Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 12 (1938)
- Issue
- Heft 721 (25.1.1938)
- Date
- 1938-01-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2712340-2712347--6972-2720794- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 721 vom 25. Jänner 1938 DIE NEUE WELT Seite S Wtltpclitik der Woche Mit der Uhr in der Hand Trotz der vielen geschäftigen Reisen europäischer Staatsmänner, bzw. der gegenseitigen Besuche ergibt sich für den Beobachter eine Pause in den Spannungen, die in den letzten Jahren an Intensität zugenommen hatten. Wer die bestehenden Machtverhältnisse ändern will, kann dies nicht allein durch kriegerische Handlungen, sondern auch durch die wachsende Dynamik seiner eigenen Kräfte erreichen. Aber auch im zweiten Fall wird schließlicn eine Korrektur durch Machtmittel vorgenommen, so daß — und das geschieht gerade jetzt — immer wieder zwischen Wunsch und Ziclerreichung sich ein Ruhepunkt einschiebt. Ruhe sagen wir und bemerken, daß seitens der demokratischen Staaten vor allem England Genf wieder zum politischen Sammelpunkt machen will. Scharfe Worte, Demonstrierungen der Macht werden vermieden. Man läßt gewähren. Fast sind die Auseinandersetzungen rings um die Neugestaltung der Welt vergessen. Japans Eroberungsfeldzug in Fernost, ciie Okkupation Abessiniens und der spanische Bürgerkrieg erregen nicht mehr sonderlich die Gemüter. Von einem Eingreifen Englands und Amerikas wegen China ist kaum mehr die Rede. Die Anerkennung des italienischen Imperiums regt die Staatskanzleien nicht mehr auf. Und betreffs der Zurückziehung der Freiwilligentruppen aus Spanien wird kein lautes Wort mehr gesprochen. Gerade das, was uns allen als höchste Sorge erschien, macht den verantwortlichen Regierungen keine Sorge. Ja nicht einmal die Symptome einer politischen Umorientierung Rumäniens und Jugoslawiens, welche beide ihre Bündnisverpflichtungen wenn nicht brechen, so doch ignorieren, regen die Welt sonderlich auf. Frankreich, von dieser Wendung am nächsten betroffen, sucht seine Außenpolitik ohne Nervosität den geänderten Verhältnissen anzupassen. Es ist anzunehmen, daß dies Frankreich kraft seiner Anpassung an jede weltpolitische Situation gelingen wird, um so mehr als jetzt das Zusammengehen mit England in allen großen Entscheidungen sichtbar geworden und keiner Mißdeutung ausgesetzt ist. Natürlich kann das Anpassen an die geänderten Macht- und Bündnisverhältnisse mit zeitweiligen Krisen verbunden sein. Für den oberflächlichen Beurteiler hat Deutschland an Kraft und Entschlossenheit und darum an Anziehungskraft gewonnen, das von Parlamentskrisen und Streiks heimgesuchte Frankreich an Attraktivität eingebüßt. Aber solange im Hintergrund als Wahrer freiheitlicher Prinzipien und Vertragspflichten das große Amerika steht, werden' die kleineren Staaten trotz zeitweiliger Extratouren nicht wagen, einen Strich durch die Vergangenheit zu machen, oder gar so töricht sein, einem Phantom nachzujagen. Allerdings steht dieser theoretischen, bzw. prophetischen Betrachtung die Frage entgegen: Werden die moralischen Grundsätze in der politischen Welt stark genug sein, den Angriffen der politischen Korruption Widerstand zu leisten? Darauf kann man mit einer großen Dosis Wahrscheinlichkeit antworten: Wenn die eine Seite erobern, die andere Seite die gewaltsame Umgestaltung verhindern will, muß der Augenblick einer kriegerischen Austragung der Gegensätze kpmmen. Die Engländer werden, ihrer * traditionellen Politik gemäß, den Augenblick wählen, der ihnen als der günstigste erscheint. Großbritannien wird seine Machtmittel einsetzen, sobald es eine andere Lösungsmöglichkeit als eine kriegerische nicht mehr sieht. Es wird mit der Uhr in der Hand seine Entscheidung treffen. Denn es weiß genau, was es von den Regierungen zu halten hat, die sich in Friedensbeteuerungen überbieten. o. r. tyldus {iidUcUet Htuak Seclus Abende mit prominenten Mitwirkenden. Ab 2. Februar jeden Mittwoch, 20 Uhr. Jüdische Kulturstelle, Wien I, Kai 3. Blutreichen, korpulenten Personen, Gichtleidenden und Hiimorrhoidalkranken ist ein Glas natürliches „Franz-Josef"-Bitterwasser, morgens auf nüchternen Magen getrunken, oft von unermeßlichem Nutzen!" Fragen Sie Ihren Arzt. E Eine Niederlage der Hakenkreuzler Aus Kopenhagen wird berichtet: In der Verhandlung in zweiter Instanz vor dem Landesgericht gegen fünf nazistischen wegen Beleidigung der jüdischen Gemeinschaft und Verspottung der jüdischen Religion angeklagten Literaten stellte der Verteidiger Vestergaard, wie bereits mitgeteilt, den Antrag auf Rücktritt des Vorsitzenden, Richters Gammeltoft, weil dieser jüdischer Abstammung sei. Der zweite Verteidiger Pontoppidan unterstützte den Antrag. Der Vorsitzende, Richter Gammeltoft, ersuchte um nähere Beweise seiner jüdischen P bstammung. Advokat Vestergaard .verlas hierauf ein paar Urkunden, aus welchen hervorgehen soll, daß die Großmutter Gammeltofts Tochter des jüdischen Großhändlers Ree gewesen ist. Auf die Bemerkung des Richters, daß sie und seines Wissens auch ihr Vater getauft waren, erwiderte der Verteidiger, dies sei möglich; der Großhändler Ree habe jedoch vorher der jüdischen Gemeinschaft angehört. Nach dreiviertelstündiger Beratung verkündete der Vorsitzende den Gerichtsbeschluß, laut welchem der Antrag abgelehnt wird, da nichts vorliege, was die Vorurteilslosigkeit des Richters Gammeltoft anzutasten geeignet wäre. Daraufhin erklärte der Verteidiger, daß die Angeklagten gegen diesen Gerichtsbeschluß die Entscheidung des Höchstgerichtes anrufen wollen. Er stellte den Antrag, bis zu dieser Entscheidung die Verhandlung zu vertagen. Das Gericht wies auch diesen Antrag ab und ging in die Verhandlung ein. Der Vertreter der Anklage, Anwalt Wilfred geführten Zitate aus antisemitischen oder sonstigen wertlosen Schriften stammen, dagegen liege dem Gerichte das Gutachten des Professors der Theologie an der Kopenhagener Universität Torrn vor, welches der Verteidiger geflissentlich verschweigt und in welchem die inkriminierten Beschuldigungen als bösartige Fälschungen, Verdrehungen und Phantastereien charakterisiert werden. Der Angeklagte und sein Verteidiger seien noch immer dem Gerichte den Wahrheitsbeweis schuldig, daß die in Dänemark lebenden Juden Betrügereien, Mordtaten usw. begehen und daher unschädlich gemacht werden sollen. Nach einer etwa zweistündigen Beratung verkündete der Vorsitzende das Urteil. Der Begründung wird ein Zitat aus dem Gutachten des Professor Torrn zugrundcgelegt, in welchem Torrn erklärt, er habe selten einen solchen Mißbrauch der jüdischen religiösen Schriften gefunden wie in den inkriminierten Broschüren und er schließe sich in allen Punkten dem Gutachten des Oberrabbiners Friediger an. Das Gericht bestätigte die Urteile der ersten Instanz: gegen Möller (20 Tage Haft), Olsen (80 Tage) und Lemvig-Müller (40 Tage). Dagegen findet das Gericht, daß die von Aage Andersen ausgesprochenen Verleumdungen so grober Art seien, daß man sie als gegen besseres Gewissen erhobenansehen muß, weshalb die Anwendung des Verleumdungs-Paragraphen am Platze sei, die Strafe wird ihm von 60 auf 80 Tage erhöht. Ebenso wird für Jensen die Strafe um weitere 20 Tage erhöht. Die Angeklagten und die Verteidiger blieben der Verkündung des Urteils demonstrativ fern. BOCHER jeder Art (auch alt) im Antiquariat Hermann TUCHNER, ECHß TaMllBe 52. Tel. R-41-4-20 Christensen, las das Urteil der ersten Instanz vor, wonach vier der Angeklagten zu Gefängnisstrafen von zwanzig bis achtzig Tagen verurteilt, einem fünften die Strafe in eine andere Strafe eingerechnet und eine Frau, die sechste Angeklagte, freigesprochen wurden. Er verlas die inkriminierten Zitate, in denen die Juden aller möglichen Verbrechen, wie: Diebstahl, Betrug, Unzucht und M o r d an Nichtjuden bezichtigt v/erden und behauptet wird, daß die jüdischen Religionsschriften — Bibel und Talmud — unmoralische Gesetze enthalten. Der Staatsanwalt erklärte, er könne mit der Urteilsbegründung der ersten Instanz nicht übereinstimmen, wonach die Angeklagten nur als naive Fanatiker zu betrachten.seien, die in gutem Glauben gehandelt hätten. Sie hätten-vielmehr gegen ihr bestes- Wissen und Gewissen gehandelt und seien nicht rur wegen Beleidigung, sondern auch wegen Verleumdung zu verurteilen. Was die Angeklagten den Juden und. der jüdischen Religion zur Last legen, sei reine Absurdität oder, nach dem Ausdruck des Professors der. Theologie T o r m in seinem, dem Gericht vorgelegten Gutachten, „bösartige Phantastereien". In öänisohen Gesetzen vor ein paar hundert Jahren findet man z. B. Anweisungen, Leute, die mit dem Teufel verkehren, am lebendigen Leibe zu verbrennen. Was ließe sich über die Mentalität des dänischen Volkes von heute sagen,* wenn, man Juden von heute nach den Gesetzen, die vor zweitausend Jahren, angeblich geschaffen wurden, beurteilt. Die Angeklagten hätten keinen Wahrheitsbeweis für ihre Beschuldigungen zu erbringen vermocht. Der öffentliche Ankläger schloß mit der Forderung, die Strafen für sämtliche Angeklagten zu verschärfen. 'Das Urteil wird in einigen Tagen verkündet werden. Die dänische Presse stellt mit Genugtuung fest, daß der Versuch, die nazistischen Methoden in die dänische Rechtspflege einzuführen, mißglückt ist. «i Der Verteidiger Rechtsanwalt Pontoppidan hielt ein langes Plädoyer, das er mit Zitaten aus deutschen antisemitischen Schriften füllt. Als er Streichers Ausspruch zitiert, daß der „jüdische Gott selbst laut der Thora seinen Anhängern Lügen, Diebstahl,. Mord usw. befiehlt und sie dafür belohnt", bemerkte der Vorsitzende: „Aber die Christen halten auch das Alte Testament gleich dem Neuen Testament für göttlichen Ursprungs!" Der Verteidiger erwidert, unter den christlichen Theologen gehe die Entwicklung in der Richtung der Aberkennung des göttlichen Ursprungs des Alten Testaments. Der Vorsitzende bemerkt ironisch, es würden kaum viele solcher Theologen zu finden sein. Der Staatsanwalt wies'darauf hin, daß alle die an- VerbanJ der mdenstaatsiionlsten Oesterreichs Samstag, den 12. Februar 1038, in sämtlichen Festsälen des HoUl Matropole, I, Morzinplatz wsmsmMsmMsm TANZ / Erstklassige Jazz AkacUmi« prominenter Künstler; Sarah Goldstein, die weltberühmte Sängerin; Oskar Wc inner, der 15jöhrige Violinvirtuose; Edmund Mühlstock (Bariton); Trude Roth (Vortragskünstlerin) Im kleinen Saal singt und spielt Lilly Holpern Karten ä S 3.50 (an der Kassa erhöhte Preise) / Saaleröffnung 8 Uhr Vorverkauf: Im Zentralheim, II, Praterstraße 30, Tel. R-45-1-60-U; bei Frau Paula Stricker, Telephon Ü-21r7-7S; ferner in allen Sektionen Der judildie Wellkongreß Seine Bedeutung im Abwehrkampf Aus Anlaß einer Werbeaktion für. den „Jüdischen Weltkongreß" (J.;W. C.) in der Schweiz, bringt die Züricher „Jüd. Preßzentrale" einen Artikel des bekannten Völker* rechtslehrers Professor Dr. Paul G u g g e nheimer (Genf) über die Bedeutung des J. W. C, in welchem es u. 'a. heißt: „Wenn wir auch bis zu einem gewissen Grade verstehen können, daß in den Ländern, 4n denen :<Ue-Recht© der Juden nicht, oder n o e.h. n i c h t; beeinträchtigt, sind, Hemmungen bestehen, an diesem politischen Kampfe für die verfolgten Glaubenbrüder teilzunehmen, so müssen wir doch feststellen, daß leider die Not der Zeit dringend verlangt, derartige-a n s ich begrelf 11che E mpf in»- düngen zurückzusteilen; Wir dürfen eben nicht vergessen, daß es in der Judenfrage heute keinen teilbaren Frieden und keinen teilbaren Krieg gibt, sondern nur einen unteilbaren .Kampf, da auch der; Angriff auf der ganzen Linie auf internationaler Front gegen uns geführt wird. Dazu kommt noch ein anderes. Wenn in vergangenen Zeiten Rücksichten auf die s t.a a tliche Gemeinschaft, der wir angehören, an.einem internationalen Kampf gegen den Antisemitismus mitzumachen und zur Zurückhaltung und sogar zur Nichtteilnähme veranlaßt haben, so ei'scheü\t eine derartige Haltung um deswillen heute nicht mehr angebracht, weil die antisemitische Welle, die uns bedroht, mittelbar auch) unsere staatliche Gemeinschaft, ihre Institutionen, die Zivilisation, die ihnen zugrunde liegt, . als solche angreift. In der Tat unterscheidet sich der internationale Antisemitismus unserer Tage von demjenigen der Vergangenheit dadurch, daß er nicht ein isolierte» Phänomen darstellt, welches eine sozial schwache Geraeinschaft in Zeiten wirtschaftlicher Umwälzungen treffen soll, sondern er ist ein Teil einer umfassenden Bewegung, die gegen die überkommene Kultur und ihre normale Fortbildung, gegen die freiheitlichen Einrichtungen und letzten Endes gegen die großen Erkenntnisse des naturwissenschaftlichen Weltbildes, das seit der Ueberwindung des Mittelalters immer mehr unser Denken und Handeln beherrscht, anrennt. Deshalb ist der Kampf gegen den Antisemitismus in seiner internationalen Ausprägung eine Angelegenheit, die weit über dasinnerjüdischelnteresse hinausgeht. Es ist eine kulturelle Notwendigkeit und bedarf daher der ' Unterstützimg aller; jener, die den endgültigen Rückfall in die Barbarei bekämpfen wollen. Die Notwendigkeit einer Front des internatio- Verb. der Judenstaatszionisten Oesterreichs Der Verband der Judenstaatszionisten Oesterreichs und dieJudenstaatsjugend gratulieren ihrem Mitglied Herrn Philipp Issersohn zu seiner Vermahlung mit Fräulein Sali Goldberg aufs herzlichste. J u d o n s t a a t s j u g e n d. Dienstag, den 35. Jänner, halb 9 Uhr abends, Mitgliederversammlung im Zentralheim, II., Praterstraße 80. Erscheinen Pflicht. Die Zeitschrift des Brith HaKanaira „Haruachhachadaschah" (Der neue Geist) ist soeben erschienen. Reich illustriert. Bestellungen sind an die Maskiruth des Brith Hakanalm, II,, Praterstraße 30, zu lichten.