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Die neue Welt · 1938-02-01 · Heft 723 (1.2.1938) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
12 (1938)
Issue
Heft 723 (1.2.1938)
Date
1938-02-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 723 vom 1. Februar 1938 «Chef Teil des rumänische* Judentums mit verschiedenen Paßfälscherwerkstätten in Verbindung gesetzt hat, um sich die Einreise auch in die Länder au erschleichen, in denen die Israeliten voraussichtlich wenig willkommen sein dürften." Di© Argumentation entbehrt keinesfalls der Logik. Da man eine Zuwanderung von Juden nicht gemerkt hat, müssen sie — also auch nach Wien — auf Schleichwegen gekommen sein, dazu noch mit gefälschten Pässen. Wo«u sie überhaupt Pässe brauchen, wenn sie auf Schleichwegen in die meinen Länder kommen, das zu erklären, braucht m eben die Logik des offiziellen Organs. Bei diesem hnen Oedankensprung bleibt es nicht. Das offizielle Organ schreibt nämlich weiter: „Ittteressanterweise wählten die meisten rumänischen Juden, die nach Oesterreich kommen wollten» nicht etwa den Weg über Ungarn, Jugoslawien oder Italien, sondern fast ausschließlich über die Tschechoslowakei, deren Judenfreund Ii oh k ei t ja allgemein bekannt Ist. (Zur sehr geringen Freude der bodenständigen tschechischen und slowakischen Bevölkerung, die vorläufig noch schweigen muß.)" Interessanterwelse wählten die meisten rumänischen Juden (die an der Grenze nicht gesehen wurden, die sich nach Oesterreich ohne Pässe einschmuggelten und die sich vorsichtshalber falsche Pässe verschafften!) den bequemsten und kürzesten und billigsten Weg. Warum Juden, die aus Rumänien nach Oesterreich kommen wollen, den Weg über Italien nehmen sollen, weiß niemand außer dem offiziellen Organ. Es ist auch auffallend, daß die Tschechoslowakei, deren Judenfreundliehkeit ja allgemein bekannt ist und die aus einer bodenständigen tschechischen und slowakischen Bevölkerung besteht, doch wiederum un- «uf rieden ist und schweigen muß,.. Das offizielle Organ erzählt all diese wirren Dinge, um schließlich in den Ruf auszubrechen: „Gefahr in Verzug!" Das Blatt verlangt, man solle eine „weitere Zuwanderung aus dem P-'en" nicht ««lassen, da Oesterreich schwer genug darum zu kämpfen habe, „daß die unter der eigenen Bevölkerung herrschende Arbeitslosigkeit gemildet werde". Wozu dieser Alarmruf? Das ofMelle Organ bedient sich der Legende vom zerbrochenen Topft Erstens ist kein rumänischer Jude an der Grenze sichtbar. Zweitens wimmelt es in der Inneren Stadt und in der Leopoldstadt von rumänischen Juden. Drittens schmuggeln sich die rumänischen Juden nach Oesterreich ein, weil sie keine Pässe haben. Viertens haben sie sich falsche Pässe verschafft, um hereinzukommen. Auf seine innere Wahrheit geprüft, enthält der Artikel des „Wiener Gewerbe" nichts anderes, als Schaumschlägerei, vorgetäuschte Informationsquellen, verleumderische Folgerungen, kurzum, ein Sammel surium von Ignoranz, Böswilligkeit und Hetze. Eine Zuwanderung rumänischer Juden, die ,,das bodenständige Volk von Wien und Oesterreich" in seiner Existenz bedrohen, besteht nur in der schäbigen Phantasie des „Wiener Gewerbe", das sich bei jeder Gelegenheit als Schützer berrechtigter Interessen aufspielt. BÜCHER jeder Art (auch alf) im Antiquariat Hermann TUCH**Eft, EClfg Tfluörstrofle 52. Tek R-41-4-20 Eine menschliche Stimme Im katholischen Wiener Blatt „Reichspost" schildert der berühmte Redner und Schriftsteller Pater Muckermann, welcher aus Deutschland flüchten mußte, ein Gespräch zwischen Oesterreichern und Reichsdeutschen. Er schreibt u. a.: „Ein anderer aber nestelte ein zweites Blatt aus seiner Tasche. Man sieht dort ein Haus mit der Inschrift: .Polen*. Auf der anderen Seite des Bildes sind vier Häu- C2T mit den Aufschriften: .Tscheche!, Bulgarien, Jugoslawien, Oesterreich.' Die Tür des polnischen Hauses öffnet sich und man sieht noch den Militärstiefel, der das abscheuliche Tier hinausgestoßen hat, das mit einem menschlichen Antlitz häßlich-jüdischer Prägung versehen ist. Eine Frau gießt zum Ueberfluß dem davonkriechenden Tier den Inhalt eines Gefäßes auf den Rücken, das wir nicht näher bezeichnen wollen. Die Uebersehrift des Bildes lautet: ,Rette sich, wer kann*, dazu ist noch bemerkt: ,Die Aufnahme der jüdischen Emigranten aus Rumänien wird von den Nachbarstaaten abgelehnt.* Es stand für uns das jüdische Problem nicht auf der Tagesordnung, aber hier wurde es allen sofort klar, daß es nicht so sehr um ein jüdisches, als um ein m e n sc h 1 i c h e s Problem gehe. Was immer man nämlich über die Judenfrage denken mag und was immer man über sie beschließen will, das Christentum muß in dem Augenblick protestieren, in dem ein Mensch geschändet wird, sei er nun Christ, Heide, Mohammedaner oder Jude. Wenn wir dagegen protestieren, daß man mit Karikaturen von Kirchenfürsten aufwartet, und wenn wir das tun, nicht nur weil in solchen Karikaturen der Träger eines Amtes beleidigt wird, sondern vor allem deshalb, weil in ihm das, was mehr als der Träger des Amtes ist, der Mensch selber, der das Amt trägt, einen Schlag ins Gesicht erhält, so können wir die gleiche Auffassung nicht einem einzigen Mitbewohner dieser Erde gegenüber vergessen, der in den primitivsten Menschenrechten beleidigt wird. Kirchenverfolgung besteht nicht allein darin, daß man Priester foltert und Klöster in Brand setzt, sie besteht wesenhaft auch darin, daß man den Tempel Gottes, der der Mensch ist, schändet und daß man in jedem Menschen, den man in seinem Menschentum beleidigt, auch Christus trifft." E ne Mystifikation Vom Präsidium des Rings der A.-H.-Verbände der zion. Verbindungen erhalten wir folgende Zuschrift: In Nr. 4 der Zeitschrift „D i e W a h r h e i t" vom 28. Jänner <L J. ist unter dem Titel „Kampfansage an die Flucht ins Chetto" ein Artikel erschienen, als dessen Autor ohne Namensnennung „Ein prominentes Mitglied des Rings der A.-H.-Verbände der zion. Verbindungen" angegeben wird. Das Präsidium des „Rings" erklärt, daß die assimilatorische Tendenz dieses Artikels zum nationalen Bekenntnis und die anonyme Veröffentlichung desselben in einer gegnerischen Zeitschrift zum Ehrbegriff der Ringmitglieder und zu deren Disziplin in krassem Widerspruch stehe. Die Veröffentlichung dieses Artikels mit der Bezeichnung „Von einem prominenten Mitglied des Rings der A.-H.-Verbände der sion. Verbindungen" stellt demnach eine Mystifikation dar. Eine eingeschlagene Fensterscheibe Der jüdische Kaufmann Ezechiel Michael Lebenschuß wurde von einem Wiener Gericht zu vier Monaten schweren Kerkers verurteilt, weil er eine Auslagenscheibe der Reichsbahnzentrale (Verkehrsbüro) in der Kärntnerstraße eingeschlagen hatte. Jede Fensterscheibe nimmt das Risiko auf sich, eingeschlagen zu werden. Das liegt eben in der Natur der Fensterscheiben, besonders derjenigen, die an exponierten Stellen glänzen. Fensterscheiben in einem dunklen, verlassenen Hinterhof sind besser dran. Man beachtet sie weniger, schert sich weniger um sie... Da geht ein unbescholtener Kaufmann, dem die antisemitische, vom Dritten Reich nach Oesterreich importierte Rassentheorie die Kunden verjagt hat, an solch einer Fensterscheibe vorüber, das Blut steigt ihm zu Kopf und die Reaktion — hinter der Scheibe ist em die Provenienz des Reisebüros betonendes Hitler- Bild sichtbar — ist ein Ausschlagen des Fußes, das die Zertrümmerung der Scheibe zur Folge hat. Wer eine Scheibe zertrümmert, muß büßen und zahlen. So will es das Recht und so ist's nach mensch- Es ist Pflicht einer jeden Frau, durch täglichen Gebrauch einer kleinen Menge natürlichen „Franz-Josef Bitterwassers für regelmäßigen und ausgiebigen Stuhlgang zu sorgen! Fragen Sie Ihren Arzt. lichem Gefühl in Ordnung. Zwar sagt der Gerichtspsychiater, daß der Zertrümmerer der Fensterscheibe sich zur Zeit der Tat in einem starken Affektzustand befunden habe, der das Bewußtsein herabmindere, und daß der Zertrümmerer der Fensterscheibe betreffs seiner Verantwortung Glauben verdiene, aber der Gerichtshof entschuldigt die Affekthandlung nicht. Die prominente Fensterscheibe ist 900 Schilling und vier Monate schweren Kerkers wert. Aber die Legende von der eingeschlagenen Fensterscheibe ist damit nicht zu Ende. Es werden nachher, nach der Zertrümmerung der führenden Fensterscheibe, noch viele andere Fensterscheiben eingeschlagen, allerdings keine prominenten, sondern kleine, unbedeutende, jüdische — damit die große, prominente gerächt werde. Vom Schicksal derjenigen, welche diese große, prominente Fensterscheibe gerächt haben, hat man vorläufig noch nichts gehört. L ciiaulumen § 40 ährigen Jubiläum d«t 1. Wr. Jüdischen Turnv«r«l nes, v*foni)altef voft 0 11 IS Makkobi Turnvereine« Wien» SOFIENSKLEN Md««^«»* Nr. 17 Anschließend BALL # Kappel!« ISY GEIGER Beginn: Klnderschoufurnen 18 Uhr. Allgemeine» Schauturnen 19.30 Uhr JUDEN! KOMMT IN MASSEN! Tschechen und luden Vor kurzem hat die „Neue Welt" Ausführungen des bekannten tschechischen Publizisten Peroutka wiedergegeben, in welchen dieser den Juden gutgesinnte politische Schriftsteller das Verhältnis zwischen Tsohechen und Juden analysiert. Er warnt die Juden davor, ihren mäßigen Anteil am wirtschaftlichen und politischen. Leben in der Tschechoslowakei zu vergrößern, da dies die Judenfrage aufwerten und einen bisher fehlenden aggressiven Antisemitismus hervorrufen könnte. In der Prager „Seibat« wehr" tritt Dr. Ch. Hoffmann diesen Auslassungen Peroutkas entgegen und schreibt: „Die Gefahr eines antijüdischen Kurses in der Tschechoslowakei entspringt nicht der Tendenz der Juden nach Vergrößerung ihres wirtschaftlichen Einflusses. Ihr Anteil an der Bevölkerung ist im Abstieg. Daa Judentum in den historischen Ländern (Böhmen, Mähren und Schlesieh) wies in der Pex*iode 1D21 bis 1930 einen biologischenVerlust von über 4 Prozent auf, weitere fast 8 Prozent verließen durch Austritt aus der jüdischen Religionsgemeinschaft unsere Reihen. Daß unser wirtschaftlicher Einfuß sich verringert ha*, beweisen nachstehende Ziffern: Die Zahl der im Handel und Kredit beschäftigten Juden nahm in der erwähnten Periode in Böhmen um 0,03 Prozent zu, während die gleiche Berufsgruppe bei der Gesamtbevölkerung einen Zuwachs von 41,7 Prozent Verzeichnet (also ein mehr als 1200fach starker Trieb der Nichtjuden zum Handel). Die Zahl der in Industrie und Handwerk beschäftigten Juden nahm um 11,7 Prozent ab, während bei der Gesamt«» bevölkerung eine Zunahme um 9,9 Prozent erfolgte. Die Gefahr eines antisemitischen Kurses entspringt also nicht unseren Expansionstendenzen, sondern der Gefährdung der tschechoslowakischen Demokratie durch den äußeren Druck des Faschismus, der auch in der tschechischen Rechten die Lust nach einer Nachahmung des Vorbildes Hitlers oder Gogas weckt. Die Frage der Erhaltung der tschechoslowakischen Demokratie ist aber nicht abhängig von den 2*/« Prozent jüdischer Bevölkerung dieses Staates, sondern von der Widerstandskraft, Ueberzeugungstreue und Kühnheit der demokratischen Kräfte in diesem Staate. Wohl aber vermag eine ungelöste Judenfrage ein vortreffliches Agitationsmittel des Paschismus abzugeben. Je ungelöster also die wirkliche Judenfrage ist, desto größer die Gefahr, in welche sich der demokratische Staat begibt. Aber diese Gefahr kann man nicht durch Leugnen der Judenfrage bannen, denn sie besteht." Karlsbad verzidifet auf luden? Das Prager Organ der Sudetendeutschen Partei Konrad Henleins, „Die Zeit", meldet aus Karlsbad: Zur Nachricht, daß Deutschland beabsichtige, die Ausreise von reichsdeutschen Juden auch in die Kurorte wieder von einem ärztlichen Zeugnis abhängig zu machen, und daß die Kurorte dagegen in Berlin intervenieren werden, wird vom Karlsbader Bürgermeister Schreitter-Schwarzen« f eld mitgeteilt, daß irgend welche Interventionen in der Angelegenheit natürlich nicht in Betracht gezogen werden. Den Kurorten ist von einer derartigen Verordnung des Deutschen Reiches offiziell noch' nichts bekannt. Sollte sie erfolgen, sieht man in Karlsbad und den anderen westböhmischen Kurorten darin keinen Grund zur Beunruhigung der Kurortebevölkerung. Der hohe Prozentsatz nichtarischer Kurgäste in Westböhmen ist zwar seit Jahren Tatsache, doch weiß man, daß sich darüber hinaus eine zumindest ebenso große Zahl von arischen Kurgästen um Zuteilungen aus dem Bäderkonto einfach deswegen vergeblich bemüht hatte, weil sich die anderen jüdischen Kurgäste schon bei Jahresbeginn für ihre Bäderreise intern essieren und ihre tsch.-K-Zuteilungen betrieben. Soweit der Bürgermeister von Karls-* bad. Das Henlein-Organ meldet weiter: Auch diö rumänischen Verhältnisse beurteilt man in den Kurorten absolut ruhig. Tatsächlich hat die inzwischen eingestellte „Czernowitzer Allgemeine Zeitung" in den letzten Jahren Reisen nach Karlsbad veranstaltet. Irgend welche Protestschritte sind auch hier nicht beabsichtigt. Im Gegenteil wird man be-< müht sein, andere rumänische Zeitungen für derartige Reiseaktionen nach den westböhmisohen Bädern zu gewinnen. Zyklus fidUckec 1/ltmik Seohs Abende mit prominenten Mitwirkenden, Ab 2. Februar jeden Mittwooh, »0 Uhr. Jüdische Kulturstelle, Wien I, Kai 3. Verb« der ludemfaafiszionisfen Oesterreichs Judenstaatsjugend. Dienstag, den 1. Februar, halb 9 Uhr abends im Zentralheini, II., Pratersfcraßo 30, Vortrag Dr. Artur Rein Inger: Wie schützt man sich vor Erkältung? — Hygiene der Luftwege. — Donnerstag, den 8. Februar, Dlskus&lonsabend: Aktuelle Fragen. Sektion Prater, II., Erlafstraße 5. Donnerstag, den 8. Februar, Vortrag Dr. Oskar Kosenfeld: Der ewige Jude.

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