwie eine Schiffsmannschaft, die, statt gegen den Sturm zu kämpfen, die Hälfte der Besatzung über Bord werfen wollte." Im weiteren unterstrich, Maritain den unversöhnlichen Gegensatz zwischen dem Rassismus und der katholischen Lehre. Den Rassismus bezeichnete er dabei als eine unmenschliche Barbarei. Der „Stürmer" ruft den Papst auf! Aus Berlin: Der von Julius Streicher herausgegebene „Stürmer", dem eben erst der Reichskanzler Hitler und der Reichsführer Himmler zu einem großen Triumph verholfen haben, versucht jetzt unter der TJeberschrift „Warum schweigt der Papst?" die sonst von ihm bekämpfte katholische Kirche gegen die Juden aufzuhetzen. Er schreibt: „Der W e 11 j u d e sucht mit der Geißel des Bolschewismus die Völker heim. Im Westen Europas wetterleuchtet es. Spanien brennt. In Frankreich stehen Millionen auf dem Sprung, die bolschewistische Brandfackel ins eigene Land und Volk zu schleudern. Vom Osten, von Sowjetrußland her, schiebt *slch dräuendes Gewölk gegen die Staaten Europas. Fragenden Blickes schauen in diesen Tagen, wo sich der Teufel anschickt, die Welt zu vernichten, unzählige Millionen nach Rom: Warum erhebt der Papst seine Stimme nicht? . . . Der Teufel wütet in Rußland. Ströme von Blut stillten seine Zerstörungswut nicht. Noch sind die Leichenhaufen der ermordeten russischen Bischöfe, Mönche und Nonnen nicht verwest, da setzen die jüdisch- Dolschewistischen Haufen erneut zum Sturme gegen das Christentum und gegen die Kirche an. Diesmal ist es die katholische Kirche, die es trifft." Dann wird erzählt, daß „vertierte jüdische Frauenzimmer auf abgeräumten katholischen Altären tanzen", „Bischöfe wurden bei lebendigem Leibe verbrannt, in Metzgerladen sah man die ausgeweideten Körper ermordeter Pfarrer an Fleischerhaken im Schaufenster hängen". Zum Schluß heißt es: „Die Glocken müßten von allen Türmen läuten, in den Kirchen müßte sich das gläubige Volk drängen, ein einziger großer heiliger Wille müßte aus den Kirchen erwachsen: der Wille,, mit dem Teufel Alljuda den Kampf aufzunehmen." Der aittijüdisdie Radikalismus in Deutschland Im Zusammenhang mit der Umbildung des reichsdeutschen Regierungs- und Heeresapparats wird darauf hingewiesen, daß auch im jüdischen Sektor die radikalen Kreise die Oberhand gewonnen haben und sich ein verschärfter antisemitischer Kurs ankündigt. Zu der gemäßigt-konservativen Gruppe, die jetzt erledigt wurde, gehörte auch General v. Fritsch, der sich seit jeher gegen den Radikaiismus der nationalsozialistischen Partei gewendet hatte. Die Eliminierung der Juden aus dem Wirtschaftsleben und aus der Armee lehnte die Fritsch- Gruppe ab, weil dies eine Schwächung der deutschen Wehrkraft zum Ergebnis habe. Ebenso wandte sie sich gegen eine allzu plebeische Form des Antisemitismus, die Deutschlands Ansehen in der Welt herabsetze. Man geht jetzt, wie verschiedene Nachrichtenagenturen melden, daran, den jüdischen, wirtschaftlichen und sozialen Körper endgültig zu zersetzen. Schon das Vorgehen gegen die Staatenlosen beweist das. Vor einiger Zeit wurden sämtliche jüdischen Gemeinden, Organisationen und Institutionen angewiesen, die bei ihnen beschäftigten jüdischen Staatenlosen fristlos zu entlassen und auch Pensionszahlungen an solche Beamten und Angestellten sowie ihre Hinterbliebenen einzustellen. Es handelt sich da nicht um Personen, die von Haus aus staatenlos waren, sondern meist um solche, die durch die in den Jahren 1933 und 1934 erfolgte Ungültigkeitserklärung der Einbürgerungen von Juden utomatisch staatenlos geworden waren,* ohne daß ihre Namen in der Ausbürgerungsliste . des „Reichsanzeigers" erschienen waren. Viele, viele Hunderte der Oberhäupter , dieser ausgebürgerten Familien , waren als religiöse, administrative qder Soaalbeamte, als Angestellte und Arbeiter bei jüdischen Gemeindeinstitutionen beschäftigt, zum Teil seit Jahrzehnten, manche sogar seit vierzig Jahren. Sie sind nun vollkommen brotlos. Seitens der staatlichen Organe wird die Durchführung der erwähnten Verordnung gegen die Staatenlosen mit größter Wachsamkeit und Nachsichtslosigkeit kontrolliert. Es ist strengstens verboten, diesen Menschen oder ihren Angehörigen auch nur eine Unterstützung zukommen zu lassen, so daß ihre Not auf das höchste gestiegen ist und niemand in der Lage ist, ihnen beizuspringen. Seit kurzer Zeit werden die Nürnberger Gesetze auch im Steuerwesen angewandt. Alle als Nichtarier angesehenen Personen haben keinerlei Anrecht auf Steuerermäßigung, die sonst für jedes Kind gewährt wird. Diese Ermäßigungen sind recht beträchtlich. So brauchte z. B. ein Mann, der vier Kinder und ein Einkommen von 260 Mark im Monat hat, keine Einkommensteuer zu bezahlen, während jetzt für einen Juden unter den gleichen Bedingungen die Einkommensteuer 171.60 Mark im Jahr beträgt. Die Nürnberger Gesetze sind nur mehr die Basis für neue Maßnahmen, die an Radikalismus nicht mehr zu übertreffen sind. Wo es noch — natürlich in jüdischen Betrieben — jüdische Leiter und Arbeiter gibt, werden sie entlassen. Und der neugegründete Arbeiterverband hat beschlossen, überhaupt keine Beziehungen mehr zu jüdischen Firmen zu unterhalten. Die jüdischen Wohlfahrtsorganisationen sind so schwer in Anspruch genommen, daß sie mit der Beantwortung von Gesuchen um Unterstützung bis zu fünf Wochen in Rückstand geraten sind. Es gibt nur mehr eine Frage, die die Juden Deutschlands im dringendsten Maß beschäftigt, das ist die Frage der Auswanderung. Alle anderen Möglichkeiten haben sich als Illusion erwiesen. Bleiohröder „arisch" geworden Aus Berlin: Die persönlich haftenden Gesellschafter Dr. James von Bleichröder, Martin Aufheuaer und Hans Arnhold sind aus der S. Bleichröder Kommanditgesellschaft in Berlin ausgeschieden. Gleichzeitig sind der Geheime Legationsrat Dr. Walter Frisch, Berlin» als persönlich haftender Gesellschafter, und eine Kommanditistin in die Gesellschaft eingetreten. Die Veränderungen hängen mit der Ueberleltung dieses alten und angesehenen Bankhauses in arische Hände zusammen; die gleiche Maßnahme steht auch bei den Bankflrmeni I. Dreyfus und GebrUder A r n h o 1 d (Berlin)' böVQir*